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Vom Passiv- zum Aktivhaus: Welches Label setzt den Standard?

Plusenergiehaus in Leonberg (2011). Architektur: Berschneider + Berschneider; Energieplanung: EGS-plan
Plusenergiehaus in Leonberg (2011). Architektur: Berschneider + Berschneider; Energieplanung: EGS-plan. Foto: Erich Spahn

Auch in Zeiten von LEED, DGNB und Co. geht die Suche nach einem ganzheitlichen, aber einfach handzuhabenden Nachhaltigkeitslabel für Gebäude weiter. Die Jahresversammlung des AktivPlus e.V. in Frankfurt hat gezeigt, welche Hürden dabei noch zu überwinden sind.

Ab 2021 sollen Neubauten in der EU bekanntlich so gut wie keine Energie mehr verbrauchen. Wie exakt der bis dahin angestrebte Niedrigstenergiestandard aussehen wird, ist einstweilen noch unklar. Doch die Grundsatzdebatte, welchen Prämissen das Bauen der 2020er-Jahre folgen sollte, ist voll entbrannt. Mehr und mehr sind dabei zwei Lager auszumachen: diejenigen, die das Passivhaus zur Grundlage künftiger Energiestandards machen wollen, und jene, denen eine ganzheitlichere Bilanzierungsmethodik unter Einbeziehung von Grauer Energie, Nutzerkomfort und weiteren Nachhaltigkeitsparametern vorschwebt.

Die Fürsprecher eines (wie auch immer gearteten) „Aktivhaus“-Standards werden immer zahlreicher. Dass sie sich in allen Punkten einig wären, lässt sich freilich nicht behaupten: International agiert bereits seit 2010 die sogenannte Active House Alliance, die mittlerweile ein Gebäudebewertungssystem mit den drei Hauptkategorien Energie, Komfort und Umwelt entwickelt hat. 2013 gaben die beiden deutschen Hochschulprofessoren Manfred Hegger und Norbert Fisch die Gründung des „AktivhausPlus e.V.“ bekannt, dessen Ziel ebenfalls in der Ausarbeitung eines Aktivhausstandards bestehen sollte. Unabhängig davon ließ sich ihr Professorenkollege Werner Sobek das Label „Aktivhaus“ als Markennamen schützen.

Für Vielfalt, wenn nicht Verwirrung, ist also gesorgt im Bereich der vorgeblich „aktiven“ Gebäudestandards. Am 18. September 2014 fand nun in Frankfurt die Jahresversammlung des – mittlerweile zu „AktivPlus e.V.“ umfirmierten – deutschen Aktivhaus-Vereins statt. Sie erlaubte interessante Einblicke in die Diskussionen und die mühsame Kleinarbeit, die vor der Einführung eines neuen Nachhaltigkeitslabels für Gebäude stehen.

Versorgungs- und Speicheroptionen für das Plusenergiehaus der Zukunft
Inzwischen haben Manfred Hegger, Norbert Fisch sowie ihre Mitinitiatoren des Vereins, Gerhard Hausladen und Gerd Hauser, die Führung des Vereins in die Hände der nachfolgenden Planergeneration gelegt. Rund 40 Mitglieder – vorwiegend Architekten und Energieplaner – zählt der Verein mittlerweile. Zum Auftakt der Veranstaltung in Frankfurt durfte jedoch noch einmal die ältere Generation ans Mikrofon: Die beiden Keynote-Vorträge hielten Norbert Fisch sowie Bernd Wegener, emeritierter Soziologieprofessor der Humboldt-Universität Berlin, der sich gemeinsam mit seinen Mitarbeitern der Zufriedenheitsforschung in Gebäuden via Nutzerbefragung verschrieben hat. Sein Ziel: mittelfristig eine Methodik zu entwickeln, wie sich das Wohlbefinden der Gebäudenutzer umfassend – und fortlaufend - ermitteln lässt.

Norbert Fisch (Universität Braunschweig) berichtete in seinem Vortrag vorwiegend von den Erfahrungen mit seinem 2011 realisierten Plusenergie-Einfamilienhaus in Leonberg bei Stuttgart. Seit seiner Fertigstellung hat das Gebäude einen Energieüberschuss von 17.000 Kilowattstunden erwirtschaftet. Die große Herausforderung, so Fisch, liegt bei künftigen Aktivhäusern jedoch nicht so sehr im Erzielen großer Stromüberschüsse. Vielmehr geht es darum, einerseits möglichst viel Solarstrom vom eigenen Dach im Haus selbst zu verbrauchen (hohe Eigenstromnutzung), und andererseits einen möglichst hohen Prozentsatz des Strombedarfs im Haus mit selbsterzeugtem Strom zu decken (hoher solarer Deckungsgrad). Um bei dieser wechselseitigen Optimierung ein Optimum zu erreichen, müssen Speicherlösungen her. Kostengünstiger als Hausbatterien, so Fisch, ist in diesem Fall eine Vergrößerung des Pufferspeichers für die Heizung – vorausgesetzt, das Haus wird per Wärmepumpe beheizt. Dies ist bei Plusenergiegebäuden heutzutage die Regel.  Der überschüssige Strom vom Dach wird dann auf direktem Weg in Wärme umgewandelt, zwischengespeichert und zeitversetzt zur Gebäudeheizung (oder im Sommer zur Warmwasserproduktion) genutzt.

Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern hat Norbert Fisch zuletzt im Forschungsprojekt future:solar (PDF) ermittelt, welche Art der solaren Energieversorgung für Wohnhäuser langfristig kostengünstiger ist: ein solarthermisch unterstützter Gas-Brennwertkessel oder eine photovoltaisch angetriebene Erdwärmepumpe. Das Ergebnis: Es hängt vom angestrebten solaren Deckungsgrad an. Wer eine 100 prozentige Selbstversorgung mit erneuerbaren Energien anstrebt, ist mit der Wärmepumpe deutlich besser bedient. Bei einer angestrebten 50%-igen Selbstversorgung mit „Erneuerbaren“ liegen beide Optionen preislich gleichauf.

A propos Kosten: Hier sieht Norbert Fisch vor allem bei der gebäudeintegrierten Photovoltaik noch Senkungspotenzial – und das trotz des Preisverfalls bei PV-Modulen, der in den letzten Jahren stattgefunden hat. Das gilt vor allem für fassadenintegrierte Lösungen, wo – so Fisch anhand zweier gemeinsam mit dem Büro HHS Architekten + Stadtplaner in Frankfurt geplanter Plusenergie-Mehrfamilienhäuser – Kosten von 2500  bis über 4000 Euro je Kilowatt Spitzenleistung (kWp) die Regel sind. Die Netzparität dieser Anlagen ist bei solchen Preisen noch um Jahrzehnte entfernt.

Aktiv-Stadthaus in Frankfurt (im Bau). Architektur: HHS Architekten und Stadtplaner; Energieplanung: EGS-plan
Aktiv-Stadthaus in Frankfurt (im Bau). Architektur: HHS Architekten und Stadtplaner; Energieplanung: EGS-plan. Rendering: HHS AG

Ein „Wellbeing-Score“ für Gebäude
Im zweiten Vortrag erläuterte Bernd Wegener seine derzeit laufenden Vorarbeiten zur Entwicklung eines „Wellbeing-Scores“ für Gebäude (PDF), mit dem das Wohlbefinden von Nutzern in Gebäuden anhand verbindlicher Kennzahlen messbar werden soll. Wegeners Credo: Wir müssen das Wohlbefinden in Gebäuden ebenso als Credo begreifen wie deren Energieeffizienz oder Ästhetik.

Die Messung von Wohlbefinden in Gebäuden stößt indes gleich auf mehrere Schwierigkeiten. Sie ist per se nur a posteriori – also durch Nutzerbefragungen nach Gebäudefertigstellung – möglich, und es dürfte schwierig sein, aus Befragungsergebnissen belastbare Hinweise für die Planung abzuleiten. Das hat auch damit zu tun, dass nicht nur jedes Gebäude, sondern auch jeder Nutzer anders ist. Daher lassen sich die Ergebnisse Hunderter von Einzelbefragungen auch nicht ohne weiteres aufaddieren. Und spätestens seit Ole Fangers raumklimatischen Studien aus den 60er-Jahren weiß man: Hundert Prozent Zufriedenheit aller Nutzer lassen sich in Gebäuden nie erreichen – es gibt immer mindestens fünf Prozent Unzufriedene.

Gleichwohl haben Wegener und seine Mitarbeiter inzwischen zehn Dimensionen identifiziert, die für das Wohlbefinden von Bewohnern maßgeblich sein sollen. Dazu zählen unter anderem die emotionale Bindung an die Wohnung, deren Größe, Modernität, Helligkeit und der Schlafkomfort. Ebenso wesentlich sind der Energieverbrauch, die Luftfeuchtigkeit und Durchlüftung, die Möglichkeit zur Temperaturregulierung sowie, nicht zu vergessen, die Nachbarschaft, in der sich die Wohnung befindet. Die Zufriedenheits-Scores einzelner Bewohner mit diesen zehn Faktoren will Wegener anhand eines Fragenkatalogs aus rund 35 Fragen ermitteln.

LichtAktivHaus in Hamburg. Architektur: Katharina Fey/FGee, Technische Universität Darmstadt.
LichtAktivHaus in Hamburg. Architektur: Katharina Fey/FGee, Technische Universität Darmstadt. Foto: Adam Mørk

AktivPlus – ein Label für die Zukunft?
Die Fokussierung auf den Nutzer und sein Wohlbefinden ist auch eines der Felder, mit dem sich das derzeit in Entwicklung befindliche Label des AktivPlus e.V. von allen Mitbewerbern  - dem Passivhausstandard ebenso wie BREEAM, DGNB und Co. – unterscheiden soll. Zwar soll es auch möglich sein, ein AktivPlus-Label nach Abschluss der Planung und Gebäudefertigstellung zu erlangen. Angestrebt ist jedoch, dass sich jedes AktivPlus-Haus nach dem Bezug einem technischen (Messung der Energieverbräuche und des Raumklimas) und einem sozialwissenschaftlichen Monitoring (Nutzerbefragungen) unterziehen soll.

Die Kriterien des AktivPlus-Labels sollen sich in vier Kategorien aufgliedern: Energie, Vernetzung, Lebenszyklus und Nutzer. Das Label soll deutlich weiter gefasst sein als der Passivhausstandard, aber zugleich weniger komplex – und teuer – als eine DGNB-Zertifizierung. Zwar strebt der Verein offiziell die Zertifizierung von Wohn-, Büro- und Bildungsbauten an. Konkurrenzfähig dürfte er – wenn die Entwicklung des Standards gelingt – aber wohl am ehesten im Einfamilienhaus- und Geschosswohnungsbau sein. Denn dort hat die DGNB aufgrund der Komplexität ihres Standards bisher noch kaum Fuß gefasst.

Bis es soweit ist, haben die AktivPlus-Mitstreiter aber noch ein gutes Stück Arbeit vor sich. Wieder und wieder wurde in Frankfurt deutlich, wie sehr das angestrebte Prinzip „umfassend und doch einfach“ einer Quadratur des Kreises entspricht. Zum Beispiel soll in die Zertifizierung auch die „Graue Energie“ des Gebäudes einfließen. Deren Ermittlung ist derzeit aber noch alles andere als trivial und wird meist von spezialisierten Fachleuten durchgeführt. Auch der Gedanke an das erforderliche Monitoring könnte viele von der Zertifizierung abhalten; es sei denn, es gelingt, hierzu sehr einfache Methoden (z.B. über einfache Datenlogger und Internet-Fragebögen) zu entwickeln.

Weitere, offene Fragen lauten zum Beispiel: Wie genau müssen wesentliche Parameter wie der Tageslichtquotient oder das thermische Verhalten der Gebäude in der Planung ermittelt werden? Reichen hierzu einfache Daumenregeln oder ist eine dynamische Gebäudesimulation erforderlich? Soll eine VOC-Messung Bestandteil der Zertifizierung sein? Und wie kann man verhindern, dass das sprichwörtliche 500-Quadratmeter-Einfamilienhaus auf der grünen Wiese mit AktivPlus zertifiziert wird? Will man es überhaupt verhindern?

Das Ziel: Einfachheit ohne Beliebigkeit
Es spricht für den AKtivPlus-Verein, dass solche Fragen in seinen Kreisen durchaus kontrovers diskutiert werden. Und wahrscheinlich werden, so Vereinsvorstand Boris Mahler (EGS-plan), am Ende der Entwicklungsarbeit viele Einzelanforderungen wieder aus dem Standard entfernt werden müssen. Damit wird sich der AktivPlus e.V. bei Perfektionisten angreifbar machen. Doch die Zeichen der Zeit stehen nun einmal auf Einfachheit. Nicht nur Architekten, auch viele andere aus der Baubranche sind der Ära der Gebäude als hochgezüchtete Energiemaschinen überdrüssig, deren Planung und Bedienung nur noch hoch spezialisierten Experten möglich ist.

Angesichts der Mitstreiter, die der AktivPlus e.V. in seinen Reihen vereint, scheint es ausgeschlossen, dass die Suche nach Einfachheit in eine nostalgische Rückwendung zu den Planungs- und Baumethoden des vorindustriellen Zeitalters münden wird. Viele jener, die an der Entwicklung des neuen Standards mitarbeiten, sind an vorderster Front an der Erforschung neuer Effizienztechnologien und Planung künftiger Plusenergiehäuser beteiligt. Doch bisweilen lohnt es einfach auch, mit den Worten Norbert Fischs die Frage zu stellen: „Wie einfach können Dinge sein?“ Nicht jedes Haus braucht in jedem Raum und für jedes Gewerk eine voll integrierte Leittechnik. Manchmal genügt auch einfach ein Schalter, um das Licht zu löschen.

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