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Sicherheit im Jüdischen Zentrum

Aus dem Wettbewerb für das neue Jüdische Zentrum am Jakobsplatz in München ging 2001 der Entwurf der Saarbrücker Architekten Wandel Hoefer Lorch als Sieger hervor. Der Beitrag zeichnet sich durch die Idee einer selbstverständlichen Verwobenheit des Jüdischen Zentrums mit der Stadtstruktur über den öffentlichen Raum aus. Diese entwurfsbestimmende Idee unter sicherheitstechnischen Aspekten umzusetzen, bedeutete eine besondere Herausforderung für alle Beteiligten. Redakteurin Katja Reich sprach mit der Architektin und Vertretern von SimonsVoss über die Hintergründe.

DETAILreader, Sicherheit, Jüdisches Zentrum
Sicherheit für das Jüdische Zentrum in München entsteht durch die integrative

Frau Dr. Wandel-Hoefer, wie lauteten die Sicherheitsanforderungen für den Entwurf des Jüdischen Zentrums?

 Wandel-Hoefer: Sicherheitsaspekte spielten bereits im Wettbewerbsverfahren eine Rolle, insbesondere was die Verbindung von Gemeindezentrum und Synagoge betraf. Wir haben uns mit unserem Entwurf allerdings darüber hinweggesetzt, da uns der städtebauliche Aspekt wichtiger war. Man bekommt die gewünschte Öffnung zur Stadt sicher nicht, wenn man eine »Gated Community« baut. In unserem Entwurf gibt es eine solche Abschirmung nicht, Sie können bis an die einzelnen Gebäude herantreten, es gibt keine zusätzliche Distanz oder Sicherheitszone. Während des Wettbewerbsverfahrens hat sich die Gemeinde dieser Idee gegenüber geöffnet.

Gesehen wurde die Chance des Dialogs, die in der offenen Folge der Plätze liegt und die jetzt auch in das ganze Anger-Viertel ausstrahlt. So konnte dieser eigentlich schon fast vergessene Platz nicht nur zum neuen Zentrum des Quartiers, sondern auch zu einem  besonderen Anziehungspunkt für ganz München werden. Es wurde erkannt, dass ein stärkeres Verweben mit der Stadt letztendlich auch mehr Sicherheit für die Gemeinde bringt. Denn in dem Moment, wo ich mich abschotte, erzeuge ich nicht nur eine psychologische, sondern auch eine objektive Unsicherheit. Durch die bewusste Öffnung, z.B. auch durch einen Tag der offenen Tür, erfährt die Jüdische Gemeinde nun eine sehr viel größere Akzeptanz und Selbstverständlichkeit innerhalb der Stadt. Eine Situation, die sich selbst zur Bauzeit noch keiner richtig vorstellen konnte.

 Gelten denn für den Platz und die Gebäude selbst spezielle Sicherheitsanforderungen?

 Wandel-Hoefer: Ja, sicher. Zunächst einmal ist der Platz autofrei, geschützt mit entsprechend massiven Pollern. Dennoch ist die Möglichkeit eines Attentats, ausgehend von kleineren Fahrzeugen, wie z.B. Motorrädern, nicht von der Hand zu weisen. Hierfür sind die Gebäude entsprechend ausgelegt. Sicherheit entsteht hier durch »Abschreckung für die Eingeweihten«, d.h. für den Laien sind bestimmte Sicherheitsmaßnahmen am Gebäude gar nicht erkennbar, für den Profi sehr wohl. Diese Sicherheit für Laien unsichtbar zu machen bedingt sehr viel technologisches Know-how.

Handelt es sich bei diesen Maßnahmen in erster Linie um elektronische Sicherheitstechnik oder spielt auch der Entwurf an sich und der Einsatz bestimmter Materialien eine Rolle?

 Wandel-Hoefer: Ja, eingesetzt wurden hier spezielle Materialien mit sehr hohen Widerstandsklassen. Im Entwurf haben wir z.B. auf sehr glatte Fassaden geachtet, an denen sich nichts befestigen lässt oder man Dinge auf die Fensterbänke werfen kann. Wir haben also versucht, Sicherheitsaspekte mit in die Architektursprache einfließen zu lassen, ohne dass sie als solche nach außen erkennbar wären. Die Fenster sind wie klassische Kastenfenster aufgebaut. Das hat natürlich Sicherheitsaspekte, da man die baulichen
Anforderungen auf zwei Ebenen verteilen kann und somit von den Bauteilen her schlanker werden kann, ist aber auch aus energetischer Sicht sinnvoll, etwa durch einen integrierten Sonnenschutz. Im Kindergarten sind die Fenster zudem so ausgelegt, dass es 40 cm hohe Brüstungen ohne Zusatzgeländer gibt. Das Gebäude wirkt von innen nach außen also sehr offen. 

Erhöhte Sicherheitsanforderungen beeinflussen also die Architektursprache?

Wandel-Hoefer: Sie geben zumindest zusätzliche Anregungen, die man versuchen muss, auch anderweitig  nutzbar zu machen.

Das Jüdische Zentrum ist eine sehr spezielle Bauaufgabe. Haben Sie den Eindruck, dass Sicherheitsaspekte auch bei anderen Gebäuden inzwischen eine größere Rolle spielen?

Wandel-Hoefer: Für bestimmte Gebäudetypen ja. Wir haben entsprechende Technologien auch bei Banken und bestimmten Wohnhäusern eingesetzt. Im Allgemeinen entsteht Sicherheit aber durch Transparenz und soziale Kontrolle. Wo dies allein nicht mehr ausreicht, muss man natürlich zu entsprechenden technischen Lösungen greifen.

Herr Weber, in die Planung für das Jüdische Zentrum waren Sie bereits recht früh involviert – welche Vorteile ergaben sich dadurch?

Weber: Je früher wir mit den Verantwortlichen sprechen, desto besser können wir ideale Lösungen bereitstellen, z.B. ob es sinnvoller ist, über Funk oder über Kabel zu vernetzen. Da spielen sehr viele technologische Themen eine Rolle, und je eher wir gefragt werden, desto individueller können wir für einen Kunden die Lösung gestalten. Hier im Jüdischen Zentrum haben wir z.B. sehr viele verschiedene Sicherheitsstufen, die in einem Gebäude miteinander kombiniert werden mussten. So können auf Knopfdruck verschiedene Wege frei geschaltet oder eben auch geschlossen werden. Das alles wird zentral gesteuert und kontrolliert. Dazu kommen verschiedene Sicherheitszonen, die wie Kreise um das Gebäude funktionieren und mit entsprechenden Technologien, wie z.B. Überwachungskameras, ausgestattet sind.

Wie muss man sich die Funktionsweise Ihres Systems vorstellen?

Weber: Das System besteht aus mehreren Komponenten. Ein Teil ist fest in oder an der Tür montiert, dazu kommen die Elemente, welche die Menschen mit sich herumtragen, also Transponder z.T. mitintegrierten biometrischen Lesern. Dann haben wir Systeme der Datenübertragung, wir nennen sie Infrastruktur, das können Funk- oder Kabelsysteme sein, um die Informationen zu Rechnern zuübertragen, und ganz am Ende steht die Software. Das eigentlich Spannende ist allerdings die Organisation. Soll ein solches Sicherheitssystem in ein Gebäude integriert werden, muss man mit sämtlichen Beteiligten reden, den IT-Experten, den Sicherheitsexperten, den Leuten, die die Türen kontrollieren, und und und. Man muss sich Gedanken machen, wie die Berechtigungsstrukturen aussehen sollen, wer wann wohin darf und wer überhaupt entscheidet, wer welche Berechtigungen erhält. So komplexe Strukturen können sie mit konventioneller Hardware eigentlich gar nicht mehr umsetzen. Zusätzliche Sicherheit entsteht auch durch die neuen  atteriebetriebenen Systeme, die von einer Stromzufuhr unabhängig sind.

Sind auch nachträgliche Lösungen möglich?

Huffer: Ja, insbesondere die kabellosen Lösungen können auch in ein bestehendes Gebäude eingebaut werden. Auch können im Nachgang weitere Türen mit dem System verknüpft werden. Dazu muss in die jeweiligen Türen einfach ein neuer Zylinder eingebaut werden, der nachträglich in den Schließplan integriert werden kann. Das Ganze funktioniert nach dem Baukastenprinzip, sodass immer wieder auch auf neue Anforderungen reagiert werden kann, die sich oft auch erst durch die Nutzung eines Gebäudes ergeben.

Für welche Gebäudetypen sind Ihre Systeme besonders geeignet?

Weber: Unsere Haupteinsatzgebiete liegen bei Banken und Universitäten. Banken aus Gründen der Sicherheit, Universitäten aus Gründen der hohen Fluktuation und häufigen Änderung von  Raumnutzungen. An dritter Stelle stehen Krankenhäuser, gefolgt von Gebäuden für den öffentlichen Dienst, Regierungsgebäuden, Justizgebäuden. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei die Ausschreibung. Spielen Sicherheitsfragen eine größere Rolle, wird man nicht mehr öffentlich ausschreiben können, sondern sich schon im Vorfeld für ein bestimmtes System entscheiden müssen, da die Sicherheitspläne natürlich nicht öffentlich gemacht werden dürfen. Nicht alles offenzulegen ist auch hier im Jüdischen Zentrum ein wesentlicher Aspekt, der zur Sicherheit des Ensembles beiträgt.

Die Gesprächspartner

Dr. Rena Wandel-Hoefer, Baudezernentin der Landeshauptstadt Saarbrücken und ehemalige Partnerin der Architektengemeinschaft Wandel Hoefer Lorch.

Thomas Weber, Leitung Produktmanagement SimonsVoss Technologies AG, Unterföhring

Nicole Huffer, Leitung Marketing Communications SimonsVoss Technologies AG, Unterföhring

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Das Jüdische Zentrum in der Münchner Innenstadt. Foto: Julia Haider

Sie können den Folder DETAIL reader „Sicherheit planen“ auch kostenfrei bestellen per Email an projekte@detail.de.

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