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Selbstbauarchitektur – Architekturlehre mit Praxisbezug


In Deutschland boomt die DIY-Welle. Zahllose Foren und Zeitschriften mit Heimwerkertipps oder Selbstbauanleitungen verzeichnen derzeit einen enormen Zuwachs. Dabei macht der gegenwärtige Trend zum Selbstbau auch vor Themen wie Stadtentwicklung, Architektur und Innenarchitektur nicht halt und lässt den Wunsch von Bauherren und Nutzer an Partizipation wachsen. Unabhängig vom sozialen Status verstehen sich die Selbstbauer und -planer als Gegenbewegung zum Konsum und stehen für ein verantwortungsbewusstes und ressourcenschonendes Bauen in der Gemeinschaft. Diese Entwicklung erfordert von Architekten ein Umdenken. So muss der Gestaltungswille nicht nur toleriert, sondern in die Planungen einbezogen und bestenfalls gefördert werden. Am Lehrstuhl für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens an der RWTH Aachen unterstützt Prof. Anne-Julchen Bernhardt mit Praxisprojekten die Selbstbaukompetenz ihrer Studenten.

Noch sichtbare Containerkonstruktion des Guga S'Thebe Theater in Kapstadt, Foto: PBSA Düsseldorf, Thomas Schaplik

Selbstbau als helfender Architekturexport
Seit 2006 finden sich im Programm der Lehrstühle Gebäudelehre und Tragkonstruktion der RWTH Aachen Lehrveranstaltungen, die im Rahmen von Hilfsprojekten in Südafrika real ausgeführte Bauten in die universitäre Ausbildung integrieren. Von ersten Entwürfen und Modellen, über Ausführungspläne und 1:1-Prototypen bis zur Realisierung erleben die Studenten alle Phasen einer Baumaßnahme. Neben der reinen Entwurfsarbeit bestimmen auch Terminplanung, Budgetierung und Kostenkontrolle die Projekte. Unter dem Motto „Aachen geht woanders hin“ stellt Anne-Julchen Bernhardt das seit 2012 laufende Projekt Guga S'Thebe Theatre in Kapstadt vor. Das Projekt wurde initiiert vom AIT ArchitekturSalon und gemeinsam von den Hochschulen RWTH Aachen, PBSA Düsseldorf und Georgia Institut of Technology entwickelt und umgesetzt. Das Theater liegt in Langa, dem ältesten Township Südafrikas, und gilt als eines der wichtigsten Projekte zur Selbsthilfe im Viertel. Der Bau des neuen Theaters erfolgte in mehreren Phasen, zwischen denen Entwurfsperioden in Deutschland lagen, in denen die vor Ort gesammelten Erfahrungen in den weiteren Ausbau einbezogen wurden.

Visualisierungen des Entwurfs des Guga S'Thebe Theater in Kapstadt, Foto: RWTH Aachen, PBSA Düsseldorf, Georgia Tech, Atlanta
Explosionszeichnung des Entwurfs des Guga S'Thebe Theater in Kapstadt, Zeichnung: RWTH Aachen, PBSA Düsseldorf, Georgia Tech, Atlanta

Gemeinsames Planen und Bauen in mehreren Phasen
Zuerst wurden die Außenwände aus Containern sowie die Holztragstruktur des Dachs fertiggestellt. In der folgenden Phase erhielten die Außenwände eine Stroh-Lehmdämmung und der Innenraum Bodenfliesen aus Zement. Der große Innenraum besitzt eine Höhe von zwei übereinandergestapelten Containern und wird durch sie zugleich seitlich begrenzt, so dass Nebenräume und Spielplattformen auf zwei Höhen entstehen. Angelehnt an die langjährigen Lehmbau-Erfahrungen der Aachner Universität wurden für die Außendämmung großformatige Tafeln aus Stroh und Lehm hergestellt, die auf einen gemauerten Ziegelsockel im erdnahen Bereich folgen. Für den Boden wurden sechseckige farbige Zementfliesen angefertigt und in lockeren Reihen im Inneren verlegt. Im Vordergrund standen bei der Ausführung stets die Integration der Bewohner des Townships sowie ihre Ideen und Wünsche. Neben der Identifikation und Wertschätzung der eigenen Bautätigkeit führte das intensive Erleben des Projektfortschritts bei allen Mitwirkenden zu einem neuen sozialen Verantwortungsbewusstsein.

Foto: RWTH Aachen, Nora Müller
Bauphase mit Außenwänden, Dach, Teilen der Lehmziegel für die Außenwand und Betonwerkstein-Fliesen für den Boden, Foto: Wieland Gleich

Interdisziplinär und multikulturell
Die Gestaltung der Außenfassaden erfolgte in einer dritten Phase. „Der weitere Entwurf und seine Planung konnten nur vor Ort erfolgen“, kommentiert Bernhardt die Vorgehensweise. Da Kapstadt zu diesem Zeitpunkt als Design-Hauptstadt auftrat, wurde kurzerhand der Bau des Theaters selbst ausgestellt und die Fassadengestaltung als Workshop-Ergebnis präsentiert. Aus der Resonanz erhielt das Bauprojekt etliche Spenden, darunter auch Sachspenden, so dass der weitere Ausbau realisiert werden konnte. In Workshops mit den Studenten und direkten 1:1-Tests am Bau wurde die Holzverkleidung der Außenfassade entworfen. Aus gespendeten Obstkisten entstand auf diese Weise eine hölzerne Textur als lebhaftes Spiel aus Farbakzenten und Konturen. Zeitgleich wurden der Innenraum hell gestrichen und Textilmuster für Bespannungen von einem Team aus einer Textildesignerin und lokalen fachfremden Anwohnern erstellt. Eine erste Bespielung des Raumes wurde zusammen mit einer Choreograpin und mit Mode-Designern entwickelt, so dass zu einem ersten Eröffnungsfest im September 2014 neue Kleider für Haus und Darsteller bereitstanden.

Eröffnungsfest des Guga S'Thebe Theatre in Kapstadt, Foto: City of Cape Town

Interkulturelles Bauen - Transfer nach Deutschland
Neben der Erfahrung, im Ausland zu bauen, stellt die Einbeziehung von Baukulturen der Migranten in Deutschland eine neue Anforderung an kommende Architektengenerationen. Anne-Julchen Bernhardt hat diesen Schritt zur Integration in einer Entwurfsaufgabe mit anschließender Realisierung im sogenannten Pfauenhaus in Hamm in Angriff genommen. Für die größte Hindugemeinde auf dem europäischen Festland soll ein Kuppelbau am neuen Gemeindehaus entstehen. Das Zentrum der ca. 20.000 Mitglieder zählenden Gemeinde liegt in einem Gewerbegebiet der Stadt Hamm und ist in einem Zweckbau untergebracht. Nicht nur für das jedes Jahr stattfindende Tempelfest, sondern auch zur Verortung im Stadtbild wurde eine symbolkräftige Umsetzung gesucht. Aus den Entwürfen der dreiköpfigen Studententeams wurde gemeinsam mit der Gemeinde sowie dem Architekten des Gemeindehauses ein zu realisierender Siegervorschlag gewählt. Der Entwurf vereint die vier Elemente Vogelhaus, Pfau, Kapitell und Maibaum. Alle Elemente besitzen einen Bezug zur Religion des Hinduismus und dessen Traditionen oder zum deutschen Brauchtum und der Baukultur. Der Entwurf wurde in mehreren Phasen durchdetailliert, als Modell vorgestellt und über Spenden finanziert. Wie auch in Kapstadt lernen die Studenten am Projekt nicht nur zu entwerfen, sondern auch die Integration der unterschiedlichen Kulturen, die Kosten- und Terminkontrolle sowie vor allem, wie sich die gemeinsame Umsetzung mit eigenen Händen anfühlt. Gegenwärtig befinden sich die drei baulichen Elemente in der Realisierungsphase, so dass die vierte Komponente, der lebendige Pfau, im Laufe des Jahres eine Heimat im neuen Haus findet.

Entwurf des Pfauenhaus in Hamm, Zeichnung: Klara Bindl, Michel Kleinbrahm, Julia Kaulen, RWTH Aachen
Mitwirkende des Pfauenhaus in Hamm, Foto: RWTH Aachen, Wolfgang Zeh
Derzeitiger Realisierungsstand des Pfauenhaus in Hamm, Foto: RWTH Aachen, Wolfgang Zeh

Projektpartner Guga S'Thebe Theatre:

AIT ArchitekturSalon: Ir. Kristina Bacht; 
RWTH Aachen University: Anne-Julchen Bernhardt, Bernadette Heiermann, Nora Müller, Sebastian Holtmann; 
PBSA Düsseldorf: Judith Reitz, Franz Klein-Wiehle, Tobias Urton, Pablo Molestina; 
Hochschule OWL Detmold: Bernadette Heiermann, Max Ernst; 
Georgia Institut of Technology: Daniel Baerlecken, Katherine Wright; 
UCT Cape Town: Albertrum Crowder; 
Habitat for Humanity Cape Town; 
CS Studio Architects: Carin Smuts; 
imagine structure GmbH: Arne Künstler

Projektpartner Kuppel Gemeindezentrum Hamm / Pfauenhaus:

Lehrstuhl für Gebäudelehre RWTH Aachen University: Anne-Julchen Bernhardt, Anna Weber, Bruno Röver, Wolfgang Zeh, Natali Gagro; 
Entwurf: Klara Bindl, Julia Kaulen, Michel Kleinbrahm, Studierende der Architektur RWTH Aachen University; 
Statik: Ingenieurbüro Jürgen Bernhardt, Köln; 
Seminar mit Lehrstuhl für Tragkonstruktion, RWTH Aachen, apl. Prof. Dr.-Ing. Rolf Gerhardt, Dipl.-Ing. Christoph Koj; 
Lehrstuhl für Baugeschichte, RWTH Aachen, Professor Dr. Ing. Jan Pieper, Dipl. Ing. Heinz-Rainer Eichhorst, Architekt, Hamm; 
Priester Paskaran, Sri Kamadchi Ampal Hindugemeinde, Hamm Uentrop

Weitere Informationen am Lehrstuhl für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens der RWTH Aachen und bei BeL Sozietät für Architektur

 

Vortrag im Rahmen des DETAIL research Forums "Building the Future" zur Messe BAU 2015 am Thementag "Netzwerk Bauen/ Open Source Architecture".

Zur Person
Prof. Dipl. Ing. Anne-Julchen Bernhardt, Jahrgang 1971, studierte Architektur an der RWTH Aachen und der Kunstakademie Düsseldorf. 2000 gründete sie zusammen mit Jörg Leeser das Büro BeL Sozietät für Architektur BDA mit Sitz in Köln. Seit 2008 ist sie als Professorin für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens an der RWTH Aachen tätig, Prof. Bernhardt lebt und arbeitet in Köln und Aachen.

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