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Sanierung als Bauaufgabe der Zukunft

Um die von der Regierung im Rahmen der Energiewende anvisierten Ziele zu erreichen, müssen pro Jahr doppelt so viele Gebäude saniert werden wie bislang. Diesbezügliche Auflagen und Vorschriften werden immer strenger. Die Verfügbarkeit staatlicher Fördermöglichkeiten ist aufgrund der wirtschaftlichen Situation nicht gesichert. Zugleich verbirgt sich hier ein Potential für Unternehmen und Eigentümer von Immobilien, langfristig Energie und damit Kosten einzusparen und bestehende Werte zu erhalten und zu vergrößern.

Im August 1977 wurde die erste Wärmeschutzverordnung erlassen. Mit dem Inkrafttreten im November desselben Jahres wurde unter anderem erstmals die Verwendung einer Isolier- oder Doppelverglasung verpflichtend gefordert. Etwa drei Viertel aller Gebäude in Deutschland wurden vor 1978 errichtet. Für diese Gebäude gab es zum Zeitpunkt ihrer Errichtung keinerlei rechtliche Vorschriften für energiesparenden Wärmeschutz. Der riesige Bestand ist für rund ein Drittel der deutschen CO2-Emissionen verantwortlich und verbraucht fast 40% der erzeugten Energie. Gleichzeitig sind Immobilien als Wertanlage nach wie vor stark gefragt. Die Werterhaltung gilt als gesichert, für strukturstarke Regionen wird ein Zuwachs prognostiziert. Um die gebauten Werte zu erhalten, sind jedoch Investitionen erforderlich. Thema sind nicht nur natürliche Alterungsprozesse. Aufgrund steigender Anforderungen bedürfen auch Technik und Ausstattung sowie das Erscheinungsbild als Aushängeschild der Pflege. Neben Wohngebäuden sind vor allem Verwaltungs- Büro- und Produktionsgebäude betroffen.

Zwei jüngere Sanierungsprojekte im Objektbereich zeigen beispielhaft wie Bestandsgebäude durch eine gelungene Erneuerung mess- und sichtbar aufgewertet werden können: 

Das erste Projekt ist die Sanierung eines Bürogebäudes – Hauptgebäude der Lindner AG in Arnstorf – bei laufendem Betrieb. Dem Gebäude kommt als Firmensitz eine übergeordnete Bedeutung zu. Zusätzlich zur Arbeitsplatzsituation, zum Raumklima und zur Behaglichkeit, die die im Inneren ausgeübten Tätigkeiten fördern sollen, hat die Firmenzentrale repräsentative Funktion. Sie soll einladen und gleichzeitig eine dem Unternehmen entsprechende Ausstrahlung besitzen. Gerade eine Firma wie die Lindner AG, die neben Lösungen für den Innenausbau auch innovative Fassadensysteme entwickelt und vertreibt, trägt ihre Gebäudeaußenhaut als Markenzeichen. Zur Befestigung der neuen Elementfassade Lindner ECO wurden speziell konzipierte Stahlkonsolen im Raster an tragende Gebäudeteile montiert. Vorgefertigte Fassadenelemente wurden mit dem Kran eingehoben und von einer Hebebühne aus mittels einstellbarer Haltekonsolen feinjustiert. Nach Fertigstellung der vorgehängten Fassade wurden die bestehenden Fenster von Innen demontiert und ein passgenauer Anschluss hergestellt. Auf ein Fassadengerüst, das bei Arbeiten an der Außenhaut meistens zum Einsatz kommt, konnte in diesem Fall verzichtet werden. Der hohe Vorfertigungsgrad sowie größtenteils witterungsunabhängige Montage führten zu einer Optimierung der Bauzeit. Die gesamte Fassadenfläche wurde 2010 innerhalb weniger Wochen grunderneuert und überzeugt im Ergebnis sowohl optisch als auch bauphysikalisch.

Hauptgebäude Lindner AG, Arnstorf; Architekturbüro Konrad Stadler; Fotos: Linder AG

Eine weitere zukunftsorientierte Modernisierung ist das Projekt WestendGate in Frankfurt am Main – die Sanierung eines Hochhauses, das mit 159 Metern ehemals Deutschlands höchstes Gebäude war. Hochhäuser ragen allein durch ihre Größe aus der Masse heraus. Nicht selten wird als Krönung die zugehörige Marke oder Firma mittels weithin sichtbarer Schriftzüge und Embleme, die gerne namensstiftend wirken, platziert. Maximale Präsenz und Fernwirkung sind inbegriffen. Im Gegenzug bedeutet das, auch kleine Zeichen des natürlichen Alterungsprozesses, Materialschwächen oder nicht mehr zeitgemäße Optik erhalten große Aufmerksamkeit. Gleichzeitig gehören Hochhäuser trotz augenscheinlich effektiver Flächenausnutzung zu den aufwendigsten Gebäuden was sowohl Planung als auch Herstellung betrifft. Neben brandschutztechnischen Fragestellungen und Erschließung ist dieser Umstand der erforderlichen leistungsfähigen Gebäudetechnik und den Kräften geschuldet, die durch Größe, Masse und Höhe auf die Wolkenkratzer wirken. Abgesehen von der Außenwirkung muss vor allem diesem Faktor Rechnung getragen werden: für die Rentabilität der Riesen, für deren Errichtung ein ungleich großer Aufwand betrieben wird, ist die Erhaltung der Lebensdauer und ihres Potenzials hinsichtlich Wirkung und optimaler Nutzbarkeit grundlegend. Die Fassadensanierung des WestendGate überzeugt durch eine ausgewogene Mischung aus Wiederverwendung und Erneuerung. Große Teile der monoton gerasterten Außenhülle von 1976 wurden entsorgt und durch neue wärmegedämmte gekantete Brüstungsbleche ersetzt. Über einen vertikalen Versatz der Kanten entsteht ein Welleneffekt, der die riesige Fassade auflockert und mit neuer Dynamik in die Gegenwart überführt. Zugleich wurden mehrere tausend Quadratmeter der Bestandsfassade gekennzeichnet und demontiert. Nach Reinigung und Neubeschichtung wurden die Verkleidungsbleche an ihrer ursprünglichen Position wieder montiert. Ergänzend wurden an der südwestlichen Schmalseite über die gesamte Gebäudehöhe Solarmodule angebracht, die die CO2-Bilanz verbessern. Die hochwertige Fassade wurde im zuvor beschriebenen Firmensitz der Lindner AG geplant und produziert.

WestendGate Frankfurt am Main; Bauherr: Aberdeen Immobilien Kapitalanlagegesellschaft mbH; Architekten: Just/Burgeff Architekten; Fotos: Eibe Sönnecken

Beide Projekte können nach Durchführung der Sanierungsmaßnahmen erhebliche Energieeinsparungen für sich verbuchen, wobei die Hochhausfassade mit einem U-Wert von 1,1 W/m²K die EnEV 2007 um 25% unterbietet. Die Verbrauchsdifferenz an Primärenergie wird in Simulationen und Berechnungen mit minus 36% im Vergleich zum unsanierten Zustand beziffert. Die zukunftsweisende Sanierung wurde u.a. von der Europäischen Kommission mit dem Zertifikat "Green Building" ausgezeichnet. Neben Energiebilanzen und Schadstoffemissionen rücken Lebenszyklusanalysen und ganzheitliche Betrachtungen von Rohstoff- und Materialkreisläufen in den Fokus. Beurteilungen und Zertifizierungen nach DGNB und dem britischen Pendant LEED werden in Zukunft vor allem für hochwertige Immobilien an Bedeutung gewinnen; ein Trend, der beispielsweise in der Lindner ECO Fassade wegweisend aufgenommen wird: mit der Entwicklung des hochisolierenden Fassadensystems wurden detaillierte Daten über die Umwelteinwirkungen während der gesamten Lebensdauer gesammelt und ermittelt, sodass auf Wunsch eine projektspezifische Bilanzierung durchgeführt werden kann.

Grundlage für alle energetischen Berechnungen und Betrachtungen sind jedoch die bestehenden Bauwerke; nüchtern betrachtet eine große Masse an Rohstoffen und Material, die nach Regeln und Gesetzmäßigkeiten zusammengefügt wurde. Durch die daraus entstehende Nutzbarkeit und eine entsprechende Außenwirkung erfährt die Rohstoffmasse eine Wertsteigerung. Die Werte, die in Gebäuden durch Material, Funktion und Gestalt gebunden sind, gilt es zu erhalten. Sie stellen einen beträchtlichen Teil unseres Wohlstands dar und bedürfen eines sorgsamen und verantwortungsbewussten Umgangs jetzt und in der Zukunft.

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