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Schöne An- und Aussicht

Foto: archiv_terrain.de/Hubertus Hamm

Eine funktionale Skulptur im Grünen bereichert seit neuestem die Naturlandschaft des Biotopverbundsystems "Grünes Band Europa" in der Südsteiermark. Durch verschiedene Waldetagen macht den Aufstieg duch die Doppelhelix zum grünen Erlebnis. Entwickelt wurde der Aussichtsturm an der Mur von den Münchner Architekten und Landschaftsarchitekten terrain:loenhart&mayr, die sich bereits mit der zukunftsweisenden neuen Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen einen Namen gemacht haben. Mit dem Ausblick unmittelbar am Flusslauf der Mur erschließt der Aussichtsturm die umgebende Ökologie des Auenwaldes und macht eindrucksvoll den sich durch Wasserkraft verändernden Flussraum erlebbar. Die grundlegende Idee des Murturms folgt mit seinem Erschließungs- und Konstruktionsprinzip einer Doppelhelix, mit dem die Vorstellung eines kontinuierlichen Wegs baulich in die Höhe getragen wird.

Der Aufstieg des Besuchers wird zum landschaftlichen Erlebnis. Der sich in die Höhe schraubende Weg führt durch die so genannten „Waldetagen“ - die ökologischen Höhenschichten des Auenwaldes - und macht so die ökologische Ordnung und Mikroklimata im Auwald erlebbar. Nach 168 Stufen, auf 27m Höhe, erreicht man schließlich eine bewusst klein gehaltene Aussichtsplattform, von der sich ein atmosphärischer Panoramablick erschießt. Von dort oben führt ein weiterer Treppenlauf nach unten, so dass sich aufsteigende und absteigende Besucher auf zwei unterschiedlichen Treppen im Raum bewegen.

Foto: archiv_terrain.de/Hubertus Hamm

Hier gibt es einen überraschenden Bezug zur historischen Doppelwendeltreppe in der Grazer Burg: Diese um 1500 erbaute Treppe erzeugt ein einmaliges Raumgefühl, von dem sich die Architekten des Murturms haben inspirieren lassen: Die Doppelwendeltreppe „verbindet und verschraubt den Raum mit der Zeit“ schreibt schon Erich Fried in seiner Hommage an diesen historischen Ort. Dieses „verschrauben“ von Raum und erlebten Weg ist Grundlage der Idee des spiralförmigen Wegs des Murturms. In Rückkoppelung mit der Tragwerksplanung wurde eine polygonalisierte Raumstruktur entwickelt, unter enger Berücksichtigung tragwerksrelevanter und fertigungstechnischer Aspekte. Bemerkenswert ist hierbei, dass der Prozess der Formfindung integrativ gehandhabt wurde – nach ersten physischen Modellstudien wurden parallel die Modellentwürfe im digitalen Raum statisch dimensioniert um in Folge im physischen Modell wiederum architektonisch überprüft zu werden. Dieser Vorgang wurde vielfach wiederholt bis das gewünschte Zusammenspiel aus Form, Bewegung und Tragwerk gefunden war.

Foto: archiv_terrain.de/Marc Lins

Beim Tragwerk des Murturms handelt es sich um ein „Hybridtragwerk“, denn hierbei bilden die räumlich biegesteifen Knotenverbindungen in Kombination mit einer Verseilung und Druckstäben das Tragsystem. Das Haupttragwerk wird von Tragrohren und Stützrohren gebildet und gewährleistet die Standsicherheit, während die Verseilung das Schwingungsverhalten und die horizontale Kopfauslenkung begrenzt. Wichtigstes Anliegen des Tragwerksentwurfs war es, das architektonische Konzept der Doppelspirale von gegenläufigen Auf- und Abgang mit den geometrischen Kreuzungspunkten in seiner Eindeutigkeit zu unterstützen und weitere statisch erforderliche Knotenpunkte zu vermeiden. Sämtliche Tragelemente finden ihren Schnittpunkt daher in den Verschneidungspunkten des spiralförmigen Auf- und Abgangs. Die hierdurch erzeugte Komplexität der Knotenverbindungen erforderte eine konsequente Planung in 3D. Das entwickelte Hybridtragwerk funktioniert als räumlich zusammenhängendes Stabtragwerk. Während die vertikale Verseilung das Schwingungsverhalten steuert, kontrollieren die sich horizontal nach oben windenden Seile die Kopfauslenkung. Durch diese intelligente Anordnung der Verseilung konnte auf zusätzliche Schwingungsdämpfer verzichtet werden und die Vorspannung der Seile hat zudem einen positiven Effekt auf die Betriebsfestigkeit der biegesteifen Verbindungen. Die in der perspektivischen Wahrnehmung scheinbar freie Geometrie der Tragelemente basiert auf einer räumlich klaren symmetrischen Anordnung der Elemente in der Abwicklung des Tragwerks. Hier offenbart sich das gleichmäßige Raster, mit dem sich alle Knoten in gleicher Geometrie wieder finden.

Foto: archiv_terrain.de/Hubertus Hamm

Während unter den bisherigen technologischen Bedingungen versucht wurde, geometrische Komplexität in der Ausbildung der Knotenverbindungen zu vermeiden, ist mit den heutigen technologischen Möglichkeiten der 3D – Planung und CNC – gesteuerten Fertigung eine Neuinterpretation von Komplexität möglich. Es wurde ein Bausatzprinzip für ein Leitdetail entwickelt, das auf alle weiteren Knoten übertragen werden konnte. Trotz nterschiedlicher Maßstäblichkeit und Materialstärke aller Knoten konnte mit diesem Bildungsprinzip der wiederkehrenden Knotengeometrie eine effiziente Fertigung und hohe Ausführungsqualität erzeugt werden.

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