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Solarenergie in Deutschland: Was bleibt vom Boom?

Die deutsche Solarbranche ist in den letzten Jahren arg gebeutelt worden. Die Messe Intersolar in München (19.-21. Juni 2013) bot Gelegenheit, Bilanz zu ziehen und nach Zukunftsperspektiven zu fragen.

Solarenergie in Deutschland: Was bleibt vom Boom? BSW-Solar
Abbildung: BSW-Solar

Für die deutsche Solarbranche ist die Messe Intersolar in München traditionell ein Anlass, zurückzublicken und ihre energiepolitischen Botschaften unters Volk zu bringen. In der Vergangenheit war die Stimmung dabei meist aufgeräumt bis euphorisch, doch seit rund zwei Jahren setzen Wirtschaftskrise, Kürzungen bei der Einspeisevergütung und die chinesische Dumping-Konkurrenz der Branche hart zu. Da ist die Frage erlaubt: Gibt es aus der Solarbranche denn überhaupt noch gute Nachrichten?

Solarenergie in Deutschland: Was bleibt vom Boom? BSW-Solar
Abbildung: BSW-Solar

Es gibt sie: In Deutschland werden auch 2013 noch Solaranlagen installiert – und diese sich werden nach Berechnungen des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW-Solar) kaum noch auf die Strompreise auswirken. Wenn sich der Trend der ersten Monate dieses Jahres fortsetzt, dürfte die Gesamtleistung aller 2013 in Betrieb genommenen Photovoltaikanlagen rund 4,5 Gigawatt(peak) betragen.  Nach derzeitiger Sachlage hätte dies nur noch eine Strompreissteigerung von 0,1 Cent pro Kilowattstunde (oder umgerechnet 0,4 Prozent) zur Folge. 

Solarenergie ist kein Preistreiber mehr
Die Zeiten, da Photovoltaik noch als großer „Strompreistreiber“ galt, scheinen also – anders lautenden Befürchtungen zum Trotz – vorbei. Ein Hauptgrund ist der starke Rückgang der Einspeisevergütung für neue Solarstromanlagen. Deren Betreiber erhalten gerade noch 15 Cent pro Kilowattstunde Strom, den sie ins Netz einspeisen. Allein 2012 ist die Einspeisevergütung um satte 45 Prozent gesunken.

Das schlägt sich inzwischen auch in den Umsatzzahlen nieder: 4,5 Gigawatt neue Anlagen sind deutlich weniger als den Jahren 2010 bis 2012, als der Zubau stets zwischen 7,4 und 7,6 Gigawatt betrug. Besonders stark dürfte der Rückgang bei den mittelgroßen und großen Anlagen sein. Denn diese erhalten zum einen geringere Vergütungen – und zum anderen wird seit 2012 nicht mehr die komplette von der Anlage erzeugte Strommenge vergütet. Einen gewissen Prozentsatz müssen Anlagenbetreiber entweder selbst verbrauchen oder direkt vermarkten. Und Letzteres (vor allem der Eigenverbrauch) fällt bei einer Anlage auf dem eigenen Hausdach eben deutlich leichter als beim großen Solarpark auf der grünen Wiese.

Energiewende „von unten“ ist Realität
Damit wird die dezentrale Energiewende zumindest im Bereich der Solarenergie allmählich Realität in Deutschland: Laut BSW-Solar ist derzeit auf jedem sechsten Wohngebäude im Land eine Solaranlage installiert. Insgesamt wurden 1,3 Millionen PV-Anlagen und 1,8 Millionen Solarwärmeanlagen gezählt. Jeder zehnte Deutsche lebt inzwischen in einem Haus mit Solaranlage. Und fast ein Drittel der in Deutschland installierten Photovoltaik-Leistung befindet sich im Besitz von Privatpersonen; weitere 26% gehören Gewerbebetrieben und 17% sind Eigentum von Landwirten. Nur rund drei Prozent der Anlagen werden von Energieversorgern betrieben.

Solarenergie in Deutschland: Was bleibt vom Boom? BSW-Solar
Abbildungen: BSW-Solar

Dass dieses Klein-Klein im Solarmarkt auch viel gestalterischen Wildwuchs auf Hausdächern mit sich bringt, ist klar. Dass die Solarbranche derzeit mit anderen Problemen zu kämpfen hat als mit Gestaltungsfragen, (leider) auch. Immer mehr Modulhersteller, Zulieferer und Anlagenprojekteure mussten in den vergangenen beiden Jahren Insolvenz anmelden; viele kämpfen noch immer ums Überleben. Dennoch rechnet Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des BSW-Solar, damit, dass auch weiterhin alle Wertschöpfungssegmente der Solarbranche – von der Herstellung von Solarzellen über die Modulfertigung bis zur Planung und Installation der Anlagen – in Europa vertreten sein werden. Der Markt wird sich bereinigen, aber nicht komplett von China & Co. übernommen werden, so seine Prognose.

Dumping in China, Solarboom in Japan
Noch ist offen, ob die EU tatsächlich Strafzölle auf chinesische Solarmodule einführen wird. Beschlossen hat dies die EU-Kommission bereits, doch sie wird ihr Vorhaben kaum ohne Zustimmung der EU-Mitgliedsstaaten umsetzen können. Und diese – allen voran Deutschland – stellen sich derzeit quer. Ebenso uneins sind sich im Übrigen auch die Unternehmen der Solarbranche: Einige befürworten die Zölle, andere – darunter viele Installateure – befürchten, dass dadurch die Anlagenpreise steigen und die Absatzzahlen zurückgehen werden.

Unterdessen bekommen die chinesischen Hersteller gerade in der eigenen Region immer mehr zu tun: China und vor allem Japan sind die großen Photovoltaik-Wachstumsmärkte 2013, mit prognostizierten Zuwachszahlen von rund 60% (China) bis zu satten 400 Prozent (Japan). Offenbar hat auf dem immer noch atomabhängigen Inselstaat nach Fukushima ein regelrechter Solarboom eingesetzt, von dem die Weltöffentlichkeit bislang noch kaum Notiz genommen hat.

Abbildung: BSW-Solar

Gestaltungsaufgabe Photovoltaik
Fazit: Auch wenn von Boom vorläufig noch keine Rede sein kann, fasst die Solarenergie doch wieder Tritt. Die Musik spielt allerdings zunehmend außerhalb von Europa. Für Deutschland wird vieles von den nun anstehenden politischen Rahmensetzungen abhängen. Dass es dabei nicht vorrangig um Gestaltungsfragen gehen wird, ist bereits abzusehen. Doch immerhin stammen bereits 5% des in Deutschland erzeugten Stroms aus Solaranlagen. Damit hat die Photovoltaik inzwischen eine Größenordnung erreicht, die die Frage aufwirft, ob Solaranlagen tatsächlich immer und auf jedem Hausdach gefördert werden sollten oder ob nicht – den Landschafts- und Stadtbildern in Deutschland zuliebe – eine gewisse Bündelung der Standorte besser wäre. Es wäre vermessen, diesbezüglich eine Weichenstellung seitens der Bundesregierung zu erwarten. Und der Durchschnittsbürger scheint für das Thema Gestaltung – anders als etwa bei der Windenergie oder beim Netzausbau - eher wenig sensibilisiert. Damit bleibt es vor allem den Architekten und Planern überlassen, der bläulich schimmernden „Masse“ auf deutschen Dächern mehr „Klasse“ entgegen zu setzen und sich – etwa über Gestaltungsbeiräte – zumindest auf lokaler Ebene konstruktiv an den Diskussionen u beteiligen.

Jakob Schoof

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