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Verwaltungsgebäude in Nijverdal

Chamäleon passt sich die Gebäudehülle dem Klima und den Wünschen und Bedürfnissen der Nutzer an.
Die neue Niederlassung von Solarlux lebt von der Variabilität der Fassade. Wie ein Chamäleon passt sich die Gebäudehülle dem Klima und den Wünschen und Bedürfnissen der Nutzer an. Foto: Solarlux/Thea van den Heuvel, NL-Nijverdal

Ein Segelboot statt einer Motorjacht, das wollten der Architekt Wolfgang Herich und der Bauherr Solarlux mit dem Bau der neuen niederländischen Niederlassung in Nijverdal schaffen. Die Kraft der Natur anstelle aufwendig erzeugter Energie zu nutzen, war das Grundprinzip der Planung, der ein innovatives, architektonisches und technisches Konzept zu­grunde liegt. Herausragender Bestandteil dabei ist die neue Co2mfort-Fassade von Solarlux.

Während viele Verwaltungsgebäude oft reine Zweckbauten sind, in denen mensch­liche und gestalterische Komponenten zu kurz kommen, stellt die neue Niederlassung von Solarlux den Menschen und seine Bedürfnisse in den Vordergrund. Dem Wunsch nach Licht und Luft sowie nach einem angenehmen Raum- und damit auch Arbeitsklima sollte der Neubau Rechnung tragen. Eng damit verbunden war der Anspruch des Unternehmens, ein nachhaltiges Gebäude zu entwickeln. Seine Nutzer sollten aktive Menschen in einem passiven Gebäude sein.

Der markante rote Würfel als Schulungs- und Konferenzraum spricht eine offene Einladung zum Kommunizieren miteinander aus
Der markante rote Würfel als Schulungs- und Konferenzraum spricht eine offene Einladung zum Kommunizieren miteinander aus. Foto: Solarlux/Thea van den Heuvel, NL-Nijverdal

Unterschiedliche Lichtstimmungen und die Vielfalt der Tages- und Jahreszeiten vom Außen- in den Innenraum des Gebäudes zu bringen, waren die Basis des Entwurfsgedankens. Klarheit, Leichtigkeit und Durchlässigkeit sind die bestimmenden Kriterien der Architektur, die sich auch am Selbstverständnis des Bauherrn und dem Firmenleitsatz »Glas in Bewegung« orientiert. Die einfache und klare Grundstruktur des Gebäudes reagiert auf städtebauliche Vorgaben. Zentrales Herzstück ist die helle und weitläufige Ausstellungshalle, die alle Bereiche verbindet. Sämtliche Räume der unterschiedlichen Nutzungszonen liegen an dieser Halle, die durch den schwebenden Sitzungssaal mit dem Steg, dem offenen Treppenaufgang und den Sichtbeziehungen in die Büroebenen zum räumlichen Erlebnis wird. Die enge Verzahnung zwischen den beiden Bürogeschossen, dem Schulungsraum sowie den Besprechungszimmern ermöglicht leichte Orientierung und wird zum Kommunikationsmittelpunkt. Die transparente, leichte und kommunikative Grundstimmung setzt sich bis in die Arbeitsplatzumgebung des Einzelnen fort, wobei das Organisationsprinzip eines Kombibüros zwischen ruhigem, konzentriertem Arbeiten und offenem, informellem Multifunktionsbereich vermittelt.

Der Mensch steht im Mittelpunkt der Planung, der Wohlfühlfaktor im neuen Verwaltungsgebäude hat oberste Priorität. Dazu gehört auch, dass jeder Mitarbeiter das Raumklima und die -temperatur jederzeit aktiv über die Fassade beeinflussen kann. Was im Büroalltag wie ein Stück zurück­gewonnene Freiheit klingt, ist Teil des energetischen Konzepts. Denn die Mitarbeiter übernehmen dabei Funktionen, die bei ­herkömmlichen Doppelfassaden sonst nur über teure technische Komponenten wie Lüftungsklappen, Stellmotoren und Lüfter geregelt werden können. Wohlfühlen und Energiesparen gehen somit Hand in Hand. Da­rüber hinaus macht die klimagerechte Gebäudehülle in Kombination mit einer intelligenten, nutzergesteuerten Belüftung ein herkömmliches Heiz- und Kühlsystem überflüssig.

Der Co2mfort-Doppelfassade liegt die Idee des Doppelfensters zugrunde. Den Raumabschluss bildet die wärmegedämmte Glas-Faltwand SL 65 aus Holz. Davor befindet sich das transparente Schiebe-Dreh-System SL 25 XXL als ungedämmte Glasebene. Durch die doppelte Fassade entsteht ein begehbarer Fassadenkorridor, der das Gebäude umhüllt. Beide Fassadenebenen lassen sich vollständig auffalten, sodass sich je nach Witterung die Innenraumtem­peratur manuell regeln lässt: Eine komplett geschlossene Doppelfassade bietet die höchste Wärmedämmung. Die äußere Hülle fungiert als Solar-Luft-Kollektor, wobei im Zwischenraum so hohe Temperaturen erreicht werden, dass der Nutzer die innere Fassade öffnen und vorgewärmte Frischluft in das Gebäude führen kann. Bei hohen Außentemperaturen wird die äußere Hülle vollständig geöffnet, um einen Hitzestau
im Fassadenkorridor zu vermeiden. Wenn beide Fassadenebenen geöffnet sind, entsteht das Gefühl, auf dem Balkon zu arbeiten. Durch dieses spezielle Fassadenkonzept verringert sich der Energieaufwand für Gebäudeheizung und -kühlung deutlich.

Viel Licht und Glas prägen die transparente Kon­struktion und tragen dem Entwurfgedanken Rechnung, unterschiedliche Lichtstimmungen und die Vielfalt der Tages- und Jahreszeiten vom Außen- in den Innenraum des Gebäudes zu bringen.
Viel Licht und Glas prägen die transparente Kon­struktion und tragen dem Entwurfgedanken Rechnung, unterschiedliche Lichtstimmungen und die Vielfalt der Tages- und Jahreszeiten vom Außen- in den Innenraum des Gebäudes zu bringen. Foto: Solarlux/Thea van den Heuvel, NL-Nijverdal

Das Heiz- und Kühlkonzept basiert auf einem Niedertemperatursystem mit Vorlauftemperaturen von maximal 30 °C im Winter und minimal 15 °C im Sommer. Alle Geschossdecken des Gebäudes und die Fußbodenheizung der Ausstellungshalle werden mit temperiertem Wasser durchströmt. So geben sämtliche Oberflächen eine angenehme Strahlungswärme an den Raum ab. In Räumen mit erhöhtem Wärme- oder Kältebedarf wurden dabei die Leitungen enger verlegt, um eine höhere Leistung zu erzielen. Die notwendige Energie wird vollständig aus regenerativen Quellen gedeckt. Eine Geothermieanlage mit 24 Erdwärmesonden in 85 m Tiefe liefert ganzjährig auf ca. 15 °C temperiertes Wasser. Im Winter bringt eine Wärmepumpe das Wasser auf das notwendige Temperaturniveau. Zusätzlich wird die Abwärme des Serverraums genutzt und in das Heizungssystem eingespeist. Im Sommer wird das kühle Grundwasser aus den Erdwärmesonden direkt genutzt, um alle massiven Bauteile auf Raumtemperatur herunterzukühlen.

Umgesetzt wurde die anspruchsvolle Bauaufgabe des neuen Verwaltungsgebäudes im engen Planungsverbund zwischen dem Architekten Wolfgang Herich, dem Bauherrn Solarlux, den Fassadenplanern imagine envelope und der TU Delft, die das Gebäude nach der Fertigstellung auch als Forschungsobjekt nutzt. Ein Jahr nach der Einweihung im Sommer 2010 liegen bereits erste Ergebnisse vor, die den Anspruch nach einer positiven Ökobilanz bestätigen. Eine vom Bauherrn in Auftrag gegebene Studie zur CO2-Bilanz der Co2mfort-Fassade gegenüber einer herkömmlichen Fassade belegt eine Einsparung des CO2-Äquivalent pro m2 Fassadenfläche von 90 kg sowie die Einsparung von Grauer Energie um 32 % und die Reduzierung des Treibhaus­potenz­ials um 35 %. Dies legt den Schluss nahe, dass bei der neuen niederländischen Niederlassung von Solarlux nicht nur das Klima im Innern, sondern auch für die Außenwelt stimmt.

Bild 4, Solarlux/Emilie Willems
Bild 5, Foto: Solarlux/Thea van den Heuvel, NL-Nijverdal

Bild 4, 5: Die Co2mfort-Doppelfassade basiert auf der Idee des Doppelfensters. Den Raumabschluss bildet die wärmegedämmte Glas-Faltwand SL 65 aus Holz. Davor befindet sich das transparente Schiebe-Dreh-System SL 25 XXL als ungedämmte Glasebene. Durch die doppelte Fassade entsteht ein begehbarer Fassaden­korridor, der das Gebäude umhüllt. Beide Fassadenebenen lassen sich vollständig auffalten, sodass sich je nach Witterung die Innenraumtemperatur manuell regeln lässt.

Projektdaten:
Bauherr: Solarlux Nederland BV
Entwurf: Wolfgang Herich, Belm
Architekt: Van der Linde Architecten, Zutphen
Fassaden und Klimakonzept: imagine envelope b:V. Den Haag, TU Delft
Energetische Beratung und Analsye: Transsolar Energietechnik GmbH, Stuttgart

Produkte und Hersteller:
Teppich: Interfaceflor, Krefeld, www.interfaceflor.de
Schreibtische und Schränke: Pami, B-Overpelt, www.pami.be
Tische und Stühle Kantine und Besprechungsräume: Vitra, CH-Biersfelden, www.vitra.com
Beleuchtung Arbeitsplätze: Belux, CH-Biers­felden, www.belux.com
Beleuchtung Ausstellung: No Fruit S, Dark, B-Roeselare, www.dark.be
Beleuchtung restliches Gebäude: Fagerhult, NL-Houten, www.fagerhult.nl
Sanitärausstattung: Duravit, Hornberg, www.duravit.de
Türbeschläge: FSB, Brakel, www.fsb.de
Schalterprogramm: Jung, Schalksmühle, www.jung.de
Steuerung: Elsner Elektronik, Gechingen, www.elsner-elektronik.de
Faltanlagen: Solarlux, Bissendorf, www.solarlux.de
Pfosten-Riegel-Fassade: Alcoa, Iserlohn, www.alcoa.de
Türautomatic: Geze, Ditzingen, www.geze.de


Hildegard Wänger

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