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Wie in Zukunft wohnen?

Zur Relevanz der Delphibefragung für Zukunftsszenarien

von Prof. Dr. Sabine Foraita, HAWK

Die Entwicklung von Zukunftsszenarien braucht eine wissenschaftliche Basis, deren Methodik Institute International Trendscouting der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim in einem Forschungsprojekt untersucht wird. Eine Expertenbefragung in Kombination mit einer Analyse der kulturellen Einflussfaktoren, einer Zyklenbetrachtung und einem Trendscouting kann diese Basis bilden.

Vergangene Gestaltungstrends zu analysieren und zukünftige Trends zu ermitteln, ist ein Ziel dieses Forschungsprojekts, das verschiedene Ebenen der Zukunftsforschung verknüpft. Neben einer intensiven Zyklenbetrachtung in Bezug auf Form, Farbe und Material und einem Trendscouting wurde in dem Forschungsprojekt im SS 2010 die Delphimethode eingesetzt. Für die wissenschaftliche Methode der Delphibefragung in Bezug auf die "Zukunft des Wohnens" wurde besonderer Wert sowohl auf die Auswahl der Experten als auch auf das Fragen design gelegt. Es wurden 55 ausgewählte Experten aus den Bereichen Architektur, Innenarchitektur, Farbdesign, Produktgestaltung und der Zukunftsforschung sowie Experten aus dem gestalterischen Hochschulbereich befragt. Die Delphibefragung ist eine schriftliche Expertenbefragung als qualitative Prognosemethode. Ziel ist es dabei, ein Gruppenurteil zu bilden, das in mehreren Rückkopplungsschleifen gebildet wird. Daher besteht die Del-phimethode aus einer Expertenbefragung von nicht nur einem, sondern vielen Experten, die in mehreren sogenannten Wellen erfolgt, um die Meinung der Experten intersubjektiv überprüfbar zu gestalten.

Die Zukunftsforschung entwickelt sich mehr und mehr von einem prognostischen Umgang mit der Zukunft zu einem szenarienhaften Umgang derselben (vgl. Grunwald, Armin in: Popp/Schüll, Zukunftsforschung, 2009, S. 27).

Um Szenarien für das Design zu generieren, bedarf es einer Grundlage. Diese Basis kann zum einen die Delphibefragung bieten. Die Delphimethode ist dabei eine anerkannte Methode der Zukunftsforschung. Eine solche Methode spezifisch für das Design zu entwickeln und Kriterien für die Expertenauswahl zu generieren, war das vorrangige Ziel dieses Forschungsvorhabens. Selbstverständlich aber auch die Auswertung der erfolgten Expertenbefragung, um damit die Trendbestimmung wissenschaftlich zu untermauern und Zukunftsszenarien auf wissenschaftlicher Basis für das Design zu generieren. Auf die folgenden Fragen wurde der Schwerpunkt der Expertenbefragung gelegt: Wie wird das Wohnen in der Zukunft aussehen? Wie ist das Leben (Einflussfaktoren/Lebensform/Umfeld)? Wie stehen wir zur Nachhaltigkeit? Wie entwickeln sich die Räume der Zukunft? Welche Materialien werden wir nutzen und wie werden sich diese auf uns auswirken?

Die Auswahl der Experten sowie die Entwicklung des Fragendesign stellten eine komplexe Herausforderung dar. Der Umstand, dass wir ein visuelles Delphi entwickeln wollten, das den Bedürfnissen der Designer Rechnung tragen sollte, führte dazu, dass die Entwicklung der Delphibefragung den Schwerpunkt des Forschungsprojekts bildeten. Parallel dazu wurden für die Delphibefragung Bilder generiert, die Zukunftsszenarien beschreiben. Diese basierten zum Teil auf den Ergebnissen des Scoutings, das in dem Forschungsprojekt von Prof. Markus Schlegel durchgeführt wurde. Des Weiteren wurden wünschbare Zukunftsszenarien zum Thema Nachhaltigkeit formuliert, die den Experten zur Bewertung vorgelegt wurden. In der folgenden dritten Delphirunde (Live-Delphi) werden Szenarien in Bezug auf Interieur und Materialität entwickelt.

In der 1. Delphirunde wurden Experten aus den folgenden Bereichen befragt: Design, Architektur, Innenarchitektur, Farbdesign, Technologie, Ökologie, Zukunftsforschung, Sozialforschung, Kunst, Marketing, Vertreter aus Hochschulen. Es wurden vorwiegend Personen aus dem Kreativsektor befragt, die sich in ihrer Arbeit mit Projekten in Richtung Zukunftsvisionen hervorgetan haben; dieser Personenkreis nimmt 67 % der Befragten ein. Insgesamt wurden 55 Fragebögen beantwortet: Wie wird das Wohnen in der Zukunft aussehen? Die Experten gehen davon aus, dass das Lebensmodell der Patchwork-Gemeinschaft in Zukunft vorherrschen wird, wobei sie davon ausgehen, dass auch diese Form des Zusammenlebens mit wenigen Personen stattfinden wird. Auch das Thema des temporären Wohnens sehen die Experten als ein wahrscheinliches Wohnmodell an, die zunehmend geforderte Flexibilität und Mobilität im Berufsleben fordert diese Art des Wohnens zunehmend ein. Leben und Arbeiten werden ohnehin zukünftig stärker miteinander verknüpft sein, damit wird auch das Arbeiten zu Hause wahrscheinlicher. Die Experten sehen das zukünftige Wohnen eher in der Bestandsarchitektur im urbanen Umfeld. Sie gehen davon aus, dass einer Person im Durchschnitt 30 bis 40 m2 Wohnraum innerhalb einer Wohnung zur Verfügung stehen werden. Die Küche und das Wohnzimmer, aber auch das Multimediazimmer halten die Experten für die wichtigsten Räume, wobei das Wohnzimmer und das Arbeitszimmer sowie das Schlafzimmer und das Bad nach ihrer Ansicht in Zukunft stärker miteinander verknüpft werden - eine Tendenz, die bereits heute zu erkennen ist.

In Bezug auf die Innenraumgestaltung sehen die Experten eine Tendenz zu formal eher geordneten und einfachen Räumen. Die Tendenz geht zu einer gemütlichen Sachlichkeit. Dies wir auch durch das Farbprofil gespiegelt, was die Experten in dem Polaritätenprofil mit den Attributen hell, eher warm, gedeckt und leicht beschrieben haben. Bei der Oberflächengestaltung wird der Einsatz von natürlichen Materialien erwartet. Insgesamt gibt es in der Wohnatmosphäre eine Tendenz zu einer besänftigenden Atmosphäre. Der Einsatz von intelligenten Materialien wird von den Experten sowohl in der Architektur als auch in der Innenarchitektur als zukünftig bedeutend angenommen, wobei nach wie vor Holz in beiden Bereichen eine hohe Relevanz behalten wird. Besonders schwierig einzustufen war die Beantwortung der Frage nach der Nachhaltigkeit. Jeweils ein Drittel der Befragten Experten geht von einem größeren, einem gleichbleibenden und einem kleineren ökologischen Fußabdruck aus.

Eine Weiterentwicklung von visuell gestützten Delphibefragungen für den Gestaltungsbereich wird fortgeführt. Die gewonnenen Erkenntnisse der Delphibefragung sollen in die Erstellung von Zukunftsszenarien Eingang finden. Um diese entsprechend darstellen zu können, ist es erforderlich, den kul-turellen Kontext in einer Ist-Aufnahme 2010 zu untersuchen und diese Erkenntnisse im Zusammenhang mit den Ergebnissen der Expertenbefragung und des Trendscoutings (Forschungsprojekt Prof. Markus Schlegel) zu stellen. Für die Erstellung von Zukunftsszenarien muss für den Designbereich nach adäquaten Darstellungsmöglichkeiten geforscht werden, um Zukunft auch erkennbar als solche abbilden zu können. Eine Auseinandersetzung und Weiterentwicklung mit diesem Themenspektrum findet zurzeit statt und ist zusammen mit Prof. Markus Schlegel in der Image Band 12 veröffentlicht.

Copyright: Institute of International Trendscouting (IIT),HAWK

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