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Weckruf an alle Architekten: Kongress „PLEA 2013“ in München

Von Jakob Schoof

Wird der Architekt im nachhaltigen Bauen zur Randfigur? Angesichts der zahlen- und technikfixierten  Entwicklung in Deutschland scheint es bisweilen so. Doch das müsste nicht so sein, wie der Kongress PLEA 2013 in München bewies.


Es war eine späte Premiere: Seit den 80er-Jahren findet der Kongress „Passive and Low-Energy Architecture“, kurz PLEA, an jährlich wechselnden Orten rund um die Welt statt. Für dieses Jahr war es der TU München erstmals gelungen, ihn nach Deutschland zu holen – und das zu einer Zeit, da die weltweite Relevanz dessen, was hierzulande im nachhaltigen Bauen geschieht, längst im Abnehmen ist. Denn die wirklich relevanten Energieeinsparungen in Gebäuden rund um den Globus müssen nicht in Deutschland stattfinden, sondern in China, Indien und Brasilien. Das drückt sich mittlerweile auch in der Wahl der Veranstaltungsorte aus: 2012 fand die PLEA in Lima statt; im kommenden Jahr wird das indische Ahmedabad Gastgeber sein.

Das „A“ in PLEA wird traditionell ganz groß geschrieben: Es geht bei dem Kongress nicht so sehr um ingenieurtechnische Lösungen, bei denen Deutschland nach wie vor Wegweisendes leistet, sondern um nachhaltige Architektur. Entsprechend hoch war der Prozentsatz an Architekten bei der dreitägigen Veranstaltung – als Referenten ebenso wie als Zuhörer.

Oskar-von-Miller-Forum in München, Entwurf: Herzog + Partner

Heimspiel eines Altmeisters: Thomas Herzog
Den Eröffnungsvortrag zu PLEA 2013 hielt denn auch passenderweise Thomas Herzog. Der mittlerweile 72-Jährige steht wie kein zweiter deutscher Architekt dafür, dass Architekten auch Zeiten immer größer werdender Planungsteams das Heft des nachhaltigen Bauens in der Hand behalten können. 2010 hat Herzog das Oskar-von-Miller-Forum für die Technische Universität München fertiggestellt - einen Hybrid aus Dozentenwohnheim und Veranstaltungsgebäude - und dabei souverän alle Fäden von der Fassadengestaltung über die Tragwerksplanung bis zum Energiekonzept zusammengeführt.

Verwaltungsgebäude in Pioltello bei Mailand, Entwurf: Mario Cucinella Architects

Primat der Architektur statt Dominanz der Technik
Auch die übrigen „Keynote Speakers“ unterstrichen eindrücklich, dass – und wie – Architekten mit ihren ureigensten Mitteln zur Nachhaltigkeit von Gebäuden beitragen müssen, statt das Thema an Ingenieure, Auditoren und andere Fachexperten zu delegieren. „Kreativität ist wichtiger als Technologie“, lautete etwa einer der Leitsätze des italienischen Architekten (und früheren Mitarbeiters von Renzo Piano) Mario Cucinella. (Fast) ganz ohne moderne Technologie kommen auch die Gebäude von Francis Kéré aus, der den zweiten Kongresstag eröffnete. Wen wundert es: Kérés Wohngebäude und Schulen entstehen in den ländlichen Regionen Burkina Fasos. Wer dort moderne Lüftungsgeräte oder Photovoltaikanlagen verwendet, so Kéré, produziert lediglich eines: Probleme bei der späteren Wartung und Instandsetzung der Anlagentechnik. Konsequenterweise verzichtet Kéré auf solche Lösungen und arbeitet lieber an der intelligenten Weiterentwicklung tradierter Bauformen.

Schule in Dano/Burkina Faso, Entwurf: Francis Diébédo Kéré

Mindestens drei Stufen komplexer sind die Bauvorhaben, mit denen sich Michael Taylor vom britischen Büro Hopkins Architects befasst. Sein Vortrag illustrierte am Beispiel des Radstadions für die Olympischen Spiele 2012 in London, wie viele Einflussgrößen und Zielkonflikte bei derartigen Großprojekten zu berücksichtigen sind – und welche Kompetenzen Planungsteams vorhalten müssen, um sie erfolgreich zu bewältigen. Gelegentlich ist jedoch auch ein Großbüro wie Hopkins machtlos: Das Londoner „Velodrome“ war als Tageslicht-Arena geplant, wurde jedoch auf Betreiben des Fernsehsenders BBC während der Olympiade komplett mit Kunstlicht beleuchtet. Nach dem Rückbau und der für März 2014 geplanten Neueröffnung des Olympia-Areals hoffen die Architekten, dass seine wahren Qualitäten wieder ans (Tages-)licht kommen.

Radstadion in London, Entwurf: Hopkins Architects

Wertvoller Blick über den Tellerrand
Es waren keineswegs nur die Gastvorträge international bekannter Architekten, die diese PLEA besuchenswert machten. Gerade die Fachreferate in den Workshops verdeutlichten die Themenvielfalt, zu der an den Architekturfakultäten Europas geforscht wird. Gleichzeitig warfen sie die Frage auf, warum viele dieser Themen hierzulande keinen zu interessieren scheinen. Einige Beispiele: Wenn es auch in Deutschland klimabedingt künftig wärmer wird, dürften die passive Gebäudekühlung oder das thermische Verhalten von Stadträumen (Stichwort: Wärmeinsel-Effekt in Städten) schnell relevant werden. Warum also forscht hierzulande kaum jemand dazu? Das Gleiche gilt für die Evaluation der Nutzerzufriedenheit in Gebäuden nach deren Fertigstellung, kurz P.O.E (post-occupancy evaluation) genannt. Die Humboldt-Universität entwickelt hierzu derzeit in mühsamer Kleinarbeit ein neues Verfahren, dabei sind solche Untersuchungen in Großbritannien seit Jahrzehnten gebräuchlich. Man bekommt so bisweilen den Eindruck, deutsche Forscher wollten das Rad neu erfinden, statt einmal den Blick über den Tellerrand zu werfen.

Veranstaltungsort der PLEA 2013: das Audimax der Technischen Universität München

Wo bleiben die deutschen Architekten?
Natürlich wäre eine Pauschalkritik an der Bauforschung hierzulande unfair; in vielen Bereichen – bei der Bauphysik, der energetischen Gebäudesanierung und der Entwicklung von Anlagentechnik und Gebäudekomponenten – findet in Deutschland nach wie vor Wegweisendes statt. Allerdings geschieht dies oftmals unter Ausschluss der Architekten und ihrer Lehrstühle.  Auch in München waren Referenten aus Deutschland eher dünn gesät. Es überwogen Beiträge aus Großbritannien und Nordamerika, aber auch aus südeuropäischen und asiatischen Ländern. Wo bleiben die deutschen Architekten, die - ähnlich wie seinerzeit Thomas Herzog – konsequent Forschung und Praxis in Sachen Nachhaltigkeit verbinden? Wenn überhaupt, sind sie inzwischen meist an (Fach)hochschulen zu finden und weniger an den Universitäts-Lehrstühlen – obwohl Letztere dazu dank besserer Finanz- und Personalausstattung eigentlich viel eher in der Lage sein müssten.

So richtig wollte der Brückenschlag zwischen Forschung und (lokaler) Praxis auch bei der PLEA 2013 nicht gelingen. Die Münchener Architektenschaft blieb der Veranstaltung ebenso weitgehend fern wie die Studierenden der Technischen Universität. Zum einen lag das am Veranstaltungsformat: Welcher Architekt hat schon Zeit, drei Tage bei einem Kongress zu verbringen? Andererseits hätten Architekten wie Mario Cucinella oder Francis Kéré sicher mehr Resonanz verdient gehabt als ein nur halb gefülltes Auditorium. Vielleicht wäre es eine gute Idee gewesen, zumindest die Plenarvorträge für die Allgemeinheit zu öffnen.

Gelohnt haben dürfte sich der PLEA-Besuch für die Teilnehmer aber in jedem Fall: Der Kongress war vorzüglich organisiert; die Moderation jederzeit kompetent und die Qualität der Vorträge weit überdurchschnittlich. In diesem Sinne: eine unbedingte Empfehlung zur Teilnahme an alle Architekten, sollte die PLEA-Reihe eines Tages wieder in Mitteleuropa Station machen.

Kongress „PLEA 2013“ in München
Website PLEA 2013 in München: www.plea2013.de
Website der PLEA-Kongressreihe: www.plea-arch.org

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