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Interiors 1/2020, Ausstellung, Richard Neutra

Richard Neutra Ausstellung in Wien

Richard Neutra (1892-1970) ist vermutlich Österreichs erfolgreichster Architekturexport des 20. Jahrhunderts – doch dass Neutra überhaupt gebürtiger Wiener war, gerät angesichts seines späteren Lebenslaufs leicht in Vergessenheit. Und obwohl Neutra dem eigenen Bekunden nach schon mit acht Jahren beschloss, Architekt zu werden, war dieser Berufswunsch gewiss nicht durch das Elternhaus vorgeprägt. „In meinem Kreis gab es kein Verlangen nach einem ‚frischen Wind‘. […] Enge, Freudlosigkeit und tägliche Schalheit waren früheste und beste Führer in eine neue Umgebung, nach der man sich sehnen konnte“, schrieb Richard Neutra 1962 in seiner Autobiografie.


Neutras Lebenslauf, zumal seine zwischen Sehnsucht und Frustration wechselnde Beziehung zur Heimat, ist einer der Erzählstränge, den die aktuelle Ausstellung im Wien Museum verfolgt. Den anderen bilden die Wohnhäuser im Umland von Los Angeles, mit denen Neutra zur Schüsselfigur der kalifornischen Architekturmoderne aufstieg. Zwischen beiden knüpft die Schau wenig inhaltliche oder räumliche Verbindungen. Das biografische Material – überwiegend Reproduktionen von Fotos, Zeichnungen und Schriftstücken – ist auf gelben Tischen ausgebreitet, die Häuser dagegen auf großformatigen Architekturfotos von David Schreyer in offenen Holzstellagen entlang der Saalwände zu sehen. Neun sind es an der Zahl – von insgesamt 169 Bauten, die Neutra allein in und um Los Angeles hinterlassen hat, und die in einem wandhohen Schwarzplan der kalifornischen Metropole am Ausgang der Ausstellung verzeichnet sind.


Die Fotos vermitteln anschaulich die Nähe zur Natur, die Neutra mit seiner Architektur herzustellen suchte – und die heute dazu beiträgt, dass seine ursprünglich für Bauherren aus der Mittelklasse geplanten Häuser zu Luxusobjekten geworden sind. Nicht selten droht ihnen sogar der Abriss angesichts stark steigender Grundstückswerte, die Begehrlichkeiten bei Investoren wecken. Die in der Ausstellung gezeigten Häuser bilden hier eine Ausnahme: Sie haben kunstsinnige neue Eigentümer gefunden, die Ausstellungskurator Andreas Nierhaus auch bereitwillig von ihrem Verhältnis zu den Gebäuden berichteten. Die Begleittexte zu den Architekturfotografien vermitteln denn auch ebenso viel über Bewohner und Nutzung der Häuser wie über deren Architektur.


Parallel dazu vermittelt die Ausstellung erhellende Einblicke in Neutras Leben und Werk. Man erfährt über Neutras behütete Kindheit als Sohn eines Gießereibesitzers, seinen Wehrdienst in Bosnien-Herzegowina, die frühe, durch Adolf Loos entfachte Begeisterung für die USA und die erste Begegnung mit Frank Lloyd Wright, dem zu Ehren er sogar seinen ersten Sohn auf den Namen Frank Lloyd taufte. Relativ breiten Raum nehmen im Wien Museum Neutras publizistische Tätigkeit und die mediale Rezeption seiner Arbeiten ein. Schon Mitte der 1920er-Jahre begann Neutra, seinen österreichischen Landsleuten Architektur, Stadtplanung und Ingenieurbaukunst seiner neuen Heimat in mehreren Büchern näher zu bringen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen architekturtheoretische Schriften und mehrere Werkmonografien hinzu. 1949 schaffte er es als einer von ganz wenigen Architekten überhaupt auf das Titelbild des „Time Magazine“. Weniger schmeichelhaft war die Resonanz in Österreich, wo er sich in den 1960er-Jahren vergeblich um Aufträge bemühte: Das einheimische Architektur-Establishment betrachtete den inzwischen weltbekannten Emigranten als unerwünschte Konkurrenz und Störenfried. So hinterließ Neutra in Österreich letztlich nur ein Gebäude – ein unauffälliges eingeschossiges Wohnhaus 1930 in der Wiener Werkbundsiedlung.


Eine kompakte Ausstellung wie die in Wien lässt naturgemäß auch Lücken: Wenig nur erfährt man darin über Neutras Arbeitsweise, wenig über seine Zusammenarbeit mit anderen Architekten, allen voran mit seinem Sohn und Büropartner Dion. Auch Neutras Bauten in Europa, die vor allem in der Schweiz und in Deutschland zu finden sind, bleiben völlig außen vor. Stattdessen präsentiert Nierhaus Neutra als Einzelkämpfer und großen Erneuerer, der seiner Heimat schon bald fremd geworden ist, und der sich erst spät und vergeblich bemühte, dort wieder Anschluss und Aufträge zu finden.


Seit dem 29. Mai kann die sehenswerte Ausstellung wieder besucht werden.


 Zur Ausstellung erscheint die Publikation:  David Schreyer, Andreas Nierhaus: Los Angeles Modernism Revisited. Häuser von Neutra, Schindler, Ain und Zeitgenossen, Zürich: Park Books, 2019

Die Häuser der Ausstellung:
Miller House, Palm Springs, 1936/37
Strathmore Apartments, Westwood, Los Angeles, 1937
McIntosh House, Silver Lake, Los Angeles, 1937-1939
Freedman House, Pacific Palisades, Los Angeles, 1949
Wilkins House, Pasadena, 1949
Oyler House, Lone Pine, 1959
Kambara House, Silver Lake, Los Angeles, 1959-1961
Ohara House, Silver Lake, Los Angeles, 1961
VDL II Research House, Silver Lake, Los Angeles, 1965/66


 

Eine ausführliche Print-Dokumentation finden Sie in unserer Ausgabe Interiors 1/2020.
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