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Tour Total in Berlin

Foto: Christian Richters

Der Tour Total ist der erste Baustein der Europacity nördlich des Berliner Hauptbahnhofs. Entworfen wurde der 17-geschossige Turm von Barkow Leibinger (Berlin) auf der Grundlage eines städtebaulichen Masterplans für das Quartier, den unter anderem ASTOC (Köln) entwickelt hatten. Markantestes Merkmal des Hochhauses ist seine äußerst vertikal orientierte Fassade, in der durch plastisch geformte Betonelemente eine leichte Verdrehung suggeriert wird. Am 7. September 2012 wurde das Hochhaus der Öffentlichkeit erstmals vorgestellt.

Fassade Stirnseite
Wandbild in der Lobby

Fragt man Frank Barkow nach den Vorbildern, Inspirationsquellen oder historischen Bezügen für das von Regine Leibinger und ihm entworfene Hochhaus „Tour Total“ am Berliner Hauptbahnhof, fallen ihm die Lofts der zwanziger Jahre ein, Backsteinarchitektur in Hamburg und Berlin, Fritz Höger. Aber auch die Experimente mit Formelementen in den fünfziger und sechziger Jahren, wie sie in der DDR und der Bundesrepublik gerne bei der Fassadenverkleidung von Kaufhäusern zum Einsatz kamen. Diese Liebe für großzügige, expressive Bauten an der Schwelle zur Moderne, aber auch für die Beschäftigung mit Formen und Geometrien, spürt man in dem markanten Hochhaus der neuen Europacity in Berlin, das gerade erst fertig gestellt wurde: Selbst in den obersten Geschossen in luftiger Höhe, mit atemberaubendem Ausblick über die Stadt, fühlt man sich dieser Höhe nicht ausgeliefert. Das liegt an den Proportionen der Räume, dem Verhältnis von Fenster- zu Wandfläche und auch an der Art der Konstruktion. Durch die Übersteigerung der Vertikalität der Fassade und die Einführung einer suggerierten Dynamik werden die starren gestalterischen Vorgaben, die in Berlin für große Bauvorhaben gelten, auf subtile Weise unterwandert.

Oberstes Geschoss

Beim Tour Total handelt es sich nämlich nicht um einen Skelettbau, sondern um ein mit tragender Fassade errichtetes Haus. Das ist nicht nur kostengünstiger, es bietet in diesem Fall noch weitere Vorteile: So gibt es keine Stützen im Raum, die die Möblierung einschränken, da die Lasten hauptsächlich über den Kern und die Fassade abgetragen werden. Da das Gebäude eher schmal ist, liegen auch die Spannweiten im Rahmen. Zudem ist die Fassade ganz einfach aus drei Schichten aufgebaut: Innen gibt es die Konstruktion aus vorgefertigten, kammförmigen Stützenelementen. Danach kommt eine Schicht, in der Fenster und Dämmelemente alternieren. Und die äußere Hülle aus acht verschiedenen Beton-Formelementen gibt dem Gebäude seine expressive Anmutung, erfüllt aber keinerlei statische Funktion, weshalb sie mit unglaublicher Exaktheit gefertigt werden konnte.

Ausblick
Sockelbereich

Diese Hülle – die eben keine Lochfassade ist – sowie die durchdachte städtebauliche Figur sind auch der Grund, warum das Gebäude trotz der rustikalen Konstruktionsweise ganz unmissverständlich in der Gegenwart verortet ist: Die T-förmigen Fassadenelemente simulieren eine sich nach oben schraubende Bewegung rings um den Turm, der auf einem zweigeschossigen Sockel ruht. Dabei ist auch die Turmscheibe leicht geknickt, um ihr die Massivität auf der Breitseite zu nehmen, was bis in den Innenraum hinein gut funktioniert, denn durch den Knick gibt es hier keine endlosen Flure. Sockel und Turm verschmelzen zu den Straßen hin zu einer Einheit. Zu dem neu geschaffenen Innenhof, der auch der fußläufigen Durchwegung dient, springt er leicht vor und folgt hier einer aus den radialen Beziehungen vom Hauptbahnhof aus gedachten Linienführung.

Lobby mit Wandbild

Von diesem Innenhof aus gelangt man auch in den repräsentativsten Raum des Gebäudes: die Eingangslobby. Sie ist der einzige Bereich, bei dem Barkow Leibinger für die Innenarchitektur verantwortlich zeichnen. In dem zweigeschossigen Raum mit frei eingestellter Treppe findet man einige Variationen des plastischen Fassadenthemas: So gibt es ein Wandrelief aus Keramikkacheln, das die Form der Fassadenelemente aufgreift; die vertikalen Leisten der Brüstungen von Treppen und Galerie sind ebenfalls trapezförmig. Die Beschwingtheit der fünfziger Jahre klingt hier an, durch die kantige Formgebung und die klare, auf gebrochene Weißtöne reduzierte Farbigkeit edler Materialien – ein beigefarbener Natursteinboden, helles Ahornholz als Handlauf, weiße Brüstungen und Wände – erhält dieser Raum jedoch eine jenseits aller Moden bestehende Zeitlosigkeit. (Cordula Vielhauer)

Daten und Fakten:

Architekten: Barkow Leibinger, Berlin
Bauherr: C A Immo Deutschland GmbH
Nutzer (Mieter): Total
Bauzeit: Juli 2010 - September 2012
Höhe: 68 Meter, 17 Obergeschosse (16 Büroebenen, ein Technikgeschoss); drei Untergeschosse mit Tiefgarage
Fläche: Nutzfläche oberirdisch: 18.000 Quadratmeter BGF, Gesamtnutzfläche: 28.000 Quadratmeter BGF
DGNB-Zertifizierung: Silber 
städtebaulicher Masterplan Berlin Heidestraße: ASTOC Köln (Städtebau), Studio Urban Catalyst Berlin (Freiraumplanung), ARGUS Hamburg (Verkehrsplanung)
Projektmanagement: omniCon, Bereich Berlin
Statik: GuD, Berlin
Haustechnik: Fürstenau und Partner, Berlin
Energiedesign: energydesign braunschweig, Braunschweig
Brandschutz: hhp, Berlin
Bauphysik Schallschutz/Akustik: BBM Müller-BBM, Berlin
Fassadenberater: Priedemann Fassadenberatung, Großbeeren/Berlin
Betonfertigteile: Dreßler Bau, Stockstadt

Foto: Johannes Förster
Foto: Ina Reinecke
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