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Stadt, Land, Raum – Leben in der transnationalen Urbanität

"Die Entwicklung der globalisierten Städte ist nur zu verstehen, wenn wir sie als neue Form der Urbanität begreifen“, erläutert Eckardt. Dabei ist die Global-City-Forschung ein noch relativ junger Wissenschaftszweig. Erst seit ca. 30 Jahren beschäftigen sich Stadtsoziologen, Sozialwissenschaftler und andere Forscher mit den Megametropolen sowie ihren gesellschaftlichen und räumlichen Folgen. Am Beispiel von New York erkannte man in den 1980er-Jahren, dass für die Entwicklung der Großstädte ihre Netzwerke untereinander zunehmend von größerer Bedeutung waren als ihre jeweiligen nationalen und regionalen Einbindungen. Zumeist als Zentren politischer Macht fungierend, bieten sie zugleich Handels- und Mobilitätsinfrastrukturen für ihre Bewohner. Dabei reproduzieren sich die Metropolen der Globalisierung selbst, indem eine Art „global flow“ von Kapital, Gütern, Dienstleistungen und Menschen zwischen ihnen kursiert.

Als Konsequenz ergeben sich enorme gesellschaftpolitische und soziale Auswirkungen auf die Struktur der Zentren. „Je stärker eine Stadt globalisiert wird, desto stärker zieht sie Menschen an“, beschreibt Eckardt die offensichtlichste Veränderung. Dabei ist aber nicht nur das „human capital“ aus Reichen, Kreativen und Intelligenz in den Zuzug einbezogen, sondern gleichzeitig strömen sozialschwache, bildungsferne Schichten in die Metropolen. Aufgrund der zeitgleich abwandernden Mittelschicht entwickeln die Städte eine duale Sozialstruktur und soziale Polarisierung, die einen Ausgangspunkt sozialer Konflikte bilden können. Bis in die 1980er-Jahre hinein bestand in den meisten der europäischen und nordamerikanischen Groß- bis Mittelstädten der Nachkriegszeit ein dreiphasiger Generationszyklus, der den sozialen Status in Wohn- und Lebensform abbildete. Vom zentral wohnenden, jungen Erwachsenen über ein zentrumsnah lebendes Paar bis hin zur Familie im suburbanen Raum vollzog sich ein wiederkehrender Kreislauf innerhalb einer Stadt. Er impilzierte nicht nur einen engen Zusammenhang zwischen Wohnort, Wohnform, Lebensphase und Einkommen, sondern auch eine geringe geographische Mobilität, eine stetige soziale Aufwärtsbewegung und hohe Stabilität. Mit den 1990er-Jahren modifizierte sich das Wohnen und Leben ganzer Generationen. Instabilere und Mobilität erfordernde Arbeitswelten oder auch der Wegfall der Ehe als Status sorgen heute für ein Ausharren oder Zurückspringen in den Phasen eins und zwei. Zudem überwiegt die intrastädtische Mobilität die innerstädtische.

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Mit der sozialen Polarisierung enstehen laut Eckart zwei Gruppen von Metropolbewohnern: Die Zitadellen-Bewohner leben in homogenisierten Stadtquartieren und gehören zum „human capital“. Der Wohnraum wird hier zum Schutzraum, der der repräsentativen Wiedererkennung des eigenen Lebensstils dient. Demgegenüber stehen die Bewohner der sozialen und wirtschaftlichen Peripherie, in deren Bereichen zunehmend obdachloses Verhalten oder auch obdachlose Wohnformen existieren. Aufgrund der in Europa noch funktionierenden Daseinsvorsorge und sozialen Absicherung durch den Staat entstehen hier entgegen der Prognosen der Forscher nur bedingt Brennpunkte.

Globalisierung zieht also nicht nur veränderte Kommunikations- und Wirtschaftsnetzwerke sowie eine veränderte soziale Einbettung in den Großstädten mit sich. Auch baulich werden sich globalisierte Städte ähnlich: Neben symbolträchtiger Architekturen für Museen oder anderer Repräsentanzbauten prägen homogenisierte Wohnquartiere ebenso die Metropolen wie die zumeist identitätslosen Bauten aus Shopping-Malls und Flughäfen. Die prägenste Veränderung des Raumverhaltens stellen jedoch der Entwertungsprozess lokal geschlossener sozialer Systeme sowie die Auflösung der Begriffe „nah“ und „fern“ in sozialer und räumlicher Hinsicht. 

Vortrag im Rahmen des DETAIL research Forums "Building the Future" zur Messe BAU 2015 am Thementag "Globalisierung versus Regionalismus".

Zur Person: 
Prof. Dr. Frank Eckardt absolvierte des Studium der Politikwissenschaften, Neueren und Mittleren Geschichte, Deutsche Philologie an der Universität Kassel. Im Anschluss war er bis 2002 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Stadtsoziologie der Bauhaus-Universität Weimar tätig. 2002 schloss er seine Promotion als Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Universität Kassel ab. Von 2002 bis 2009 bekleidete Eckardt eine Juniorprofessor für Soziologie am Institut für Europäische Urbanistik an der Bauhaus-Universität Weimar, bis er 2009 dem Ruf auf die W2-Professur Sozialwissenschaftliche Stadtforschung an der Bauhaus-Universität Weimar folgte, wo er im gleichen Jahr an der Fakultät Architektur habilitierte.

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