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Unterwegs zum Gipfel - Teil 2

Im Dezember ist es so weit: COP15, der UN-Klimagipfel in Kopenhagen soll eine weltweite Nachfolgeregelung für das Kyoto-Protokoll bringen. Teil 2 unserer Serie untersucht, welche Auswirkungen die verschärften Bemühungen um Klimaschutz für Architektur, Städtebau und Bauwirtschaft haben werden.

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Foto: Rainer Sturm/pixelio

Sicher scheint: Nicht alles, was im Hinblick auf den Klimawandel wünschenswert wäre, wird umgesetzt werden. Doch nicht zuletzt das Auftreten der neuen US-Regierung bei den Vorbereitungskonferenzen für den UN-Klimagipfel in Kopenhagen (7.-18.12.2009) lässt die Klimaschützer derzeit wieder hoffen. Ihre Forderungen und die derzeitigen Entwicklungen in der Klimapolitik lassen Rückschlüsse darauf zu, wie sich die Rahmenbedingungen im Bauwesen künftig verändern werden.

Strengere Grenzwerte und umfassendere Verordnungen. Auch die im Herbst in Kraft getretene EnEV 2009 wird sicher nicht das "Ende der Fahnenstange" bedeuten, zumal der technische Fortschritt weitere Effizienzgewinne möglich – und wirtschaftlich erreichbar – macht. Allerdings haben Verordnungen eine Einschränkung: Sie lassen sich politisch nur dann durchsetzen, wenn sich Mehrinvestitionen zumindest mittelfristig amortisieren. Im Bauwesen ist das meistens der Fall: Verglichen mit anderen Industriezweigen lassen sich CO2-Einsparungen hier zu vergleichbar geringen Kosten realisieren.

Vieles hängt am Geld – auch ohne Konjunkturprogramme. Das Beratungsunternehmen McKinsey hat in einer Studie untersucht, welche Einzelmaßnahmen gegen den Klimawandel wie viel bringen – und wie viel sie wann kosten. Der Sektorenvergleich ergibt hierbei ein interessantes Bild: Die meisten Effizienzmaßnahmen im Bauwesen sind zunächst teuer – wenn etwa die Gebäudedämmung verbessert oder eine Solaranlage installiert wird. Langfristig steht dem jedoch ein Netto-Gewinn – durch geringere Betriebskosten – gegenüber. (Der Weltklimarat schätzt, dass weltweit rund 30 Prozent der im Gebäudesektor verbrauchten Energie kostenneutral eingespart werden kann.) Das produzierende Gewerbe und die Energiewirtschaft sind hier in einer weniger glücklichen Lage: Hier sind die Anfangsinvestitionen pro vermiedener Tonne CO2 nur ein Drittel bis halb so groß. Dafür sind – bei der Nutzung bislang verfügbarer Technologien – auch die langfristigen Kosten positiv, das heißt: Ein finanzieller Einspareffekt ist im Branchendurchschnitt nicht zu erwarten.
Aufgrund ihrer günstigen Kosten-Nutzen-Relation dürften Energie-Einsparmaßnahmen im Gebäudebereich daher auch künftig Favorit bei der Verteilung von Fördergeldern bleiben. Schon im Ende 2008 verabschiedeten ersten Konjunkturpaket hatte die Bundesregierung den Etat für die KfW-Gebäudesanierungsprogramm um 3 Milliarden Euro aufgestockt.

Das Staatsgeld ist gut angelegt: Nach Schätzungen der KfW zieht jeder Euro, den der Staat im Rahmen des Gebäudesanierungsprogramms ausgibt, rund fünf Euro privater Investitionen nach sich.

Ein Preis für CO2. Er ist das wirksamste Werkzeug im Kampf gegen den Klimawandel – und sorgt zugleich für die meisten politischen Diskussionen. Dabei sind die Vorteile unumstritten: Ein Preis für CO2-Emissionen wäre ein deutliches Signal an Industrie und Verbraucher, mit fossilen Brennstoffen sparsam umzugehen und wo möglich auf erneuerbare Energien umzusteigen. Niemand müsste sich mühsam darüber informieren, welche Technologie wie CO2-intensiv ist – der Preis würde es verraten. Und schließlich gäbe ein CO2-Preis denjenigen Unternehmen Investitionssicherheit, die die Entwicklung nachhaltiger Technologien vorantreiben. Die Zeiten, in denen ein – konjunkturbedingt – sinkender Ölpreis automatisch die Solarbranche in die Krise reißt, wären dann vorbei.

Um die Zahlungsmodalitäten für künftige CO2-Emittenten wird in der Fachwelt noch gestritten. Der Emissionshandel, wie er im Kyoto-Protokoll vorgesehen ist, wird EU-weit seit 2005 praktiziert. Kritiker des Emissionshandels bemängeln vor allem die mangelnde Erfahrung mit diesem Werkzeug. Sie plädieren stattdessen für eine weltweit einheitliche CO2-Steuer, die jedes Land separat erheben und nach Gutdünken verwenden könne. Wofür die Gelder ausgegeben werden, schreibt der US-Ökonom William D. Nordhaus, ist eher zweitrangig. „Die Steuern dienen vor allem dazu, den Preis für CO2 zu erhöhen.“

Damit das Preissystem jedoch funktioniert, müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein: Der Preis muss stabil sein, und er muss hoch genug sein, damit Unternehmen und Verbraucher zu einem Umdenken bewegt werden. So ist zum Beispiel der Preis für eine Tonne im EU-Emissionshandel zwischen Sommer 2008 und Frühjahr 2009 um 60 Prozent auf nur noch 12 Euro je Tonne gefallen – viel zu niedrig, um Innovationen anzustoßen. Die dritte Bedingung lautet: Alle Länder der Erde müssen sich am System beteiligen. Sonst wird es teuer, schreibt William Nordhaus: Wenn auch nur ein Drittel aller Emissionsrechte weltweit verschenkt werden, verdoppeln sich die Kosten für die Vermeidung jeder Tonne CO2. In der gegenwärtigen Situation, in der weltweit nur ein Drittel aller Emissionen weltweit dem Emissionshandel unterliegen, liegen die Vermeidungskosten sogar beim 7,4-fachen.

Wie auch immer das Preissystem letztlich aussieht – wichtig ist vor allem, dass es ins Leben gerufen wird, sagt Dan Kammen von der University of Berkeley: „Wenn die Unternehmen erst einmal davon ausgehen, dass CO2 einen Preis erhält, wird allein dadurch eine Welle an bislang zurückgehaltenen Investitionen in Gang kommen.“

Forschung und Entwicklung. Die Forschung war gerade in den vergangenen Jahren ein Innovationsmotor im Bauwesen. Erfindungen wie Vakuumdämmung, OLEDs oder elektrochrome Gläser dürften in den kommenden Jahren die Art und Weise verändern, wie wir bauen und uns in Gebäuden einrichten. Doch weltweit könnte auf diesem Sektor viel mehr geschehen: Der US Green Building Council hat errechnet, dass in den USA zwischen 2002 und 2004 gerade einmal 0,2 % aller öffentlichen Forschungsgelder in das nachhaltige Bauen flossen. Ähnlich sieht es in der Energiebranche aus: Laut der Internationalen Energie-Agentur werden nur 12 Prozent der staatlichen Forschungsgelder in diesem Sektor für erneuerbare Energien und Energieeffizienz ausgegeben. Dagegen fließen noch immer 40 Prozent in die Erforschung der Kernenergie. Ist das noch zeitgemäß? Kaum. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass die Staatsausgaben für die Erforschung nachhaltiger Energietechniken um das Drei- bis Vierfache gesteigert werden müssen, um die „Energiewende“ noch rechtzeitig zu schaffen.

Transfer von Know-how und Technologie. Deutschland besitzt einen immensen Wissensvorsprung in der Planung und im Bau energieeffizienter Gebäude. „Großbritannien liegt bei der Entwicklung CO2-neutraler Gebäude 20 Jahre hinter Deutschland zurück“, schreibt Amanda Greer im britischen „Architects? Journal“. Das ist mehr als eine Höflichkeitsformel, und verglichen mit anderen Nationen dürfte der Vorsprung noch um einiges höher sein. Der Wissens- und Technologietransfer in diese Länder ist daher eine wirtschaftliche Chance und eine ökologische Notwendigkeit. In Osteuropa warten nach wie vor Tausende Nachkriegsbauten auf ihre thermische Sanierung. Südeuropa hat erheblichen Nachholbedarf bei der energieeffizienten Gebäudekühlung, weil hier die Effizienzgewinne mit den gestiegenen Komfortansprüchen – und dem gestiegenen Lebensstandard – der Bevölkerung nicht Schritt gehalten haben. Bevor deutsche Architekten und die deutsche Bauzulieferindustrie jedoch von diesen Märkten profitieren können, müssen sie politisch geöffnet werden. Derzeit sind die Anreize für Energieeinsparmaßnahmen in diesen Ländern noch zu gering, als dass daraus mehr resultieren würde als einige wenige Vorzeigeprojekte.

Lesen Sie in der kommenden Woche, wie sich Städte an den Klimawandel anpassen – und welchen Sinn „grüne“ Konjunkturprogramme haben.

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