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Rückblick auf ein Architekturjahrhundert: Paul Schneider-Esleben in München und Düsseldorf

Was bleibt am Ende eines Architektenlebens? Das Architekturmuseum der TU München beantwortet diese Frage im Fall von Paul Schneider-Esleben (1915-2005) auf eigenwillige Art und Weise: In den letzten Saal der Ausstellung, die vor wenigen Tagen in der Pinakothek der Moderne eröffnet wurde, ist Schneider-Eslebens kompletter Nachlass eingezogen. In langen Reihen von Planschränken und einem hohen Regal sind nun die mehr als 30.000 Zeichnungen, 29.000 Fotografien und weit über 100 Modelle untergebracht, die nach Schneider-Eslebens Tod in den Besitz des Museums übergingen.

Kuratorin Regine Heß will die Ausstellung eher als »Zwischenstand« verstanden wissen denn als definitive Aufarbeitung eines Lebenswerks. Sie will das Werk Schneider-Eslebens auch in den kommenden Jahren gemeinsam mit anderen Architekturhistorikern und Weggefährten des Architekten aus unterschiedlichen Blickwinkeln weiter erforschen. Die Münchener Retrospektive bleibt denn auch relativ konservativ in ihrer Gliederung und ihren Ausdrucksmitteln: 25 Projekte aus den Jahren 1950 bis 1993 werden anhand von Plänen, meist historischen Fotografien, Schriftstücken und (größtenteils Original-)Modellen dokumentiert.

Die Ausstellung porträtiert Paul Schneider-Esleben nicht als genialen Erfinder neuer Architekturformen – der er auch nie gewesen ist -, aber als Generalisten, bei dem Form, Grundrisstypologie und Konstruktion stets zu einer schlüssigen Einheit zusammenfanden. Schneider-Esleben hatte das Glück in einer Zeit zu leben, in der Architekten noch als umfassende Gestalter gefragt waren. Für viele seiner Bauten schuf er auch Innenausstattung und Mobiliar, wie einzelne Originalstücke in der Ausstellung bezeugen.

Das Werk eines Frühvollendeten
Überdies fielen Schneider-Eslebens erste Gehversuche als Architekt in die Aufbruchs-Ära der 50er-Jahre, als selbst junge, begabte Berufsanfänger in vielen Metiers schnell in einflussreiche Positionen aufsteigen konnten. Gerade einmal ein Einfamilienhaus zählte sein Werk, als ihn der Großindustrielle Franz Haniel mit dem Entwurf seines vielleicht bekanntesten Bauwerks beauftragte. Die Haniel-Garage in Düsseldorf beeindruckt bis heute mit ihrer Transparenz und der kühnen Geste der Außenrampe, die von den betonierten Kragbalken des Dachtragwerks abgehängt ist.

In den Folgejahren stieg Schneider-Esleben zu dem neben Egon Eiermann und Helmut Hentrich meist gefragten Verwaltungsbau-Architekten in Deutschland auf. Den Auftrag für das Mannesmann-Hochhaus in Düsseldorf errang er noch in einem Architektenwettbewerb (1950, mit dem Juryvorsitzenden Paul Bonatz), spätere Bauten waren meist Direktaufträge. Auch die Teilnahme auf der »Interbau« in Berlin 1957 und der Entwurf des neuen deutschen »Staatsflughafens« Köln-Bonn (eingeweiht 1970 durch Gustav Heinemann) bezeugen Schneider-Eslebens herausgehobene Position in der deutschen Nachkriegsarchitektur.

Der Bezug zur heutigen Zeit wird in der Münchener Ausstellung vorwiegend durch Filme hergestellt. Zum einen sind auf kleinen Bildschirmen sechs Nutzerinterviews mit Priestern, Autoverkäufern und Flughafenmitarbeiterinnen zu sehen, die heute in Schneider-Eslebens Bauten arbeiten. Zum anderen hat ein Filmteam für die Ausstellung einen fast einstündigen Dokumentarfilm gedreht, in dem sich aktuelle Aufnahmen der Bauten und Interviews mit früheren Studenten und Weggefährten Schneider-Eslebens abwechseln.

Hier blitzt denn auch gelegentlich auf, was die Ausstellung sonst kaum vermittelt: die Persönlichkeit Schneider Eslebens. So sagt etwa der Hamburger Architekt Jan Störmer, der in den 60er-Jahren bei Schneider-Esleben studierte, dieser habe »vor Eitelkeit getroffen«. Aber, so Störmer weiter, »bei ihm habe ich auch gelernt, dass Architektur im kleinsten Detail anfängt ... Er war kein Architekt, der von der Form, von außen kam. Für mich kam er von innen.«

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Von der Parkgarage zum Burgerrestaurant

Vielleicht war dies auch der Grund für die relative Langlebigkeit der Bauten Schneider-Eslebens. Die meisten sind bis heute genutzt und in relativ gutem Zustand. Lediglich das Düsseldorfer »Stufenhochhaus« der ARAG wurde mittlerweile abgerissen und das Commerzbank-Hochhaus (ebenfalls in Düsseldorf) steht seit Jahren leer. Die Haniel-Garage hingegen stellt ihre Flexibilität inzwischen als BMW-Autohaus und Drive-In-Restaurant einer Burgerkette unter Beweis und im ehemaligen Mannesmann-Hochhaus residiert inzwischen das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium.

Gerade die Filmaufnahmen machen beim Betrachten Lust, Schneider-Eslebens noch erhaltene Bauten einmal vor Ort zu besichtigen. Befriedigen lässt sich dieser Drang in München indessen kaum: Gerade ein einziges Bauwerk – das Wohnhaus einer Jesuitengemeinschaft, das inzwischen zu Luxuswohnungen umfunktioniert wurde – hat der rheinische Architekt dort realisiert.

Glücklicherweise ist die Münchener Ausstellung jedoch nicht die einzige Aktivität, die bundesweit anlässlich von Schneider-Eslebens 100. Geburtstag stattfindet. Genau am 23. August startet im Düsseldorfer Mannesmann-Hochhaus sowie in der nordrhein-westfälischen Architektenkammer eine zweite Retrospektive, zu der dann auch das dortige Wirtschaftsministerium seine Pforten (teilweise) öffnen wird. Außerdem, so die Ausstellungsmacher, seien mit der Rochus-Kirche, der Haniel-Garage, der Rolandschule und dem Commerzbank-Hochhaus ja auch noch eine Handvoll weiterer Originalbauten auf Düsseldorfer Stadtgebiet zu besichtigen.

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