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Design Biennale in Saint-Étienne, Frankreich, Player Piano, Claudia Fuchs

Schöne neue Arbeitswelten – Design Biennale in Saint-Étienne

Zum 10. Mal findet in der stark vom Strukturwandel betroffenen Stadt die Design-Biennale statt. Gegründet 1998 von der Kunst- und Designhochschule, war sie von Beginn an nicht primär als reine Ausstellung konzipiert, sondern gedacht als Plattform für den Gedankenaustausch zwischen jungen Talenten, etablierten Designern und ausgewählten Firmen. Mit einem breitem Angebot an Diskussionen, Symposien und informellen Treffen ist sie eine Veranstaltung, die eher Fragen stellt, als fertige Lösungen anbietet und sich auch einem breiten Publikum öffnet. Anders als in den Jahren zuvor sind allerdings bei der diesjährigen Biennale, die den Wandel der Arbeitswelt thematisiert, weniger Designobjekte zu sehen - wer innovatives Produkt- oder Möbeldesign sucht, wird diesmal nur schwer fündig. Der Fokus ist theoretischer, das Programm ist als Forschungsprogramm angelegt und stärker an die Hochschule angebunden, mit Beteiligung zahlreicher Studenten und ihren Arbeiten.

Im Zentrum der Biennale steht die Cité du Design mit ihrem Hauptgebäude, der »Platine«, und den angrenzenden Produktionshallen der ehemaligen königlichen Waffenfabrik. Kuratorenteams bespielen die Hallen mit facettenreichen Fragestellungen und unterschiedlichen Konzepten. Die Bandbreite reicht dabei von collageartigen oder experimentellen Installationen, über Text- und Hörbeiträge bis hin Präsentationen von Exponaten regionaler Unternehmen.

»Le bureau générique ou le temps des cols blancs créatifs« von Catherine Geel (T&P Work Unit) zeigt einen Ausschnitt aus einer Bürolandschaft, die 2016 für eine Werbeagentur entwickelt wurde. Einen Schritt weiter geht »Cut & Care«: Der klassische Arbeitsplatz ist passé, wir können mit Handy und Laptop immer und überall arbeiten. Warum nicht auch im Liegen? KVM, Ju Hyun Lee et Ludovic Burel, haben dafür eine Art Skater-Park erschaffen, kombiniert mit Möbeln, die sich für das Arbeiten im Liegen eignen, darunter auch Designklassiker. Die Installation »La fin du travail« von Stéphane Degoutin und Gwenola Wagon zeigt ein Call Center, das von den frustrierten Angestellten verlassen wurde und langsam von den Büropflanzen in Besitz genommen wird. Didier Fiúza Faustino hat in Zusammenarbeit mit dem Collectif Zanzibar fünf »S(i)t(u)ations de travail« geschaffen: Fünf Inseln mit kreisförmig angeordneten Sitzmöbeln in verschiedenen abstrahierten Büro-Atmosphären. Hier kann man narrativen Texten über künftige Arbeitswelten lauschen, die Science-Fiction Autoren für die Ausstellung verfasst haben. »Lucky Larry’s Cosmic Commune« lädt die Besucher zu einem experimentellen Gemeinschaftsprojekt in einem Altbau auf dem Gelände ein, einer WG auf Zeit, in der diskutiert, gearbeitet und gekocht wird.

Sehr konkret präsentiert dagegen die Gaststadt Detroit in zwei Bereichen des Areals die realen Probleme und mögliche Lösungsansätze einer postindustriellen, krisengeschüttelten Millionenstadt. Die in einem der Höfe aufgebauten Installationen »Mothership« und »Funkestra« von Akoaki standen in Detroit auf wechselnden Plätzen, als temporärer Veranstaltungsort und Symbol für die kulturellen Aktivitäten der Bewohner. Das Detroit Café, konzipiert von Creative Many Michigan und gestaltet von Laavu Studio, ist ein Prototyp eines Nachbarschaftscafés, ein Treffpunkt für alle, ein Ort für informelle Meetings, ein Co-working space. Hier dokumentieren Bücher die Initiativen der vergangenen Jahre, Detroit wiederzubeleben - eine Vielzahl davon wurde durch kreative Communities ins Leben gerufen. In der »Platine« sind zudem realisierte Produkte ausgestellt, die zeigen, welchen Stellenwert das Design für die Stadt in der Vergangenheit hatte und nun wieder hat.

Dem Schwerpunkt Partizipation widmen sich zahlreiche Off-Veranstaltungen, beispielsweise eine Reihe von Diskussionen und Workshops, die sich mit den leerstehenden Läden in der Innenstadt auseinandersetzt. Die »Rue de la République du Design« bietet die Gelegenheit für Diskussionen mit Bewohner, Bürgern, Studenten, Designern und Initiativen über innovative Nutzungen wie Pop-up-Shops, Nachbarschaftszentren, Arbeitsplätze, Ausstellungen – seien sie temporär oder dauerhaft.

Das nur 15 Kilometer entfernte Firminy ist in die Biennale einbezogen – mit Ausstellungen und Installationen in zwei von Le Corbusiers Bauten, der Kirche Saint-Pierre und dem Maison de la Culture.
Auch Ausstellungen in drei städtischen Museen haben Anknüpfungspunkte zum Thema der Biennale: »Zoom« im Musée d’Art et d’Industrie dokumentiert die Firmengeschichte und die Produktentwicklung des Unternehmens Thalès-Angénieux, das seit 1935 Objektive für Filmkameras herstellt. Im Musée de la Mine sind eine Reihe von künstlerischen Interventionen in die Räume des ehemaligen Bergwerks eingefügt, darunter eine ausführliche und überraschende Fotodokumentation, die das Thema Arbeit als Motiv für Kunstwerke im öffentlichen Raum zeigt. Das Musée d’Art Moderne et Contemporaine ist mit der Ausstellung »Popcorn« beteiligt, die dem Zusammenhang zwischen Design und Kino auf der Spur ist, deren Bezug zum Thema Arbeit allerdings weniger offensichtlich ist. Unbedingt sehenswert sind hier zwei Ausstellungen, die nicht zum Universum der Biennale gehören: die Gemälde des dänischen Malers Peter Martensen und die Stahlskulpturen des spanischen Künstlers Jaume Plensa - überdimensionale Köpfe, die in dem hohen Ausstellungsraum wunderbar platziert sind und spannungsvoll mit dem fast industriehallenartigen Raum interagieren.

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