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Third Age Suit zur Planung für ältere Menschen

Eine experimentelle Auseinandersetzung mit dem Thema "Bauen für Ältere"

von André Friedel, Hahn Helten + Assoziierte

Im Planungsalltag eines Architekturbüros sind es oft junge Ingenieure, die die Umwelt alter Menschen gestalten. Das Aachener Architekturbüro Hahn Helten + Assoziierte hat in Zusammenarbeit mit dem Ford Forschungszentrum und einem Team seiner jungen Architekten eine experimentelle Auseinandersetzung mit dem Thema "Bauen für Ältere" unternommen.

Architekten und Designer prägen unser alltägliches Lebensumfeld. Wann immer wir ein Gebäude betreten oder uns in ein Auto setzen, hat sich zuvor jemand Gedanken über Design und Ergonomie gemacht. Dabei kommt es neben der Einhaltung von Normen und Vorschriften auch auf Erfahrungswerte und die Empathie an, mit der sich der Ingenieur in die Lebenswelt seiner Zielgruppe versetzen kann. Eine besondere Herausforderung stellt dabei das Planen für alte und gebrechliche Menschen dar. Eine Bauaufgabe, der schon allein aufgrund des demografischen Wandels eine zunehmend wichtige Rolle in der Arbeit von Architekten zuteil wird.

"Wir glauben, dass wir durch diesen Versuch das Fachwissen und den theoretischen Diskurs unserer Architekten um eine intuitive und sinnliche Komponente ergänzen können", so Günter Helten, Geschäftsführer des Architekturbüros Hahn Helten + Assoziierte. "Nachhaltigkeit und Energieeffizienz sind sowohl bei uns Planern als auch bei den Bauherren bereits seit längerem wichtige und selbstverständliche Themen. Doch die Herausforderungen des Alterns bereits in der Planungsphase eines Wohnbauprojektes zu berücksichtigen, ist noch nicht sehr verbreitet. Man fühlt in jungen Jahren eben noch nicht das Altwerden oder das Altsein."

Um seine jungen Planer auf eine inspirative Art an dieses Thema heranzuführen, hat das Büro Kontakt zu dem benachbarten Ford Forschungszentrum aufgenommen, das bereits seit vielen Jahren Erfahrungen mit einem sogenannten Altersanzug gesammelt hat. "Mittels des Third Age Suits können sich junge Entwicklungsingenieure in den Zustand älterer und in der Mobilität eingeschränkter Menschen hineinversetzen", erläutert Dr. Achim Lindner, Arbeitsmediziner und Entwickler des Anzuges bei Ford. „Durch Orthesen an Knien und Armen können wir die Beweglichkeit einschränken, verschiedene Augenkrankheiten simulieren und mittels spezieller Handschuhe sowohl Greifkraft als auch Tastsinn einschränken."

Eine gute Viertelstunde dauert es, bis der Proband sämtliche Orthesen, Klettbänder und Stützen mit Hilfe zweier Mediziner und Ingenieure angelegt hat. Ein wenig erinnert das Prozedere des Zurrens und Verpackens an das Anlegen eines Raumanzuges. Zum Schluss darf sich der Proband durch die Wahl einer Brille noch eine von 22 altersbedingten Augenerkrankungen aussuchen, bevor er zum ersten Mal, und um Jahre gealtert, seine Umwelt neu wahrnimmt. Und tatsächlich macht der Anzug bereits nach wenigen Minuten Eindruck: "Es sind weniger die einzelnen Einschränkungen an sich als vielmehr die Kombination der verschiedenen Behinderungen, die selbst einfache Dinge wie das Anziehen der Schuhe oder das Aufheben heruntergefallener Gegenstände erschweren", so ein Architekt, dessen Alter von Anfang 30 auf Mitte 70 angehoben wurde. Auch konkrete Einsichten über die Wirkung der gebauten Umwelt konnten in der relativ kurzen Zeit schon gewonnen werden. Für die Kompensation der versteiften Knie wurde die Unterschneidung der Treppenstufen als Erleichterung beim Treppensteigen empfunden. Farben sollten nicht allein kräftig, sondern vor allem kontrastierend angelegt werden, um die Unterscheidbarkeit zu vereinfachen. Gleiches gilt auch für die Haptik von Oberflächen. Allzu subtile Unterschiede werden schlicht nicht wahrgenommen. Eine augenfällige Parallele zum Automobildesign, wo die Haptik des Innenraums und der Bedienelemente eine wichtige Rolle spielt. "Auch wenn die Verwertung der heute gewonnenen Erkenntnisse noch schwer abzuschätzen ist, so ist doch die unmittelbare und sinnliche Erfahrung des Alters bereits eine wertvolle Erkenntnis für junge Menschen, auch in der Planungspraxis", fasst Helten den Termin zusammen.

Aufgrund der Ergebnisse dieses ersten und kurzen Exkurses diskutieren Architekten und Autobauer bereits eine weitergehende Erforschung der Einsatzmöglichkeiten des Third Ages Suits in Architektur und Planung. Zusammen mit Medizinern sollen Erfahrungen z.B. auch "in situ", also vor Ort in Alten- und Pflegeheimen, von den Architekten gesammelt werden. (BS)

Weitere Informationen zum Experiment finden Sie hier

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