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Vertikale Nischen: Miniwohnungen in Megacities von Gary Chang

China boomt. Doch das wirtschaftliche Wachstum führt nicht überall zu Wohlstand: In den chinesischen Megacities und vor allem in Hong Kong leidet gerade die neu hinzugezogene Bevölkerung aus den ruralen Gebieten unter Wohnungsnot. Die gemeinnützige Organisation Society for Community Organisation SoCO hat ausgerechnet, dass hier insgesamt rund 350.000 Haushalte in so winzigen Räumen hausen, dass man sie nicht mehr als Wohnungen bezeichnen kann. Der chinesische Architekt Gary Chang, der kürzlich an der TU Graz im Rahmen eines Symposiums zu Hoher Dichte und Wohnkomfort als Gast geladen war, entwickelt – auch vor dem Hintergrund dieser Misere – intelligente Nutzungskonzepte für Kleinsträume.

Es sind Verhältnisse, die nicht mehr als menschenwürdig zu bezeichnen sind: In zu Kleinstwohnungen aufgesplitteten Einheiten teilen sich manchmal bis zu 40 Personen eine 80-Quadratmeter-Wohnung – und ein Bad. In so genannten „Käfig-“ oder „Sargwohnungen“ stehen manchen Menschen gerade einmal eineinhalb Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Hochhausdächer werden für illegale Hüttensiedlungen umgenutzt. Die klimatischen und hygienischen Verhältnisse sind verheerend. Und das alles bei exorbitanten Mietpreisen. In einer Fotoausstellung mit dem Titel Sojourning as Tempura hatte SoCO im Dezember 2012 auf die stetig mehr Menschen in chinesischen Großstädten betreffende Situation hingewiesen.

Dem prominenten chinesischen Architekten Gary Chang ist diese Problematik bewusst. Ihm geht es grundsätzlich um die intelligente Nutzung von Fläche und Raum und damit perspektivisch um die Bereitstellung günstiger, menschenwürdiger Wohnräume – auch und gerade in Megametropolen wie Hong Kong.

Dazu greift Chang den immer wieder aktuellen Trend der Zellenstruktur auf, der einerseits die gesellschaftliche Fokussierung auf das sozial ungebundene Individuum spiegelt – den urbanen Nomaden. Gleichzeitig steht die Zelle aber auch für einen hochfunktionalen Miniraum. Dabei bezieht er sich implizit auch auf Strukturen, wie sie im Metabolismus der sechziger Jahre bereits vorgedacht waren. Während diese jedoch positive Utopien von Freiheit im Wohlstand dank Nachhaltigkeit beschworen, sieht die Realität für viele der heutigen Arbeitsnomaden ziemlich bitter aus – eben gerade in Bezug auf ihre Wohnsituation, die ebenso prekär ist wie ihre Arbeitsverhältnisse.

Changs Entwürfe für einen „Supply of fundamental Needs“ greifen daher weniger auf großformatige Baustrukturen als vielmehr auf die Nutzung von Nischen und die Bereitstellung von intelligenten „Functional Kits“ zurück. Dabei ordnet er Flächen und Räume auf flexible Art zeitlich begrenzten Tätigkeiten zu und nutzt Nischen nicht nur horizontal, sondern auch vertikal. Das Prinzip der „Dicken Wand“, wie man es unter anderem bei Louis Kahn findet, wird beispielsweise im Projekt „Suitcase House“ zum „Dicken Fußboden“. Dadurch ergeben sich andere Raumprofile als bei starr festgelegten Nutzungszuweisungen. Das „Suitcase House Hotel“ ist ein experimentelles, auf temporäre Wohnnutzungen ausgerichtetes Apartment-Haus in Peking, bei dem sich unterschiedliche Räume und Nutzungen – vom Badezimmer bis zur Bibliothek – aus dem Fußboden hochklappen lassen. Es befindet sich gemeinsam mit elf anderen Häusern – ebenfalls von jungen asiatischen Architekten – auf einem Grundstück der Kommune an der Großen Mauer. Zu dem Ensemble gehört auch ein Club, zudem sollen demnächst Wochenendhäuser entstehen.

Als Prototyp für Changs Ideen gilt sein „Domestic Transformer“ – ein flexibles System teils beweglicher Möblierungs- und Zonierungselemente in Changs eigener Wohnung auf einem Raum von 2,50 x 8,00 x 4,00 Metern.

Ganz auf Flexibilität, Multifunktionalität und Raumerweiterung durch Außenbezüge ausgerichtet sind auch die von Gary Chang umgestalteten Mini-Apartments im Pencil Tower in Hong Kong. Das schlanke Hochhaus, das ursprünglich für Servicewohnungen errichtet wurde, steht auf einem ultrakompakten Grundriss und beherbergt zwei Maisonettewohnungen und 15 Kleinstwohnungen. Hier ist die Trennwand zum Bad ein verschiebbares Regal mit integriertem Fernseher, eine vier Meter lange „Tischbank“ dient zum Essen oder Arbeiten, davor kann ein großer Blumenkübel bepflanzt werden, und ein großes Panoramafenster sowie zwei Balkone schaffen Außenbezüge zur – wenigstens visuellen – Raumerweiterung. Die kräftige Farbgestaltung – schwarz und orange – akzentuiert die einzelnen Funktionen. Die Apartments sind nur rund zwanzig Quadratmeter groß – ihre kluge Gestaltung und die technische Ausstattung machen sie dennoch zu einem komfortablen Lebensraum. (Cordula Vielhauer)

Weitere Informationen:
Komfort trotz Dichte? Entwurfsstrategien für asiatische Megacities
Vielfalt in Serie: Das Penrose-Parkett als Planungsgeometrie im Städte- und Wohnungsbau

SymposiumHigh Desity an Living Comfort der TU Graz

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