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Trend folgt Markt: die imm cologne 2014

Eine Möbelmesse als Kunstgewerbemuseum? Beim Gang durch die Premiumbereiche der imm 2014 konnte man sich dieses Eindrucks kaum erwehren. Der Retrotrend in der Branche geht weiter – und immer weiter zurück: Viele der Hersteller nördlich der Alpen setzen auf zarte Polstermöbel, die vom Design der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren inspiriert sind. Manche bringen gleich komplette Wiederauflagen vergessener Meisterentwürfe auf den Markt. Und viele der erfolgreich von der Kölnmesse angeworbenen italienischen Hersteller setzen auf dunkles Mobiliar aus exquisiten Materialien. Im Bereich der Accessoires dominieren edle „Wohnjuwelen“ aus Buntmetall, Marmor und farbigem Glas. Fasst man all die divergierenden Richtungen zusammen, ist der Trend insgesamt klar: Es geht um Distinktionsgewinn durch Design- und Verarbeitungsqualität auf höchstem Niveau. Das zeigt: Die Hersteller haben ihre Hausaufgaben gemacht – zum Spielen blieb ihnen eher wenig Zeit.

VS: Neutra Collection
Artek: Karuselli Lounge Chair von Yrjö Kukkapuro (1964)

Insgesamt waren die materialorientierten Stücke in Köln eindeutig in der Mehrzahl gegenüber denen, die mit konzeptionellen Feinheiten aufwarteten. Was sagt uns das? Die Hersteller folgen mit ihren Kollektionen den Kundenwünschen des Marktes, der auf werthaltige Sicherheit bedacht ist: Das Möbel als sichere Anlage muss aus hochwertigen Materialien bestehen und auch so aussehen oder zumindest die Weihen kanonisierter Designgeschichte bergen – am besten aber beides. Exemplarisch sei hier die aktuelle Sonderauflage (Thonet Collect) des Mies-van-der-Rohe-Freischwingers S 533 von Thonet genannt, eine auf fünfzig Stück begrenzte Variante in dickem, geschnürtem Büffelleder.

Moment: War die Ursprungsidee dieses Stahlrohrmöbels nicht die eines günstigen Massenprodukts? Nun, zumindest Mies hat für die von ihm und Lilly Reich verantworteten Interieurs auch immer wieder Sonderausfertigungen seiner Freischwinger veranlasst. Diese Originale haben auf dem abgegrasten Vintage-Markt jedoch lägst Connaisseurs gefunden, die Nachfrage nach derart erlesenen Stücken besteht aber weiterhin – auch und gerade bei Kunden, die in diesem Segment weniger mit Spürnase und Leidenschaft, als mit dem entsprechenden Portemonnaie ausgestattet sind. Und mit einem enormen Selbstbewusstsein, das sich um (westeuropäische) Vorstellungen von Zeitgenossenschaft als Ausdruck „guten Designs“ wenig schert, sondern eher auf der Suche nach Statussymbolen ist: Westeuropa ist als Absatzmarkt für italienische und deutsche Möbel (Platz 3 und 4 der Möbelproduzenten-Weltrangliste) im vergangenen Jahr dramatisch eingebrochen, Russland und China zeigen hingegen wachsendes Interesse. Anders ausgedrückt: Wenn schon ein Gigant wie Apple seine Dieter Rams entlehnte, auf Understatement ausgerichtete Designphilosophie über Bord und goldene iPhones auf den Markt wirft, wer möchte es da einem Mittelständler vorhalten, dass er sich seine alten Lizenzen vergoldet?

Gubi: Mathieu Matégot Collection, Copacabana Chair + Table und Demon Shelf (1953-56)
Gubi: Paradiset Collection von Kerstin Horlin Holmquist (1956-57)
Artek: Lukki Serie von Ilmari Tapiovaara (1956; 2013 wieder aufgelegt)
Artek: Leuchte TW 003 von Tapio Wirkkala (1960; 2013 wieder aufgelegt)
VS: Neutra Colection
Thonet Collect: S 533 von Mies van der Rohe

Die Musealisierung westlicher Produktkultur

Schließlich ist auch in Europa eine gewissen Technikmüdigkeit zu spüren – jedenfalls "zu Hause": Zu wenig greifbar sind die aktuellen Innovationen in ihrer Nanoskalität, die Geschwindigkeit digitaler Entwicklungen wissen wir am Arbeitsplatz zu schätzen, einrichten wollen wir uns damit im Moment nicht. Die Freude über die vielen Re-Editionen auf der imm 2014 ist dennoch gespalten bis verhalten – zumindest bei den intellektuellen Designliebhabern, die sich in den ersten Tagen auf der Messe tummeln: Zu präsent ist das Gefühl, schon mitten in der Musealisierung westlicher Produktkultur und ihren Anfängen in Industrialisierung und Moderne angekommen zu sein. Darf man sich darüber freuen, dass ein in der Massenproduktion verankertes Unternehmen wie die Vereinigten Spezialmöbelfabriken VS nun eine sauber recherchierte Richard-Neutra-Kollektion herausbringt, und die vergessenen, meist als Einzelstücke oder kleine Editionen gefertigten Schätze erstmals dem Markt zugänglich macht? Als das Möbelunternehmen e15 im vergangenen Jahr mit einer dem Architekten Ferdinand Kramer huldigenden Kollektion herauskam, war der Jubel noch groß.

Doch es ist jene Vielzahl an Re-Editionen, die das Premiumsegment der imm 2014 manchmal wie einen Abguss der Design Basel/Miami wirken lässt, die alljährlich im Schatten der Kunstmesse Art stattfindet, und auf der Vintage-Raritäten und limitierte Stardesigner-Editionen zu Höchstpreisen gehandelt werden: Das finnische Unternehmen Artek – seit vergangenem Jahr mit Vitra fusioniert – gräbt den Karuselli Sessel (1964) von Yrjö Kukkapuro wieder aus. Die Dänen von &tradition haben schon früh erkannt, welches Potenzial in den Midcentury-Klassikern steckt – und tragen den Traditionsbezug bereits im Namen. Neben jungen Designern haben sie 2014 Arne Jacobsens Mayor Sofa (1939) mit neuem Untergestell im Programm. Ähnlich verhält es sich mit Gubi, hier spürt man seit einer Weile mit nahezu archäologischer Akribie grafische Designs von Mathieu Mategot aus den Fünfzigern auf, dieses Jahr kommen noch zierliche Polstermöbel der schwedischen Designerin Kerstin Holmquist hinzu. Walter Knoll zitiert das Sofa „Haussmann 310“ (1962) des gleichnamigen Schweizer Designerehepaares. Hier ist jedes Stück ein unbestrittenes Meisterwerk seiner Zeit und ein Zeugnis für hohen Kunstverstand; doch wo bleiben die innovativen Designs von 2014?

Walter Knoll: Sofa "Haussmann 310" von Trix und Robert Haussmann (1962)
&tradition: Mayor Sofa von Arne Jacobsen und Flemming Lasssen mit Catch Chair von Jaime Hayon
&tradition: Mayor Sofa von Arne Jacobsen und Flemming Lasssen (1939)
 

Neue Gründerzeit durch veränderte Produktionsweisen und Vertriebsmöglichkeiten

Den Neuheiten auf der imm cologne 2014 haben wir einen eigenen Artikel gewidmet, zudem hat das Messejahr ja gerade erst begonnen. Doch noch etwas fällt auf: Es gibt so etwas wie eine neue Gründerzeit designorientierter junger Unternehmen – auch in Deutschland. Eine selbstbewusste Generation von Designern verlässt sich nicht darauf, von etablierten Herstellern vermarktet zu werden, sondern macht sich selbst auf den Weg in Produktion und Vertrieb. Möglich wird das gerade durch die Veränderungen in diesem Bereich: Der Online-Handel eröffnet auch kleineren Firmen überregionale Absatzmärkte. Und digitale Produktionsweisen sowie die Nachfrage nach handwerklich gefertigten Möbeln machen unabhängig von den teuren Werkzeugen und Formen der Industrieproduktion. Der polnische Designer Oskar Zieta macht vor, wie man konsequent neue Produktionstechniken anwendet – in diesem Jahr bringt er mit seiner Firma ein digital gestanztes Sandwichpaneel auf den Markt. Die Berliner Labels New Tendency, L&Z oder das Hamburger Brüder-Trio Loehr darf man ebenfalls dazu zählen: Die von ihnen entwickelten Kollektionen werden zwar in Manufakturen hergestellt, sprechen aber eine reduzierte moderne Sprache, die mit klaren Linien, intelligenten Details und hochwertigen Materialien ihre Kunden auf durchgängig hohem Niveau ansprechen.

Zuversichtlich wirken auch die jungen Absolventen und Studenten, die in Halle 1 der imm cologne ausstellen: Sie entwickeln an der HfG Karlsruhe bei Stefan Diez neue Möbel für den Online-Versand oder gehen unvoreingenommen mit neuen Techniken um – und finden dafür schöne Formen. Eine ist die LED-Leuchte Thanks for the Sun von Arnout Meijer (Rotterdam), der die moderne Technik nicht in einen überlieferten Formenkanon zwingt, sondern die flachen Leuchtmittel mit ihrem großen Spektrum an Lichtfarben als dimmbare Scheiben an die Wand hängt – wie grafische Sonnen.

Weitere Artikel zur imm cologne 2014:
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Jenseits von Musealisierung: Designneuheiten auf der imm cologne 2014
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Artikel zur imm cologne 2013:

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Wo ist zu Hause, Mama? Neues aus West und Ost auf der imm 2013
Die Bouroullecs: A&W-Designer des Jahres 2013

Stand von Oskar Zieta mit "3+"-Technologie
Kollektion von New Tendency
Kollektion Loehr
Kollektion L&Z
K.O. Project der HfG Karlsruhe
Masala Kitchen (HfG Karlsruhe)
Thanks for the Sun von Arnout Meijer
 
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