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Weltraumtechnik für intelligente Wärmedämmung

Insbesondere bei denkmalschutzgerechten Fassadensanierungen zählt es zu den wesentlichen Herausforderungen eines Planers, die Charakteristiken eines Gebäudes nicht zu verfälschen. Um Energieverluste auch am Gebäudebestand wirkungsvoll einzusparen, haben sich bisher Wärmedämm-Verbundsysteme (WDVS) erfolgreich am Markt etabliert. Doch gerade bei der nachträglichen Dämmung historischer Fassaden sowie bei Nischen oder Laibungen sind die Möglichkeiten von WDVS begrenzt. Eine innovative Lösung versprechen neu entwickelte Aerogel-Hochleistungsdämmputze. Durch den isolierenden Zuschlagsstoff Aerogel, einem Granulat aus luftgefüllten Silikatkügelchen, erreichen die zukunftsweisenden Mineralputze einen höheren Isolierwert als herkömmliche Dämmputze, so dass die Stärke der Auftragsschicht bei gleicher Dämmleistung stark reduziert werden kann. Im Interview erläutert Peter Hartmann, Geschäftsführer von Hasit Deutschland, die Entwicklungsgeschichte eines innovativen Materials, dessen Ursprünge aus der Raumfahrt stammen.

Das Aerogel-Granulat zur weiteren Verarbeitung als Hochleistungsdämmputz (Foto: Hasit Trockenmörtel GmbH)

Wie entstand die Idee, mit dem Zuschlag von Aerogelen „Weltraumtechnik“ in einen hochdämmenden Putz zu überführen?

Das Material Aerogel als solches gibt es schon seit 1932. In den 1960er-Jahren erreichte das Material seinen ersten Durchbruch. Aufgrund der besonderen Isolierfähigkeit wurde es in der Raumfahrt eingesetzt und in Raumanzüge eingenäht. Vor einigen Jahren kam dann die Frage auf: Könnte diese Produkteigenschaft vor dem Hintergrund der immer wichtiger werdenden Themen wie Energieeinsparung und Nachhaltigkeit nicht auch für Baustoffe interessant sein – und eine echte Alternative zu den derzeitig eingesetzten Dämmsystemen bieten?

Der Aerogelputz ihres Unternehmens wurde in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt EMPA entwickelt. Wie kam es zu dem Zusammenschluss und wie sah die Zusammenarbeit aus?

Die Fixit Gruppe und die EMPA haben sich im Rahmen eines Forschungsprojekts zusammengeschlossen. Gemeinsames Ziel war es, einen Hochleistungsdämmputz zu entwickeln, der die Anforderungen an eine energetische Sanierung auch für denkmalgeschützte und historische Bauten erfüllt und überall dort zum Einsatz kommt, wo herkömmliche Dämm-Methoden an Grenzen stoßen. Und das gilt für Innen wie für Außen. Die Lösung war ein hydraulisch härtender, mineralischer Kalkputz mit Aerogel-Zugabe. In dem vierjährigen Projekt haben EMPA-Forscher und Fixit-Produktentwickler in gemeinsamer Arbeit den Hochleistungsdämmputz dann zur Marktreife gebracht.

Welche Vorteile hat der Aerogelputz?

Aerogel-Putze kombinieren die Vorteile von mineralischen Kalkputzen mit den positiven Eigenschaften eines leistungsstarken Dämmstoffs: leicht zu verarbeiten, nicht brennbar, recyclefähig und er dämmt drei bis viermal besser als vergleichbare Produkte. Damit kann der Putz auch für anspruchsvolle Anwendungen wie Gewölbe, Nischen oder Stuckfassaden eingesetzt werden und das Erscheinungsbild historischer oder denkmalgeschützter Gebäude lässt sich wunderbar erhalten. Zudem schützt die fugenlose Verarbeitung vor Feuchtigkeit. Weiterhin besitzt das Material eine hohe Resistenz gegenüber Algen, Pilzen und Ungeziefer, wirkt schalldämmend und ist mit seinem Brandverhalten in der Baustoffklasse A2 als nicht brennbar eingestuft.

Als eines der ersten Objekte wurde die „Alte Mühle“ in Sissach/CH zu einem Mehrfamilienhaus umgenutzt und mit Fixit 222 Aerogel energetisch saniert. Die Fassade wurde dem historischen Original nachempfunden. (Foto: Hasit Trockenmörtel GmbH)

Der Vorteil geringer Auftragsstärken lässt sich anhand eines der ersten Referenzprojekte, der Alten Mühle im schweizerischen Sissach, nachvollziehen. Sind inzwischen weitere Projekte ausgeführt worden?

Wir haben bis heute über 50 Bauvorhaben im In- und Ausland realisiert. Darunter zahlreiche historische oder denkmalgeschützte Gebäude, aber auch Projekte, bei denen sich der Bauherr zum Beispiel aus gestalterischen Gründen bewusst für eine alternative Dämmung zum gängigen WDV-System entschieden hat.

Wird der Einsatz der Aerogelputze in der Praxis durch ein – auch unabhängiges – Monitoring begleitet?

Der Hochleistungsdämmputz wird sowohl an realen Bauvorhaben, als auch in unserem Zentrallabor seit über drei Jahren intensiv begleitet und umfassend dokumentiert. Wir arbeiten hier sehr eng mit wissenschaftlichen Instituten und Prüfanstalten zusammen. Unser Ziel ist, unsere Erfahrungen und Erkenntnisse täglich weiter auszubauen und diese in neue, innovative Produktlösungen umzusetzen. Die Entwicklung des neuen Aerogel-Dämmputzes ist hier erst der Anfang.

Wie sind Aerogelputze hinsichtlich Ressourcenschutz und Recyclefähigkeit zu bewerten?

Mineralische Putze verursachen über ihren gesamten Lebenszyklus weit weniger Emissionen als andere Baustoffe, die an Fassaden eingesetzt werden und weisen eine sehr gute Ökobilanz auf. Der Zuschlagstoff Aerogel selbst besteht zu 98% aus Luft und Silikat, dem gleichen Grundstoff wie Sand oder Glas.

Aerogelputze sind im Vergleich zu herkömmlichen Putzen teurer. Wie lässt sich der höhere Preis rechtfertigen?

Die Produktion von Aerogelen ist aktuell noch sehr aufwendig und daher auf einem höheren Preisniveau als z.B. bei herkömmlichen Dämmplatten. Der reine Preisvergleich zu klassischen Dämmplatten hinkt aber, da die Eigenschaften und Einsatzmöglichkeiten des Aerogel-Dämmputzes nicht mit klassischen WDV-Systemen zu vergleichen sind. Wir gehen aber davon aus, dass eine steigende Nachfrage positive Kosteneffekte nach sich zieht – und das bereits in naher Zukunft.

Verarbeitung des Aerogelputzes: Applikation (Foto: Hasit Trockenmörtel GmbH)
Verarbeitung des Aerogelputzes: Gewebeinbettung (Foto: Hasit Trockenmörtel GmbH)
Verarbeitung des Aerogelputzes: Auslatten (Foto: Hasit Trockenmörtel GmbH)
(Foto: Hasit Trockenmörtel GmbH)

Zur Person
Peter Hartmann ist Geschäftsführer der Hasit Trockenmörtel GmbH in Freising. Nach dem Studium der technischen Betriebswirtschaft an der Universität Stuttgart führte ihn sein Weg direkt in die Bauzulieferindustrie. Seit über zwei Jahrzehnten wirkt er in Führungspositionen bei bedeutenden Bauzulieferern. Seit 2012 lenkt er als Geschäftsführer die Geschicke der Hasit Trockenmörtel GmbH.

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