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Selbstbau, Baugruppen oder Nutzermonitoring – Expertengespräch zur neu entdeckten Partizipation

Verschiedene Ansätze von partizipativer Architektur wurde aus unterschiedlichen Blickwinkeln von Planern und Wissenschaftlern sowie von Vertretern der Forschungsinitiative Zukunft Bau und der Bauindustrie beleuchtet, bevor sie in vier Expertenvorträgen zum Symposium „Die Zukunft des Bauens“ in Frankfurt präsentiert wurden.

Die Idee der Partizipation ist nicht neu. Während der partizipatorische Gedanke in den 1970er- und 80er-Jahren einen eher politischen Hintergrund hatte, scheint die aktuelle Entwicklung gesellschaftliche, soziale und wirtschaftlich orientierte Ausprägungen zu haben. „Ist die Zeit reif für Partizipation?“ eröffnete Moderatorin Christiane Sauer die Diskussion. Daniel Rozynski von Rozynski Sturm Architekten, der sich im Forschungsprojekt "fertighauscity5+" unter Leitung des Instituts für Industriebau und konstruktives Entwerfen der TU Braunschweig mit der Untersuchung von mehrgeschossigen Holzbauweisen in innerstädtischen Bereichen unter dem Gesichtspunkt der Vorfabrikation und Partizipation der Nutzer auseinandergesetzt hat, sieht zwei grundsätzliche Nutzergruppen: „Der partizipative Gedanke in der Architektur wird meist durch Baugruppenprojekte umgesetzt. Ich nehme bei meiner Arbeit eine eher technische Perspektive der Partizipation ein und möchte dem Bauherrn die Möglichkeit geben, ein maximales Maß an individueller Gestaltung durch individuelle Fertigung für sein Gebäude zu erreichen. In der Praxis hat sich gezeigt, dass es hier zwei unterschiedliche Annäherungen gibt: Es gibt Bauherren, die sich selbstverwirklichen wollen und deshalb auch bewusst auf uns zukommen. Und dann gibt es eine zweite Gruppe, die kostengünstig bauen möchte – dieser fällt der partizipatorische Gedanke momentan ein wenig zum Opfer. Baugruppenprojekte zeichnen sich auch dadurch aus, ein kostengünstiges, effizientes und wirtschaftliches Wohngebäude zu erstellen, das viele Klippen der Projektentwicklung umschifft.“

HINWEIS: Die aktuelle Antragsrunde zur Forschungsförderung der Forschungsinitiative Zukunft Bau läuft momentan, Bewerbungen für Forschungsförderungen können eingereicht werden. Die Partizipationsmöglichkeiten für Architekten liegen dabei besonders im Bereich der Antragsforschung und der Modellvorhaben.

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Jörg Lammers, BBSR, und Achim Nagel, Primus Development, vertreten hingegen die These, dass der Kostenvorteil, den es theoretisch bei partizipativen Projekten gäbe, nicht ins Gewicht fällt bzw. überschätzt wird. Jörg Lammers sieht als Grund hierfür die gestiegenen Grundstücks- und Baukostenpreise, Achim Nagel die höheren Qualitätsansprüche der Bauherren. Er geht sogar noch einen Schritt weiter „Partizipation ist teurer!“ und begründet „Die Projekte sind für eine Schicht von Leuten konzipiert, die sich intellektuell mit dem Thema auseinanderzusetzen, eigene Beiträge liefern und nachhaltiger, langfristiger und sinnfälliger bauen möchten. Das ist selbstverständlich teurer. Auch darf man den deutlich erhöhten Betreuungs- und Planungsaufwand nicht unterschätzen. Die Zukunft der Partizipation wird sich daran entscheiden, ob es gelingt wirtschaftlich zu bauen, Kostenvorteile und Wertschöpfungspotenziale zu generieren.“ Das Selbstbauprojekt „Grundbau und Siedler“, das Achim Nagel am Nachmittag vorstellte, richtete sich an Bauherren, die durch Eigenleistung – die sogenannte Muskelhypothek – einen Teil zur Finanzierung beigetragen haben. „Die Partizipation wird meiner Meinung nach nicht nur danach gemessen werden, zufriedene Nutzer zu produzieren, sondern auch daran, Leute zu Eigentum zu bringen, die sonst keine Chance dazu gehabt hätten.“ Daniel Rozynski spricht in dem Zusammenhang der Finanzierung von einer Kosten-Seitwärts-Bewegung. „Was wir beim Bauen sparen, indem bestimme Verkaufsmargen oder Projektentwicklungsgebühren nicht anfallen, investieren wir in eine individuelle Ausstattung oder höherwertige Materialien. Das ist gut, denn es entsteht eine bessere Qualität.“

Auch über die Rolle und das Selbstverständnis des Architekten im partizipatorischen Bauprozess wurde ausführlich diskutiert. „Mit der Partizipation entsteht ein großartiges Betätigungsfeld für Architekten. Bei Baugruppenprojekten gibt es keine Bauträger. Die Bauherren brauchen jemanden, der sie verlässlich durch das Projekt durchschleust“, berichtet Achim Nagel. „Bei dem Projekt "Wohnbau und Siedler" habe ich erkannt, dass ich keinen Bauleiter, sondern einen Besiedlungsmanager benötige. Jemanden, der Bauingenieurwesen und im Zweitstudium Psychologie studiert hat, am besten gepaart mit einer politischen Grundausbildung. Wenn wir über Partizipation reden, dann reden wir in erster Line über veränderte Rollenbilder. Die koordinierende Position des fehlenden Bauträgers muss ersetzt werden. Diese Rolle könnte zukünftig auch von Architekten übernommen werden.“ Daniel Rozynksi und Kathrin Wiblishauser, DETAIL, sehen hier stattdessen Vorteile in einem interdisziplinären Team. „Wir arbeiten mit einem Projektsteuerer, der die Kommunikationsprozesse lenkt und Entscheidungen herbeiführt. Wir bekommen von ihm eine geordnete Kommunikation, die dazu führt, dass wir auch geordnet bauen können. Das ist ein eigener Beruf, vor dem ich große Achtung gewonnen habe. Ich gebe diese Leistung gerne an jemanden ab, der fachfremd ist, der psychologische Skills hat, der finanzielle oder auch mal rechtliche Aspekte regeln kann. Zusätzlich hat diese Person auch eine übergeordnete Kontrollinstanz, die beim Bauherrn Vertrauen schafft“. Trotzdem stimmt er zu, dass dieser Projektsteurer auch tiefe Einblicke und Kenntnisse des Bauprozesses haben muss. Die Prozesse beginnen teil bereits vor der eigentlichen Zusammensetzung der Gruppen. „Die Gemeinschaften finden sich z.B. über Baugruppenportale. Die Voraussetzung ist allerdings, dass man bereits ein Grundstück haben muss. Es braucht also wenigstens eine Person, die der Sache voransteht. Die Klientel, die sich zu Bauherrengemeinschaften zusammenfindet hat ein hohes Bildungsniveau, verfügt über ein gewisses Budget und hat einen starken Gestaltungsanspruch. Sie kann der Nukleus für eine Stadtteilaufwertung sein. Viele Stadtteile brauchen auch diese Aufwertung und dies geschieht dann in erster Linie über diese privaten Investorengemeinschaften. Die Gruppierungen gibt es als GbR, als GmbH oder auch als Kleinstgenossenschaften unter einer Dachgenossenschaft. Die genossenschaftlichen Gruppen haben eine deutlich höhere Nutzermischung, weil Interessenten kein Schwellenkapital benötigen. Ein weiterer Vorteil ist, dass Genossenschaften wesentlich einfacher Kredite bei den Banken bekommen. Allerdings besteht hier immer der Bedarf einer Vororganisation – es muss einen Kopf geben, der das Konzept vordenkt, der das Grundstück sichert und die Genossenschaft gründet. Das ist aber eher nicht die Regel. Ich würde befürworten, dies zu fördern und neue Gesellschaften oder Genossenschaften zu gründen, um einen erhöhten Nutzermix voranzutreiben.“ Arnd Rose erläutert, dass sich die Förderung auf übergeordneter Bundesebene noch in der Phase der Prototypen befände. Es werden Modellprojekte unterstützt, die zusätzlich noch weitere Forschungsschwerpunkte abdecken, wie beispielsweise das energieeffiziente Bauen ohne Bauträger. Weiterhin weißt er aber auch darauf hin, dass es vielseitige Förderungen und Direktvergaben von Städten und Kommunen gäbe. Ein gewisser Satz an Bauherrengemeinschaften wird zusätzlich über städtische Wohnbaugesellschaften oder städtische Genossenschaften abgedeckt. Das Gros der Maßnahmen findet aber auf dem freien Markt statt, was sicherlich auch der Natur der eigentlichen Idee entspricht.

Achim Nagel sieht nicht nur die Politik, Bauherren und Planer in der Verantwortung, kostengünstige Wohnbauprojekte zu fördern, sondern auch die Industrie, neue und geeignete Materialen, Baustoffe und Systeme zu entwickeln und spricht damit direkt Roland Streng an, der als Vertreter von BASF an der Diskussion teilnahm. Die Unternehmen müssen als Treiber von Innovationen auftreten. Roland Streng pflichtet ihm bei, genau aus diesem Grund beteilige sich BASF auch an der Reihe „Die Zukunft des Bauens“, allerdings stünde das Unternehmen mit seinem großen Portfolio ganz am Anfang der Wertschöpfungskette der Bauindustrie, weshalb die letztliche Beteiligung am finalen Produkt häufig nicht mehr sichtbar wäre. Auch Daniel Rozynski setzt auf die Möglichkeiten des industriellen Systembaus: „Partizipation bedeutet für uns eine individuelle Ausgestaltung der Wohnung, basierend auf einem Fertigungsprozess. Wir haben uns hierbei auf den Holzbau fokussiert, weil dies ein Systembaukonzept ist, das bereits gut funktioniert und weil der Holzbau eines großen Themen der Zeit ist. Wir versuchen so nachhaltig, effizient und kostensparend wie nötig oder möglich zu bauen. Wenn wir den Holzbau vom Einfamilienhaus auf den mehrgeschossigen Wohnungsbau übertragen, ist dieser erst mal teurer. Es gibt noch keinen breiten Markt, es braucht noch viele Einzeldetailentwicklungen. Es sind viele kleine technische Innovationen nötig, besonders was den Brandschutz und die Dämmstoffe betrifft. Hier gäbe es noch tausende an Forschungsthemen, die man beackern müsste, um den Übertrag auf das komplett vorfabrizierte und individuell vorgefertigte Mehrfamilienhaus zu leisten. Uns war es zunächst wichtig, eine Preisparität zu einem konventionellen Massivbau zu schaffen, und das ist uns gelungen. Wir haben der Bauherrengemeinschaft einen fairen Preis ermöglicht. Alle waren zufrieden, denn sie haben ein respektables Ergebnis und ein nachhaltiges Haus. Wir liebäugeln immer mit der Holzindustrie. Aber es gibt ja nicht nur den einen Weg, es gibt auch viele andere sinnvolle Produkte und Lösungen. Wichtig ist, dass wir uns keinem möglichen Weg verschließen und am Schluss eine intelligente Konstruktion entsteht, die sowohl wirtschaftlich und ökologisch funktioniert.“

Dass partizipatorische Prozesse nicht mit der Fertigstellung des Objekts beendet sind, erläuterte Prof. Karten Tichelmann, TU Darmstadt, bei seinem Vortrag über das energy+ Home. „Das Projekt ist eines der kleinsten, aber auch der erfolgreichsten Projekte. Es handelt sich um ein Bestandsgebäude aus den 1970er-Jahren, das zu einem Energie-Plus-Gebäude saniert und umgestaltet wurde. Wir haben uns hier auf eine andere völlig andere Art und Weise mit dem Thema der Partizipation auseinandergesetzt. (...) In Bezug auf das Monitoring, das auch von der Forschungsinitiative Zukunft Bau gefördert wurde, wollten wir natürlich möglichst gut abschneiden. Ob das mit einer Familie möglich war, die grundsätzlich kein Interesse an dem Thema Energie hatte, war zunächst unklar. Wir haben das Haus mit Monitoren ausgestattet, an denen man die detaillierten Werte zum Verbrauch ablesen konnte. Dabei wurde der Energieverbrauch getrennt nach verschiedenen Kategorien, z.B. Wärmeerzeugung, Lüftung, Beleuchtung, Haushaltsgeräte gemessen und aufgezeichnet. Es entstand ein umfangreiches Datenmaterial.“ Durch verschiedene getestete Funktionen und unterschiedliche Gestaltungen der Bedienoberfläche sollte die Familie – und besonders zwei Teenager – dazu animiert werden, Freude am Energiesparen zu bekommen. Es sollten Verständnis und Interesse generiert und die Bewohner zur Partizipation animiert werden. Um das Energiesparen möglichst attraktiv zu machen, entschieden sich die Forscher letztendlich dazu, das Monitoring-Programm ähnlich einem Computerspiel aufzubauen und Charakteristika aus der Spieleindustrie zu übernehmen. Dabei wurde Energie in Spielzeit umgerechnet, eingesparte Energie wurde dem Spielekonto gutgeschrieben, verbrauchte Energie abgezogen. „Das Ergebnis war erstaunlich! Energie und Wasserverbrauch konnten dadurch enorm reduziert werden. Das Prinzip des Energiespiels ist sicherlich nicht die alleingültige Lösung, für diese Familie hat sie jedoch perfekt gepasst. Besonders die Kinder hatten großen Spaß daran, dass spielerische Energie- und Wassersparen auszuüben und zu perfektionieren“, so Tichelmann über den ungewöhnlichen Ansatz, die Nutzer einzubinden.

Achim Nagel fügt am Ende der Diskussion hinzu: „Das schöne an der Partizipation ist, dass man in einer Gemeinschaft etwas erstellt, dass man sich gegenseitig hilft und sich unterstützt, dass man gemeinsam Spaß und Freude hat. Das ist ein sehr schönes Bild. Das Bauen eines Hauses ist für den Bauherrn eine sehr intensive Zeit. Das ist auch ein soziologischer und gesellschaftlicher Prozess, der einen prägt. Ein Haus zu bauen, schafft Mehrwert im Leben. Dieser Mehrwert kann über neue partizipatorische Baugruppenprojekte nun auch verstärkt für Stadtbewohner möglich werden.

Die Veranstaltung war Teil der fünfteiligen Reihe "Die Zukunft des Bauens" von DETAIL research und der Forschungsinitiative Zukunft Bau des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR).

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