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Schulsanierung: mehr als Dämmung und neue Fenster!

Die Krise als Chance - Serie zum Konjunkturpaket von DETAIL.de

„Der Raum ist der dritte Pädagoge“ – Erzieher, Lehrer, Psychologen und Architekten geben sich alle Mühe, die Aussage des Reggiopädagogik-Begründers Loris Malaguzzi in die Praxis umzusetzen. Dies gilt dank des Konjunkturpaketes II mehr denn je. Denn es ermöglicht, marode Bildungsanstalten zu neuen Lern- und Lebensorten zu modernisieren. Eine Chance, die Architekten trotz der damit verbundenen Richtlinien auf keinen Fall verpassen sollten.

Insgesamt fließen 8,6 Milliarden Euro aus dem Konjunkturprogramm in die Sanierung von Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen. Und dies ist auch bitter nötig. Denn vielerorts entsprechen die Bildungseinrichtungen längst nicht mehr den energetischen und baulichen Standards. Ein zunehmend sichtbares Bild: Mit Farbe und Pinsel bewaffnete Eltern und Lehrer betreiben eigenhändig Schadensbegrenzung in Klassenräumlichkeiten.

Sanierungsprojekt KiTa Nido Piccolo
Foto: Baupiloten

Immenser Sanierungsbedarf an Schulen

Viele Bildungseinrichtungen müssen also dringend saniert und modernisiert werden. Diese Tatsache ist nicht neu. Schäden an Dächern und Fassaden gefährden nicht nur die Kinder, sondern auch die Bausubstanz. Gänge und Treppen sind baufällig, Sporthallen einsturzgefährdet. Die finanziellen Aufwendungen, die nur die absolut notwendigen Maßnahmen abdecken, betragen rund 73 Milliarden Euro, so das Deutsche Institut für Urbanistik.

Die Summe, die nun aus dem Konjunkturpaket II für die Bildungseinrichtungen angedacht ist, birgt gerade für Architekten und Gestalter auch eine weitere Gelegenheit. Neuer Wind kann durch die Richtlinien zum Bau oder Umbau einer Schule fegen, wie einst schon in den 1970er Jahren. Die Vereinfachung der Vergabe und die Dringlichkeit das Geld bis Ende 2010 in Projekte investiert zu haben, macht dies möglich.

Nutzer in die Bauplanung integrieren

Und genau hier ist die Kreativität des Architekten gefragt. Denn es braucht weitaus mehr, als „nur“ einer baulichen Sanierung. Was genau ist zu tun? Bildungseinrichtungen sollten zu ausstrahlungsstarken, funktionalen und angenehmen kulturellen Räumen entwickelt und eine anregende und inspirierende Lernumgebung geschaffen werden. Am besten wird dies gelingen wenn die Nutzer selbst – also Kinder, Schüler, Eltern, Lehrer oder Erzieher – von Anfang an in die Planungen miteinbezogen werden. Ein gutes Beispiel für eine mögliche neue Gestalt von KiTas und Schulen sind die „Baupiloten“. Das Team aus Architekten, Architekturstudenten und Professoren befragt die Nutzer, holt sich von Ihnen Inspiration und beginnt erst dann zu planen.

Architektin Susanne Hofmann, von Hofmann Architekten und dem Projekt „Baupiloten“ berichtet DETAIL: „Wir sanieren derzeit die KiTa eines privaten Trägers. Die Fördergelder werden zwar vor allem für die energetische Sanierung vergeben. Wir versuchen im Zuge der energetischen Sanierung auch inhaltlich zu arbeiten, also der KiTa freundlichere Räume zu geben. Wir packen das Gebäude zum Beispiel nicht nur nach aktuellen energetischen Maßstäben ein, sondern öffnen es auch zu dem wunderschönen Garten hin. Kinder und Erzieher sollen von der Sanierung auch tatsächlich etwas spüren. “

Sanierungsprojekt KiTa Nido Piccolo, Baupiloten
Sanierungsprojekt KiTa Nido Piccolo

Schulsanierung im Eilverfahren

Für die Bildung stehen beim Konjunkturpaket II vom Bund aus 6,5 Milliarden zur Verfügung. Zusätzlich 25 Prozent geben jeweils die Länder hinzu. Viele Projekte laufen schon, einige werden jetzt angeschoben. Ein großes Problem besteht im Zeitplan, denn der ist sehr eng gestrickt.

Laut Clemens Teschendorf, zweiter Pressesprecher der Senatsverwaltung für Finanzen in Berlin, gehen in der Hauptstadt 196 Millionen Euro in den Bereich Schule, 84 Millionen in den Bereich Kindertagesstätten und 131 Millionen in den Bereich Hochschulen. Dabei wird die zügige Schulsanierung laut Bildungsverwaltung Berlin zu "einem Kraftakt". Freie oder auch frei werdende Stellen müssen schleunigst durch befristete externe Mitarbeiter neu besetzt werden, um die Projekte fristgerecht realisieren zu können.

Ein Zeitdruck, den Susanne Hofmann als großes Problem für die Schaffung neuer Lern- und Lebensumfelder ansieht: „Was ich immer als erstes höre ist, dass bis April 2010 alle Gewerke vergeben sein müssen. Bis Ende 2010 soll alles Geld ausgegeben sein – über Inhalte spricht erstmal keiner.“ Doch auch wenn Zeit und auch Geld jetzt durch die Fördermaßnahmen im Vordergrund stehen, darf eine entscheidende Frage nicht vergessen werden: Wie können neue Bildungsräume entstehen, die nicht nur den energetischen, sondern auch den neuen pädagogischen Anforderungen gerecht werden?

Verwirklichtes Projektz KiTa "Traumbaum"
Verwirklichtes Projektz KiTa Traumbaum Foto: Baupiloten

Energetische und pädagogische Anforderungen

Wichtig ist, dass die Bauämter umdenken, damit die angeschobenen Projekte sowohl den energetischen, als auch den veränderten pädagogischen Anforderungen gerecht und vielleicht sogar die Nutzer einbezogen werden. Bisher ist das leider nicht oft der Fall. Leider nehmen die Ämter den Gesetzestext zu genau. Denn bei einer Sanierungsplanung könnten aus den grauen Unterrichtsräumen auch nutzerfreundliche Lernbereiche entstehen. Zum Beispiel indem man die alten Fenster nicht einfach austauscht, sondern auch die Öffnungen dabei verändert. Damit können Klassen- und Gruppenzimmer eine völlig andere Innen- und Außenwirkung bekommen und sich, wie im Beispiel von den Baupiloten, zum Garten hin öffnen. Die Gebäude würden damit nicht nur in energetischer Sicht aufgewertet.

Und das Beste daran: Für ein geübtes Team bedeutet energetische Sanierung und die gewandelten pädagogischen Anforderungen unter einen Hut zu bekommen keinesfalls eine längere Planungszeit. Es gibt also eigentlich keinen Grund, nur eine ordentliche Wärmedämmung, neue Fenster und neue Dächer einzuplanen.

Fazit: In der Förderung zur Sanierung der Schulen liegt viel Potential für den Architekten, auch inhaltlich zu arbeiten und so den Nutzern ein angenehmes und angemessenes (Lern-)Umfeld zu schaffen. Und ein Vorschlag in diese Richtung beim Bauamt vorzubringen schärft daneben das eigene Profil. Denn es zeigt, dass ein Architekt mehr sein kann als ein schneller Umsetzer: nämlich ein Fachmann auf dem Gebiet der Nutzerfreundlichkeit und Funktion.

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