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Solar Decathlon Europe 2012 geht nach Frankreich

Zum zweiten Mal nach 2010 fand in Madrid der Solar Decathlon Europe statt, bei dem Studententeams aus aller Welt je ein solares Wohnhaus entwerfen, bauen und für zwei Wochen bewohnen müssen. Sieger (fast) aller Klassen war diesmal die Ecole Nationale Supérieure d’Architecture aus Grenoble.

Übersicht

Am Ende wurde es doch noch eine knappe Entscheidung: Mit 11 Punkten Vorsprung setzte sich die Architekturhochschule aus Grenoble mit ihrem Projekt „Canopea“ vor dem „Team Andalucía“ – einem Kooperationsprojekt von vier südspanischen Hochschulen – durch. Auf Rang drei folgte, nun schon mit respektablem Abstand, das italienische Team „Med in Italy“ aus Rom und Bozen vor dem beiden deutschen Teilnehmern HTWG Konstanz und RWTH Aachen.

Ergebnis
Endergebnis des Solar Decathlon Europe 2012

Insgesamt hatten sich in diesem Jahr 18 Teams aus 11 Nationen an dem Vielseitigkeits-Wettbewerb beteiligt, bei dem Studententeams jeweils ein solar betriebenes Wohnhaus für zwei Personen entwerfen, bauen, bewohnen und der Weltöffentlichkeit präsentieren. Den ersten Solar Decathlon überhaupt – seinerzeit noch mit rein US-amerikanischem Teilnehmerfeld – veranstaltete das US-Energieministerium 2002 in Washington. Seit 2010 findet der Wettbewerb auch in Europa statt, beschränkt sich jedoch bei weitem nicht auf europäische Teilnehmer: Mit dabei waren diesmal unter anderen Teams aus China, Brasilien und Japan.

Es hätten noch mehr Teilnehmer sein können, denn – orientiert man sich an den Bewerberzahlen – scheint das Interesse an der Veranstaltung ungebrochen.  Doch längst nicht alle interessierten Hochschulen sind auch in der Lage, das für den Solar Decathlon notwendige Gesamtbudget von meist über einer Million Euro mithilfe von Sponsoren auch aufzubringen. Auch in diesem Jahr mussten einige bereits für den Solar Decathlon qualifizierte Teams – darunter die TU Delft, die London Metropolitan University und die Norwegian University of Science and Technology aus Oslo – schon vor Wettbewerbsbeginn die Segel streichen. 

Jedes Teilnehmerteam muss sich an strenge Wettbewerbsregularien halten, die unter anderem die Grundstücksgröße, die maximal zu überbauende Fläche und die maximale Gebäudehöhe sowie Mindest- und Maximalwerte für die Geschossfläche festlegen. Bewertet werden die Gebäude in zehn Kategorien, darunter objektiv messbare (wie z. B. die elektrische Energiebilanz) ebenso wie subjektive, die per Juryentscheid bewertet werden (darunter z.B. die Kategorien Architektur, Konstruktion und Energieeffizienz). Auch Aspekte, die nur mittelbar mit dem Bauen zu tun haben, spielen für die Bewertung eine Rolle – so etwa das Kommunikationskonzept der Teams.

Die Entwurfs- und Technikkonzepte der Häuser bestachen durch konzeptionelle Vielseitigkeit und Ideenreichtum. Dabei war es durchaus bezeichnend, dass die bestplatzierten Teams sowohl in den  „objektiven“, technischen Kriterien wie auch in den gestalterisch-subjektiven Kategorien Spitzenresultate erhielten. Gute Gestaltung und konzeptioneller Tiefgang bringt offenkundig auch in puncto Energiebilanz die besten Resultate.

Hier die bestplatzierten Entwürfe – und einige interessante „Außenseiter“ – im Kurzprofil:

1. Team Rhone-Alpes (École Nationale Supérieure d’Architecture de Grenoble): „Canopea“

Canopea

Das Siegerteam aus Grenoble entwarf weit mehr als ein Einfamilienhaus für zwei Personen. „Canopea“ ist der Prototyp, oder genauer: die obersten beiden Geschosse, eines neuartigen Wohnhochhauses für verdichtete urbane Lagen. Diese „Nanotowers“ genannten Wohntürme bestehen aus gestapelten, durch außen liegende Treppen und Laubengänge erschlossenen Einfamilienhäusern. Bekrönt werden sie jeweils von einem wintergartenartigen Gemeinschaftsraum mit Waschküche und gemeinschaftlichem Koch- und Essplatz. 

Einen solchen Turm in Madrid zu errichten, hätte sowohl die Wettbewerbsregeln als auch jedes vertretbare Budget gesprengt. Doch auch mit ihrem auf zwei Geschosse verkürzten Hochhaus – übrigens eines von nur zwei mehrgeschossigen Häusern im Wettbewerb – wusste die Equipe aus Grenoble zu überzeugen. Zwar war das Gebäude mit Baukosten von 700.000 Euro das teuerste aller Solar-Decathlon-Häuser 2012, doch erste Plätze in den Kategorien Architektur, Innenraumkomfort, Funktionalität und Innovation sprechen für sich.

2. Team Andalucía (Universitäten Sevilla, Jaén, Grenada und Malaga): Patio 2.12

Patio 2.12

Einen ganz anderen, an regionalen Bautraditionen orientierten Weg verfolgte das zweitplatzierte Team aus Südspanien. Der Name spricht für sich – das Gebäude besteht aus vier vorgefertigten, geschlossenen Baukörpern, zwischen denen sich ein mit Photovoltaikglas eingedeckter Innenhof als unklimatisierter Pufferraum spannt. Bei heißem Wetter lässt sich die Dachverglasung öffnen, um eine Überhitzung zu vermeiden. Mit 500.000 Euro war dieses Haus ebenfalls nicht gerade billig. Stärken zeigte es vor allem in den Kategorien Energieeffizienz, elektrische Energiebilanz und beim Kommunikationskonzept des Teams. 

3. Team Med in Italy (Università degli Studi di Roma Tre/Sapienza Università di Roma/Freie Universität Bozen/Fraunhofer Italien): Med in Italy

Med in Italy

Mit seinem mediterranen Hofhaus siegte das italienische Team unter anderem in der Kategorie „Nachhaltigkeit“. Ein Grund dürfte vor allem der konstruktive Aufbau gewesen sein. Die Außenwände von „Med in Italy“ bestehen aus Holz-Hohlkastenelementen, die vor Ort mit schwerem Füllmaterial (wie z. B. Kies oder Sand) befüllt werden, um die thermische Masse zu steigern. Laut Team „Med in Italy“ eignet sich das Haus sowohl für horizontal verdichtetes Bauen als auch für eine vertikale Stapelung. 

4. Team ECOLAR (HTWG Konstanz): ECOLAR Home

ECOLAR Home

Erste Plätze in den Kategorien „Engineering & Construction“ sowie „Industrialisierung und Markttauglichkeit“ sprechen für den Entwurf des Teams ECOLAR. Die Konstanzer gehörten zu jenen Teilnehmern, die über die gestellte Aufgabe – ein Einfamilienhaus für zwei Personen – hinausdachten. Sie konzipierten ein skelettartiges Baukastensystem, mit dem sich Wohngebäude fast jeder Größe – auch mehrgeschossige – fertigen lassen sollen. Das Quadratraster der Primärkonstruktion (aus verleimten Holz-Hohlkastenelementen) lässt sich mit Fassadenelementen unterschiedlicher Bauart füllen. In Madrid verwendeten die Konstanzer unter anderem Glasschiebetüren, opake Fassaenelemente mit Dünnschicht-Photovoltaik sowie eine neuartige Dreischeibenverglasung mit Lichtlenklamellen und transparenter Wärmedämmung im Scheibenzwischenraum.

Weitere Informationen zum ECOLAR Home

5. Counter Entropy Team (RWTH Aachen): Counter Entropy House

Counter Entropy House

Das Counter Entropy House hat eine bewegte Vorgeschichte – und ein intelligentes Konzept der Raumzonierung. Namensgebend war bei den Aachenern der Gedanke, jede Art von „Einwegverwendung“ – sei es von Energie oder Material – zu vermeiden. Die Fassadenverkleidung besteht aus eingeschmolzenen CDs, der Terrassenbelag aus den zersägten Dachträgern des alten Aachener „Tivoli“-Stations und die Stauraumelemente (teilweise) aus gebrauchten Holzwerkstoffplatten. 

Schattenspender und Energiefänger beim Entwurf der RWTH ist das weit auskragende Dach – wobei die darauf installierte Photovoltaikanlage mit 6,75 kWp Spitzenleistung zu den kleinsten im Wettbewerb gehört. Dafür nutzt das Gebäude auch Solarthermie für Wärmeerzeugung und Gebäudekühlung.

Außen am Dachrand sind Vorhänge angebracht, mit denen sich unter dem Dach ein blickgeschützter, verschatteter Raum im Freien abtrennen lässt. Die eigentliche Gebäudehülle bilden große Glasschiebetüren und fünf große Schrankwände. Im Extremfall lässt sich das Gebäude  komplett auf das Dach und diese Stauraumelemente reduzieren. Sowohl die Glaswände als auch sämtliches Mobiliar finden darin ihren Platz.

Weitere Informationen zum Counter Entropy House

6. Odooproject (Universität für Technik und Wirtschaft Budapest): Odoo

Odoo

Mit einem für mediterrane Länder gänzlich ungewöhnlichen Entwurf wartete das Team aus Budapest auf. Während die Mittelmeeranrainer sonst  eher als „Schattensucher“ bekannt sind, nimmt beim Entwurf „Odoo“ ein offener, der Sonne ausgesetzter Innenhof fast die Hälfte der Grundstücksfläche ein. Er soll (bei entsprechender Witterung) das „Wohnen im Freien“ begünstigen; daher ist die ihn flankierende, schrankartige Stirnwand mit einer eigenen Freiluftküche ausgestattet. Sein (wie bei den meisten Solar Decathlon-Häusern) eher spärlich bemessene thermische Masse gleicht das Odoo-Haus mithilfe eines Wasserkreislaufs aus, der mit Regenwasser aus wärmegedämmten Tanks gespeist wird und zur passiven Kühlung dient.

9. Team Prisma (Polytechnische Universität Bukarest)

Prisma

Über den ästhetischen Wert lässt sich streiten – aber dass die Rumänen es als einziges Teilnehmerteam schafften, ein solares Plusenergiehaus für weniger als 100.000 Euro zu errichten, ist bemerkenswert. Von Anfang an hatten sie ihr Haus als Low-Budget-Entwurf konzipiert, um auch für den einheimischen Durchschnittsverbraucher interessant zu sein. Damit weist dieser Entwurf auf eine wichtige Funktion aller Solar-Decathlon-Häuser hin: Sie müssen einerseits im Klima Madrids bestmöglich funktionieren und die Jurys überzeugen. Andererseits aber werden sie nach dem Wettbewerb oft noch über Jahre hinweg in den jeweiligen Heimatländern als Prototypen zukunftsfähigen Bauens herumgezeigt. 

Ein ausführlicher Bericht zum Solar Decathlon Europe wird in Heft DETAIL Green 2-2012 (Erscheinungstermin: 1. November 2012) zu lesen sein.

Weitere Informationen zum Solar Decathlon Europe

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