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„Seismic Talks“ auf der „Seismic Safety“ in Istanbul

Vom 27. bis 29. April fand in Istanbul zum ersten Mal die Fachmesse „Seismic Safety“ für Erdbebensicherheit, Brandschutz und intelligente Stadterneuerung gleichzeitig mit der schon etablierten Messe „Intergeo Eurasia“ statt. Premiere hatten damit auch die „Seismic Talks“ als Rahmenprogramm der „Seismic Safety“. Sie waren ein internationaler Erfahrungsaustausch über die Techniken des erdbebensicheren Bauens und deren Anwendung, deren Bedeutung für die Stadtentwicklung und deren gesellschaftliche Folgen. Konzipiert wurden sie von DETAIL transfer. Dabei ging es sowohl um den Umgang mit Schäden durch Erdbeben und um den Wiederaufbau der betroffenen Orte und Städte, als auch um die Prävention starker Erdbebenschäden.

Ein kleiner Ausschnitt Istanbuls. Aufgenommen vom Sapphire Tower, Istanbul. Foto: Kathrin Wiblishauser, München

Das Erdbeben von 1999, das östlich von Istanbul verheerende Schäden angerichtet hat, ist in den Köpfen der Istanbuler noch sehr präsent. Fast 20.000 Menschen starben damals. Viele verloren ihr Leben, weil ihre Wohnbauten in schlechter Qualität hergestellt und nicht auf ein Erdbeben vorbereitet worden waren. Von strikteren Bedingungen für Neubauten, die diese Qualitäten sichern sollen abgesehen, hat die Türkische Regierung mit dem Gesetz Nr. 6306 auch die Regeneration bestehender Bauten und Stadtquartiere vorgeschrieben. Istanbul muss also einerseits mit den Folgen eines Erdbebens umgehen, andererseits bereitet sich die Stadt aber auch auf ein Erdbeben vor.

Zu den „Seismic Talks“ war eine interdisziplinäre Gruppe von Geographen, Stadtsoziologen, Städtebauern, Architekten und Bauingenieuren aus Istanbul eingeladen worden, um die besondere Situation der Stadt zu thematisieren. Dazu kamen Architekten, Stadtforscher und Bauhistoriker aus Deutschland, Dänemark und Neuseeland zusammen, die unter anderem einschlägige Erfahrungen mit dem Umgang von Erdbebenfolgen in Christchurch in Neuseeland (2010) und L’Aquila in Italien (2009) haben und an aktuellen Projekten für diese Städte arbeiten.

Prof. Dr. Murat Güvenç erklärt den ausländischen Architekten die Entwicklung der Stadt Istanbul aufgrund ihrer geographischen Lage. Foto: Kathrin Wiblishauser, München

Um der Komplexität des Themas in einer Stadt wie Istanbul - mit immerhin einer Ausdehnung der Siedlungsfläche von 180 km von West nach Ost und 60 km von Süd nach Nord sowie mit 16 Millionen Einwohnern - gerecht zu werden und um eine angemessene Intensität und inhaltliche Tiefe der Diskussion zu erreichen, hat DETAIL transfer für diese Veranstaltung ein besonderes Format entwickelt. Zunächst waren alle Experten zu einer Besichtigungstour eingeladen, die ausgehend von dem zu einem Universitäts- und Kulturstandort umgebauten Elektrizitätswerk Santralinstanbul durch das Kagithane Tal zum neuen Istanbuler Geschäftsgebiet Levent führte.

Die Fahrt, die der Geograph Prof. Dr. Murat Güvenç (Istanbul Sehir Üniversitesi) mit seinen Ausführungen begleitete, zeigte die Umwälzungen der Stadtentwicklung, die sich vor dem Hintergrund eines Umbruchs der Türkischen Gesellschaft von einer Produktions- in eine Dienstleistungsgesellschaft vollzieht. Das stark vom Erdbeben bedrohte Kagithane Tal erlebte zunächst eine Entwicklung als Industriegebiet mit Wohnhäusern, die in Selbsthilfe als Gecekondus (informell entstandene Häuser; Siedlungen in türkischen Großstädten, die über Nacht auf öffentlichem Grund gebaut wurden) entstanden und die sich in einem sich selbst regulierenden Modus zu ansehnlichen Stadtteilen entwickelt haben.

Die heutige zweite Überformung macht das Tal zu einem neuen Zentrum der Stadt. Es entstehen hier jetzt Büroparks, Einkaufszentren und neue Wohngebiete im großen Maßstab. Ihren Abschluss fand die Exkursion auf dem Dach des 263 m hohen Sapphire Tower.

Austausch bei der privaten Experten-Runde am Vortag der öffentlichen Debatte. Fotos: Kathrin Wiblishauser, München

Die Vorträge am folgenden Tag vertieften die Einblicke in die Komplexität und die Vielschichtigkeit der Stadtgeschichte und der Stadtentwicklung von Istanbul. Mit verschiedenen Best Pracitices Projekten zeigten die Architekten Murat Tabanlioglu (Tabanlioglu Architects, Istanbul) und Can Çinici (Çinici Mimarlik, Istanbul), dass deren Renovierung, Ertüchtigung und Modernisierung durchaus schonend im Bestand unter anderem mit der Wiederbelebung historischer Bautechniken (Ali Bayraktar, SGH Sismik Güçlendirme Merkezi, Istanbul) möglich ist.

Dass das Streben nach Erdbebensicherheit in der Türkei einen besonderen politischen Hintergrund hat, machte der Architekt und Stadtforscher Ömer Kanipak (Tasarim Atölyesi Kadiköy, Istanbul) am Beispiel des Stadtbezirks Kadiköy deutlich. Prof. Dr. Asu Aksoy, Stadtsoziologin an der Istanbul Bilgi Universität, bestätigte die von Ömer Kanipak gemachte Andeutungen in ihrem Statement zur öffentlichen Roundtable-Debatte am letzten Konferenztag. In dieser öffentlichen Debatte wurden die Ergebnisse und Reflexionen der nicht-öffentlichen Experten-Diskussion vom Vortag präsentiert.

Aksoy zeigte, wie sich die Deklarierung von Erdbebenrisikogebieten mit einer hohen Bewertung dieser Areale durch die Immobilienwirtschaft deckt. Die von der Stadtverwaltung ausgewiesenen und von der Nationalregierung bestätigten Gefahrengebiete lägen zudem in den seltensten Fällen in der geographisch erkannten Gefahrenzone. Der Architekt Emre Arolat (Emre Arolat Architects, Istanbul) forderte in seinem öffentlichen Statement einen Masterplan für Istanbul.

Wissenstransfer bei der öffentlichen Debatte: Prof. Uwe Rieger, Steffen Braun, David Sim, Dr.-Ing. Sebastian Storz, Olaf Bartels (Moderator), Emre Arolat, Murat Güvenç, Prof. Dr. Asu Aksoy (von links). Foto: Kathrin Wiblishauser, München

Steffen Braun vom Fraunhofer IAO aus Stuttgart erinnerte am Beispiel der mehrfach von Erdbeben heimgesuchten Japanischen Stadt Edo daran, wie sie aufgrund des einfachen traditionellen Maßsystem der Tatamimatten schnell nach alten Konventionen wieder aufgebaut werden konnte. Prof. Uwe Rieger (The University of Auckland, School of Architecture and Planing) wies auf die Chance der Erneuerungen im Herangehen an das Bauen und in der Zusammenarbeit der Universitäten, aber auch von Architekten und Bauingenieuren hin, die durch das Erdbeben in Christchurch in Neuseeland ausgelöst worden seien. Es seien Formen der Zusammenarbeit entstanden, die es vordem nicht gegeben habe. Zudem habe sich gezeigt, dass das erdbebensichere Bauen nur unwesentlich teurer sei als herkömmliche Bauweisen. Dies habe auch Investoren hellhörig gemacht, da so nur mit wenig Aufwand eine gut vermarktbare Qualität hergestellt werden konnte.

David Sim von Gehl Architects aus Kopenhagen betonte in seinem Statement die Notwendigkeit, den menschlichen Maßstab in der Planung neuer Städte zu berücksichtigen. Bei der Arbeit an einem Masterplan für den Wiederaufbau von Christchurch hat sein Büro umfangreiche Beteiligungsworkshops mit den Bewohnern erfolgreich durchgeführt.

Auch der Architekt und Bauhistoriker Dr.-Ing. Sebastian Storz vom Forum für Baukultur e. V. aus Dresden, das sich mit dem deutsch-italienischen Architektur-Projekt MusAA für die einer baukulturellen Schulung der Bewohner in L’Aquila einsetzt, stellte die von Erdbeben betroffenen Menschen in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Er hält er es für notwendig, die Bewohner im Umgang mit ihrer gebauten Umwelt zu sensibilisieren, zu stärken und sie in die Lage zu versetzen, ihre Wünsche an die Stadt als Lebensumfeld und dessen Qualität zu artikulieren.

Die „Seismic Talks“ zeigten sich als eine wichtige Plattform für den Erfahrungsaustausch über Erdbebensicherheit des Bauens und der Stadtentwicklung. Auf Seiten der Istanbuler Experten setzte man auf eine die Stadt und die Region um Istanbul übergreifende Planung einerseits und eine konsequente Umsetzung der wissenschaftlichen und handwerklichen Erkenntnisse zu Erdbeben (Arolat, Aksoy, Bayraktar, Çinici) andererseits. Die Anregungen der auswärtigen Gäste trafen in Istanbul auf offene Ohren. Der Handlungsspielraum der Planung ist allerdings unter den gegebenen politischen Bedingungen eingeschränkt.

Ausstellung Learning from Istanbul von studio HBohle aus Berlin. Foto: Hendrik Bohle, Berlin

Welchen Wert das Kleine in der städtischen Realität hat, machte auch die Ausstellung „Learning from Istanbul“ deutlich, die der Architekt Hendrik Bohle (studio HBohle, Berlin) konzipiert und als Beitrag zu den „Seismic Talks“ aufgebaut hatte. Sie zeigt die Improvisationskraft der Istanbuler, sich den öffentlichen Raum im Alltag anzueignen und mit einem Netz stationärer und mobiler Servicestrukturen zu überziehen. Sie veranschaulichte den Gedanken zur Selbstregulierung der Stadt, den Prof. Dr. Murat Güvenç in die Debatte eingebracht hatte. Die Ausstellung gab Hoffnung darauf, das Istanbul als Stadtprinzip überleben wird, auch wenn die Stadt durch Erdbeben oder durch politisch-ökonomische Entscheidungen zerstört werden würde.

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