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Soziale Architektur und die Rolle ihres Architekten

Der Architekt und sein Fachgebiet werden von äußeren Einflüssen und Faktoren beeinflusst – macht- oder gesellschaftspolitische Aspekte prägen die Architektur ebenso wie ihre technische Umsetzbarkeit. Doch wie sieht die globalisierte Rolle des Architekten aus und wie wird sich sein Berufsbild künftig wandeln müssen? Neben der globalen Urbanisierungswelle bestimmen zwei große Themen die Architektur von Morgen. Während angesichts von Klimawandel und Ressourcenknappheit zum einen die Ökologie im Bausektor zunehmend an Gewicht erlangt, wächst auch der Einfluss der sozialen Verantwortung von Architekten. Basierend auf Untersuchungen der ARCH+ beschreibt Anh-Linh Ngo, langjähriger Redakteur der Architekturzeitschrift, den sozialen Werte- und Verständniswandel in der Architektur und skizziert das künftige Anforderungsprofil an das Berufsbild. Die ARCH+, die sich schon seit Jahrzehnten mit den gesellschaftlichen Faktoren der Architektur auseinandersetzt, war inhaltlicher Partner des DETAIL Research Forums zur BAU 2015 zum Thementag „Netzwerk Bauen/ Open Source Architecture“.

(Quelle: ARCH+)

In einer Zeitleiste, die anlässlich der Teilnahme von ARCH+ am Zeitschriftenprojekt der Documenta 12 in Kassel angefertigt wurde, konnten anhand der chronologischen und thematischen Ordnung wiederkehrende Themencluster abgelesen werden. Dabei zeigte sich, das bestimmte thematische Linien über den gesamten Zeitraum relevant blieben. Darunter stellten Themen wie Selbstbauarchitektur, Soziale oder Partizipative Architektur einen wichtigen Teil der Architekturgeschichte dar. Insbesondere Inhalte wie Partizipation, Bürgerbeteiligung, alternatives Bauen, Selbstbau und Wohnungspolitik bestimmten in den 1970er- bis 1980er-Jahren viele Heftschwerpunkte. 2013 bot sich mit der Ausstellung „Think Global, Build Social“ die Gelegenheit gemeinsam mit dem DAM und dem AzW an der Aktualisierung dieser Themen weiter zu arbeiten. Mit ihren Kernaussagen wertet die von Adreas Lepik kuratierte Schau den Gedankenansatz der ARCH+ zur Kritik an der Moderne weiter aus, die spätestens seit den 1960er-Jahren aufhörte, eine einheitliche Bewegung mit einem absoluten Wahrheitsanspruch zu sein. Insbesondere die Auseinandersetzung mit den Folgen dieses Identitätsverlusts stellt für Anh-Linh Ngo eine essentielle Aufgabe der theoretischen Betrachtung der Architektur dar.

(Quelle: ARCH+)

„Die Erkenntnis, dass es keine absoluten Wahrheiten mehr gibt, macht sich spätestens Ende der 1950er, Anfang der 1960er-Jahre auch in der Architektur bemerkbar“, erläutert Ngo, „Diese Entwicklung war geprägt durch die gegenkulturelle Suche nach einer anderen Gesellschaft und nach einem neuen Typus von Macht: nämlich die Infragestellung der Autorschaft des Architekten.“ Dabei spielte auch die Erkenntnis eine Rolle, dass das traditionell-regionale Bauen, sein Materialwissen und technisches Know-how kulturelle oder klimatische Bedingungen beachten und somit elementare Wissensressourcen enthalten. Bereits 1970 beschrieb der italienische Architekt Giancarlo De Carlo die Grundlagen für ein dialogisches Berufsbild. Die heutige Legitimationskrise führte er auf die klaffende Lücke zwischen Architekt und dem Alltag des Nutzers zurück. Laut de Carlo habe sich die Architektur zu sehr zur Partei des Kapitals geschlagen, so dass die Moderne schlussendlich in dem Machtspiel in Form des Bauwirtschaftsfunktionalismus der Nachkriegszeit gescheitert sei. Den von ihm geforderten grundlegenden Wandel vom autoritärem Planen verknüpfte er mit der Forderung nach Partzipation, so dass der Architekt nicht mehr für, sondern mit dem Nutzer plant.

(Quelle: ARCH+)

Selbstbauarchitektur, Soziale oder Partizipative Architektur sind ohne diese Neupositionierung des Planers nicht möglich. „Während allerdings der soziale Anspruch der Moderne noch von einem ungebrochenen Fortschrittsglauben und elitären Utopismus getragen wurde, und man glaubte, die sozialen Veränderungen mit Hilfe der Technisierung und Industrialisierung erreichen zu können, zwingt uns die ökologische und soziale Not heute dazu, sich der vorhandenen „primitiven“ Ressourcen zu versichern,“ erläutert Ngo. Dabei darf primitiv nicht als Wertung einer niedrigeren Entwicklungsstufe verstanden werden, sondern ist vielmehr eine legitime kulturelle Haltung und baupraktische Herangehensweise. Dies beinhaltet die Verwendung lokaler Materialien, traditioneller Konstruktionen und Bautypen, aber auch des tradierten Gebrauchs. Ebenso impliziert dies, mit den eigenen Händen an der Seite der künftigen Nutzer zu arbeiten, und damit das Bauen zu einem sozialen Bauen zu erheben.

Anh-Linh Ngo, ARCH+, während seines Vortrags "Soziale Architektur" zum DETAIL research Forum "Building the Future" zur Messe BAU 2015 in München.

Für das Berufsbild der Zukunft sorgt dieser Paradigmenwechsel für gravierende Veränderungen. Aus der tradionellen Rolle des Auftragnehmers oder Organisators eines Bauherrn, muss der Architekt soziale Prozesse initiieren und begleiten. Dazu zählt es ebenso zur täglichen Projektarbeit Öffentlichkeit herzustellen, Finanziers zu gewinnen und als Motivator zu agieren. Ohne Gleichgesinnte in allen Fachsparten sind die vielfältigen Anforderungen nicht zu leisten, so dass interdisziplinäre Netzwerke vonnöten sind. Nach Ansicht Ngos bieten sich insbesondere Hochschulen als Knotenpunkte an, die nicht nur entsprechende Kontakte vermitteln, sondern mit der Aufnahme des sozialen Engagements im Lehrplan wichtige Grundlagen bilden könnten. Im nächsten Schritt muss das derart gesammelte Wissen wieder vor Ort und im Dialog mit den Nutzern im Projekt umgesetzt werden, so dass sich die globaliserte Welt mit den lokalen Gegebenheiten und Traditionen verbindet. Die sich ergebenden dialogischen Herausforderungen an einen Beruf formuliert Ngo als Schlussfolgerung der ARCH+, „der Architekt und die Architektin von heute, müssen lernen, zugleich global tätig, lokal integriert und sozial engagiert zu sein.“

Vortrag im Rahmen des DETAIL research Forums „Building the Future“ zur Messe BAU 2015 zum Thementag „Netzwerk Bauen/ Open Source Architecture“.

 

Zur Person
Anh-Linh Ngo studierte von 1995-2002 Architektur an der RWTH Aachen, 1998 erhielt er ein 1998 Stipendium des DAAD in Großbritannien. Im Anschluss an sein Studium war er bis 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehr- und Forschungsgebiet für Architekturtheorie der Aachener Universität. Seit 2004 ist er Redakteur der Zeitschrift ARCH+ sowie als Kurator und freier Publizist tätig.

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