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Temporäre Bauten – Architektur-Gesellschaft, die NEUNTE

Olympiaden, Weltausstellungen und Expos: Das sind die Großevents, für die Architektur immer häufiger die Funktion von Zeichen erfüllt und zum Imageträger wird. Da nicht jedes Stadion und jedes Ausstellungsgebäude nachgenutzt werden kann, spielen temporäre Bauten dabei eine immer größere Rolle. Wir trafen uns mit einem Experten für diese Form von szenografischer Architektur zur neunten Architektur-Gesellschaft im Dezember 2012 bei Boffi in München. Gemeinsam mit Ehrengast Lennart Wiechell, Partner im Architekturbüro Schmidhuber, diskutierten wir über temporäre Bauten im Kontext von Großveranstaltungen für Sport, Handel und Freizeit.

Der Expo-Pavillon von Schmidhuber in Schanghai 2011

Der wirtschaftliche und städtebauliche Katalysator-Effekt von Mega-Events wie Sportweltmeisterschaften, Olympiaden und Expos wird genutzt, um Regionen zu stärken und weiter zu entwickeln. Architektur erfüllt hier nicht mehr allein die Aufgabe der räumlichen Fassung eines Ereignisses, sondern dient zunehmend als Signet der Veranstaltung: Was wäre die Olympiade 2008 in Peking ohne das Vogelnest von Herzog & de Meuron? 

Selbst in Peking, aber vor allem im Rahmen anderer Großereignisse rückt heute zunehmend die Nachnutzung der für das Event geschaffenen baulichen Strukturen in den Fokus der Aufmerksamkeit. Dort, wo keine Nachnutzung gewünscht oder möglich ist, stellen leichte Konstruktionen einer temporären Architektur die räumliche Hülle für die zeitlich begrenzten Veranstaltungen. Dabei muss auf spektakuläre Formen nicht verzichtet werden, bieten leichte Strukturen – unterstützt beispielsweise durch textile Materialien – doch viel Spielraum zur plastischen Gestaltung. Auch der Messebau nutzt traditionell leichte Bauweisen und szenografische Elemente zur Inszenierung von Marken und Produkten auf den großen Marktplätzen des Handels – den Messen.

Lennart Wiechell vom Büro Schmidhuber im Gespräch mit Patricia Beck von DETAIL bei der Architektur-Gesellschaft in München

Das Büro Schmidhuber wird derzeit in der dritten Generation geführt. Eher durch Zufall sind die Inhaber zum temporären Bauen gekommen und verfügen heute über einen großen Erfahrungsschatz in diesem Bereich. Zu den bekanntesten Projekten der Architekten gehört der deutsche Pavillon auf der Expo 2010 in Schanghai. Büropartner Lennart Wiechell analysierte im Rahmen der Architektur-Gesellschaft den jeweils unterschiedlichen politischen Umgang mit den Bauten bei den olympischen Spielen in Peking 2008 und London 2012. Für beide Veranstaltungen hatte Schmidhuber Gebäude geplant.

In der chinesischen Hauptstadt ging es vor allem um die Repräsentation des Landes, die Darstellung seiner wirtschaftlichen Stärke und politischen Macht. Die spektakuläre Architektur der Stadien war unübersehbarer Ausdruck dieser Potenz, was danach mit den Bauten geschehen sollte, war zunächst zweitrangig. Bei einigen Bauten, wie dem spektakulären Schwimmstadion, geht diese Taktik auf: Die Schwimmhalle wird sowohl von der Bevölkerung zum Schwimmen genutzt, dient aber auch der Aufführung von Sport-Ereignissen wie beispielsweise einer direkt im Anschluss an die Olympiade aufgeführten Wasserballett-Inszenierung von Tschaikowskys „Schwanensee“. Für das Vogelnest war eine Nachnutzung allerdings lange ungewiss.

Für London 2012 hingegen wurde die Thematik der städtebaulichen Auswirkungen des Großereignisses Olympiade konkret analysiert und entsprechend geplant, die Nachnutzung der – durchaus ebenfalls spektakulären – baulichen Strukturen stand dabei im Vordergrund. Der Olympia-Park wurde zum Beispiel so konzipiert, dass er heute, nach den Spielen, als neue Siedlung genutzt werden kann. Die Bauten und Stadien, die keiner Nachnutzung zugeführt werden sollten und konnten, wurden als temporäre Bauten geplant.

Die Spiele in London setzten so einen neuen Maßstab in Sachen Nachhaltigkeit: Welche Materialien werden genutzt? Wie kann man diese später wieder verwenden? Oder: Wie werden sie recycelt? Auch die Kosten spielen dabei eine große Rolle. Daher war die Devise, so wenig Material wie möglich zu verwenden, zusätzlich sollten die Gebäude leicht und einfach aufzubauen sein.

Gäste der Architekturgesellschaft (von links nach rechts): Marion Arnemann, Ralf Rauffer von Rauffer Innenausbau und Oktaviane Hornstein.

Im Rahmen des Messebaus plant Schmidhuber für Unternehmen wie Audi, O2 oder Grohe. Die Messestände spiegeln die Bedeutung der Firmen, aber auch der Messen selbst – und werden insgesamt immer größer und technisch aufwändiger. Auf die Frage aus dem Publikum, wohin diese „Steigerung der Sensationen“ führen solle, antwortete Lennart Wiechell, dass es auch einen Gegentrend dazu gebe, und sich die Unternehmen der Auswirkungen dieser Inszenierungswut langsam bewusst würden. Jedoch sei der Druck hoch, Aufmerksamkeit erregen zu müssen, daher würden die Aussteller wohl noch ein paar Jahre versuchen, sich gegenseitig mit der Inszenierung ihrer Messestände zu übertreffen.

Lennart Wiechell achtet bei der Standkonzeption darauf, das Produkt immer in den Fokus der Inszenierung zu stellen. Der Stand fungiert lediglich als Rahmen für das inszenierte Bild: „Zuerst kommt das Produkt, dann die Hülle“. Schmidhuber entwickelt vom Produkt aus die Szenografie des Standes, in einem weiteren Schritt folgen Orientierungssystem und die Besucherführung. Die Wahrnehmung des Produkts soll durch die Besucherzahl nicht beeinträchtigt werden. 

Das Standkonzept selbst dürfe durchaus von den Vorgaben einer fixen Corporate Identity und eines Corporate Design eines Unternehmens abweichen, so Wiechell. Wichtig sei zwar der Wiedererkennungswert der Marke, aber ein Stand gleiche beispielsweise keineswegs einem Autohaus, für das ein Corporate Design beziehungsweise eine Corporate Architecture gelte. Wiechell erläuterte dies am Beispiel seines Standentwurfs für den Automobilhersteller Audi.

Messestand von Schmidhuber für Audi auf der Automobilmesse IAA in Frankfurt

Als Vertreter eines typischen Münchner Großevents war zudem eine Lokalprominenz geladen: Ralf Rauffer von Rauffer Innenausbau arbeitet für das Oktoberfest seit über 50 Jahren mit Feinkost Käfer zusammen. Seit 1972 baut Rauffer die Käfer-Wies’n-Schänke auf. In diesen 40 Jahren ist das Zelt von 64 Sitzplätzen im Innenraum auf über 1500 Sitzplätze gewachsen, 2000 Sitzplätze gibt es zusätzlich im Außenbereich. Das Zelt stetig erweitern zu können sowie die damit verbundene Zeitplanung und Logistik stellen Rauffer jedes Jahr wieder vor neue Herausforderungen: Die Auf- und Abbauzeit bleibt schließlich dieselbe, das Zelt jedoch wächst von Jahr zu Jahr stetig. Auch das Thema Nachhaltigkeit wird dabei berücksichtigt, so sind die Baumaterialien heute leichter und effizienter und können mehrfach eingesetzt werden. (cv)

Die Architektur-Gesellschaft – eine Veranstaltungsreihe von DETAIL – setzt sich mit den Wechselbeziehungen von Architektur und Gesellschaft auseinander. Jeden Monat treffen sich 20 Architekten aus diversen Fachbereichen bei Boffi in München und diskutieren gemeinsam aktuelle Themen.

Wenn Sie Interesse an einer Teilnahme zur nächsten Architektur Gesellschaft  haben, senden Sie eine E-Mail mit Ihren Kontaktdaten an projektedo not copy and be happy@detaildot or no dot.de.

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