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Foto: Frank Kaltenbach

Spanische Verbena im Londoner Nebel: Serpentine Gallery Pavilion

Same procedure as every year?  
Ab dem 25. Juni ist der diesjährige Serpentine Gallery Pavilion in den Londoner Kensington Gardens für die Öffentlichkeit zugänglich. Mit der 15. Auflage feiert die Direktorin der Gallery Julia Peyton-Jones sogar ein kleines Jubiläum. Das spanische Architektenpaar selgascano nahm offensichtlich die Dekorationen der Verbenas aus ihrer Heimat zum Vorbild, die für spanische Sommerfeste typischen farbenfrohen Plastikbänder.

Im Jahr 2000 machte Zaha Hadid als Beitrag zu den Milleniumsfeiern den Auftakt mit einer gefalteten Origami-Konstruktion, 2001 ließ Daniel Libeskind schräge Aluminiumscheiben kollidieren, Toyo Ito fragmentierte 2002 einen weißen Stahlkubus, Oscar Niemeyer schuf im Jahr darauf einen Miniatur-Niemeyer und Àlvaro Siza und Eduardo Souto de Moura 2005 einen parametrisch entwickelten Holzrost, der aufgrund der Steckverbindungen leicht abzubauen und zu transportieren ist.
Seit 2006 ist Hans Ulrich Obrist als »Co-Director of Exhibitions« an Bord des Serpentine-Teams. »London ist eine Weltstadt, deshalb ist es umso verwunderlicher, welch große Architekten hier nie gebaut haben: Mies van der Rohe, Gropius oder Cedric Price.  Das wollten wir ändern und laden deshalb jedes Jahr einen anderen international bekannten Architekten ein, einen temporären Sommerpavillon zu errichten«. 2006 brachte er Rem Koolhaas mit seinem »Balloon« an die Themse, gefolgt von der spiralförmigen Rampe von Olafur Eliason und Kjetil Thorsen, den wie Strandgut aufgetürmten Holzbalken von Frank Gehry, den voll verspiegelten Edelstahlmöbeln von SANAA und Jean Nouvels transluzentem Gebilde aus rotem Glas und roten Membranen, das Besucher und Hyde Park wie durch eine rote Brille erscheinen ließ. Peter Zumthor blendete dagegen die Umgebung mit seinem schwarz umrahmten Hortus Conclusus vollständig aus.
2012 kam dann der Bruch: Im Jahr der Olympischen Spiele in London setzten Herzog & de Meuron gemeinsam mit Ai Weiwei einen vorläufigen Schlussstrich, indem sie als Retrospektive die Fundamente der bisherigen Pavillons wie Archäologen freilegten.

Wird es also immer schwieriger, eine neue Idee für den Pavillon zu finden? Wurde in den letzten Jahren nicht schon alles probiert? Wie eng sind die Grenzen gesteckt? Denn ein Serpentine-Pavillon folgt trotz großer Freiheiten strengen Regeln. 2004 haben MVRDV die Kuratoren mit einem Berg über dem Bestandsgebäude herausgefordert, der nicht realisierbar war. Julia Peyton-Jones musste der enttäuschten Öffentlichkeit mitteilen, dass es dieses Mal keinen Pavillon zu fotografieren gibt. So ein PR-Desaster will Obrist vermeiden. »Der Pavillon ist kein Kunstobjekt, sondern Architektur. Was das bedeutet, musste auch ich erst lernen. Wir können uns nicht leisten, die Architekten einfach machen zu lassen. Obwohl es kein Budget für den Pavillon gibt und die gesamte Finanzierung auf Spenden und dem Verkauf des Pavilllons beruht, muss ein Kostenrahmen eingehalten werden und die Realisierbarkeit gewährleistet sein«. »Ein Schlüsselerlebnis für mich war die Architekturbiennale in Venedig von Kazujo Sejima 2010. Sejima lud damals aus aller Welt die talentiertesten Vertreter einer jungen Architektengeneration ein, die damals noch kaum bekannt waren. Darunter waren Sou Fujimoto aus Japan, Smiljan Radic aus Chile und eben auch selgascano aus Spanien«, resümiert Hans Ulrich Obrist seine Auswahl der letzten drei Jahre. Aber bedeutet die Wahl von selgascano nicht einen Regelverstoß? Schließlich haben die Spanier erst vor kurzem die Büroräume von Second Home in der Londoner Hanbury Street eröffnet. (siehe DETAIL inside 1/15 S. 22 ff.) »Second Home ist kein Gebäude, sondern nur ein Interior. Der Pavillon ist also das erste eigenständige Gebäude von Selgascano auf der britischen Insel, wir haben die Regeln eingehalten«, rechtfertigt sich Hans Ulrich Obrist in unserem Interview.

Wenn der Bauherr mehr weiß als der Architekt
Für selgascano war der Serpentine-Pavillon eine neue Erfahrung. »Normalerweise machen wir als erfahrene Architekten die meisten Vorgaben. In diesem Fall haben wir es aber mit einem Bauherrn zu tun, der dieses Projekt bereits 13 Mal realisiert hat! Da waren wir die »Laien« inmitten eines Teams von Pavillon-Experten«, erklärt uns José Selgas und lacht dabei.
»Natürlich haben wir die Vorgängerbauten unserer Kollegen genau studiert, um etwas ganz Eigenständiges machen zu können. Dass die Architekten dünne Folien als Gebäudehülle einsetzen, ist nicht nur eine ästhetische, sondern als ganz pragmatische Entscheidung  dem einfachen Transport geschuldet: Denn nach den vier Monaten Standzeit in den Kensington Gardens wird jeder Pavillon an einen Sponsor verkauft, der ihn an anderer Stelle wieder aufbaut.

Kurze Werbepause

Viele Pavillons in einem – ein Pavillon aus vielen»Wir haben nicht einen Pavillon gebaut, sondern gleich mehrere«, lächelt Selgas beim Pressepreview am 22. Juni den Journalisten ins Mikrofon.  Wie beiläufig streicht er sich dabei mit der linken Hand über die Lippen und präsentiert damit unbewusst seine quietschgelbe Armbanduhr den zahlreichen Kameras. Lucía Cano hält noch immer ihre orangefarbene Handtasche aus durchsichtigem Plastik in beiden Händen, nicht weniger quietschend und farblich perfekt abgestimmt mit den chicen Sommerschuhen. An einem anderen Ort wären diese Accessoires höchstens ein Thema für die Gossip-Spalten, aber hier im diesjährigen  Serpentine Gallery Pavilion sind sie Teil eines Gesamtkunstwerks. Denn das gesamte Bauwerk besteht aus einer quietschbunten Hülle aus transluzenter ETFE-Folie. Wie bei einer Verbena, einem ausgelassenen Fest im heißen spanischen Sommer, spannen bunte Kunststoffstreifen quer über die Decke, hüllen irisierende Folien den Nordwesteingang wie Geschenkpapier einen Blumenstrauß in psychodelische Reflexe, hebt der Plastikschlauch nach Osten leicht an, um anstelle eines Eingangs ein Guckloch in den Hydepark zu rahmen, vor dem sich so vortrefflich Interviews filmen lassen.

Gute Laune und Wetterschutz für verregnete Sommertage
Selgascano haben den Briten mit dem 15. Serpentine Gallery Pavilion die gute Laune zum Sommergeschenk gemacht. Nur eins haben sie vergessen – die Sonne. Während Sou Fujimotos weißes Stahlgitter 2013 beim typischen bedeckten Londoner Himmel subtil aufleuchtete und in die Wolken überging, schaffen es die bunten ETFE-Folien nur mühsam, sich gegen den grauen Himmel durchzusetzen und ihre Wirkung zu entfalten. Das Entwurfskonzept  »mehrere Pavillons in einem« wird dagegen bei bedecktem Himmel umso deutlicher: Vier verschiedene Schläuche, die die Hauptbewegungsrichtungen des Grundstücks aufnehmen, treffen sich in der Mitte und bilden einen zentralen Iglu. Von der Serpentine Gallery kommend beginnt die Szenographie im Grünton des Rasens und der umgebenden Bäume, wird kurz neutralisiert durch Weiß, bildet ein gelb-rotes Feuerwerk der spanischen Flagge im Zentralraum mit Guckloch in den Park und lässt dem Besucher die Wahl, ob er den Weg geradeaus unter blaugrünen Banderolen mit den Farben von Himmel und Bäumen fortsetzt oder den Abstecher nach rechts in die bedrohliche Enge aus glitzernder Künstlichkeit wagt. Dort wirkt die irisierende Folie mit ihren erotisch betörenden Rot-Violettönen wie elektrostatisch aufgeladen, glitzert, flirrt, verfremdet wie das Make-up einer exaltierten englischen Popikone.
Nein – ein gesellschaftskritisches Manifest ist dieser Pavillon nicht. Und bei Regen wirkt er von Weitem so melancholisch wie ein im Urlaub zurückgelassenes Plastikspielzeug, das fast Mitleid erweckt.

Blütenkelch oder Seifenblase?
Aber der Pavillon von selgascano birgt ein Geheimnis. Denn sobald sich die für London typische graue Wolkendecke wie von Zauberhand selbst auflöst, auch das ist für das Wetter in London typisch, beginnt die Außenhaut zu strahlen und lockt die Besucher wie eine bunte Blume an. Im Innern spielt sich dann ein Schauspiel ab, das sonst nur Insekten kennen, die in Blütenkelchen nach Nektar suchen: Nicht nur Wand und Decke leuchten dann in bunten Farbverläufen und Streifen, sondern auch der Betonboden, dessen weiß gestrichene Oberfläche wie eine Leinwand das Tragskelett als Scherenschnitt und die Membran als Farbflächen reflektiert. Bei Sonne werden die Abschnitte aus transluzenter irisierender Folie fast transparent wie eine regenbogenfarben schillernde Seifenblase.
Dann verwandelt die Projektion des Sonnenlichts die unterschiedlichen kontrastierenden Abschnitte des Pavillons in eine Symphonie der Farben zu einem einheitlichen Bauwerk. Dann überlagern sich die einzelnen Schichten der Hülle optisch zu einer Mehrfachbelichtung, die nicht mehr erkennen lässt, ob die außenliegenden Bänder auf die innen liegende Folie projiziert wird oder umgekehrt. Hätte schon während der Interviews die Sonne geschienen, hätte sich das weiße Kostüm von Cano zur bunt gestreiften Leinwand verwandelt und niemandem wäre die quietschorangene transluzente Plastiktasche aufgefallen. Leuchtfarben hätten sich als Camouflage in diesem Farbenrausch aufgelöst.

Abgeschlossen ist das Projekt 15. Serpentine Gallery Pavilion mit der Eröffnung am 25. Juni noch lange nicht. »Wir haben die erste Phase abgeschlossen. Aber das Projekt geht ja weiter«, erklärt José Selgas. »Der Pavillon wird im November nach Los Angeles umziehen, wo wir ihn wieder neu konfigurieren werden«. Unter der kalifornischen Sonne wird der Pavillon dann noch saftiger leuchten, als im regnerischen London – vorausgesetzt es gibt dort keinen Smog.

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