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Wie Musik: Das portugiesische Architekturbüro Pitágoras im Gespräch

Regionale Spezialität: Die mit dem DETAIL-Leserpreis 2012 ausgezeichnete Plattform für Kunst und Kreativität im portugiesischen Guimarães lebt von der genauen Ortskenntnis ihrer Architekten Pitágoras Arquitectura e Engenharia Integradas Lda. Und zeigt, dass gerade kleinere Gemeinden und Städte von ihren engagierten Architekten profitieren – ästhetisch, sozial, nachhaltig und wirtschaftlich. Wir sprachen mit Fernando Seara de Sá, Manuel Luis Vilhena Roque, Alexandre Coelho Lima und Raúl Roque Figueiredo von Pitágors im Rahmen der Gala der Preisverleihung des DETAIL-Preises 2012 im Schlosshotel Grunewald in Berlin.

Gespräch im Kaminzimmer im Schlosshotel Grunewald, Foto: Lucas Kromm

DETAIL: Guimarães gilt als die „Wiege Portugals“, hier wurde der erste portugiesische König, Alfons I., gekrönt. Im Jahr 2012 war Guimarães eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte. Erzählen Sie uns etwas über Ihre Heimatstadt und Ihre Arbeit in dieser und für diese Stadt.

Fernando Seara de SáGuimarães ist eine sehr alte Festungsstadt nördlich von Porto, mit einer dicken  Stadtmauer und einem historischen Zentrum, das zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Die Gemeinde ist sehr stolz auf ihre Vergangenheit, die bis ins frühe Mittelalter reicht, und als Architekten müssen wir uns immer wieder mit dem Vorhandenen auseinandersetzen – nicht nur mit den Steinen, aus denen die Stadt gebaut ist, sondern auch mit der Geschichte, die sie erzählen. Manche Gebäude stammen aus dem 16. Jahrhundert, es gibt verschiedene Zeitschichten, Maßstäbe und Zusammenhänge. Wir sind ein kleines Büro, aber die Mehrzahl unserer Bauten befindet sich in Guimarães. Die Konplexität dieser Art des Bauens im Bestand empfinden wir immer wieder als große Herausforderung.

Platform for Arts and Creativity in Guimarães, Foto: Jose Campos

DETAIL: Gibt es solch einen historischen Bezug auch bei dem ungewöhnlichen Fassadenmaterial – Messing – der Plattform für Kunst und Kreativität in Guimarães, für die unsere Leser Sie mit dem DETAIL-Leserpreis 2012 ausgezeichnet haben?

Manuel Luis Vilhena Roque: Ja, in gewissem Sinne gibt es eine historische Beziehung. Messing ist ein sehr altes Material, es kommt in fast allen unseren historischen Gebäuden vor, meist in den Beschlägen. Aber die Verwendung von Messing für die Fassade hatte noch weitere Gründe: Wir wollten eine Fassade gestalten, die das große Volumen der Plattform „dematerialisiert“: Das Gebäude misst immerhin 150 mal 15 Meter, bei einer Höhe von acht Metern. Es war eine knifflige Aufgabe, ein Material und eine Fassade zu finden, die mit dem Maßstab und den Proportionen der umgebenden Gebäude korrespondiert, diese nicht „erdrückt“, aber trotzdem zeitgenössisch ist. Wir wollten eine ruhige Fassade schaffen, gleichzeitig sollte sie sich mit der Stimmung des Tages verändern. Ein weiterer Aspekt ist die Nachhaltigkeit: Die Schlosserei, die die Fassade produziert hat, kommt aus unserer Region, wir haben schon häufiger mit ihr zusammengearbeitet. Und schließlich ist dieser Teil der Fassade sogar weitaus preisgünstiger als die großen Glasflächen. Wir konnten die Plattform für Kunst und Kreativität insgesamt zu einem Quadratmeterpreis unter 1000 Euro realisieren.

 

Manuel Luis Vilhena Roque, Foto: Lucas Kromm
Raúl Roque Figueiredo, Foto: Lucas Kromm

DETAIL: Warum heißt das Haus eigentlich „Plattform“ und nicht „Zentrum“ für Kunst und Kreativität?

Manuel Luis Vilhena Roque: Weil es tatsächlich eine Plattform ist, ein riesiger Sockel. Es gab an dieser Stelle einen Platz aus dem 19. Jahrhundert, im 20. Jahrhundert war hier der große Marktplatz. Der ist inzwischen an den Rand der Altstadt gezogen, vor allem wegen der besseren Verkehrsanbindung dort. Die Menschen kaufen ja heute nicht mehr zu Fuß ein. Deshalb wollten wir diesem Platz eine neue Funktion geben, die auch dem Strukturwandel in unserer Region gerecht wird. Unsere Textil- und Schuhindustrie hat sich – wie fast überall in Europa – in Richtung Asien verlagert, wir setzen auf Kreativität als Wirtschaftsfaktor. Deshalb gibt es in der Plattform für Kunst und Kreativität auch nicht nur Ausstellungsräume, Ateliers und Werkstätten, sondern auch so genannte Business Nests, in denen sich junge Unternehmen und Start-ups aus ganz unterschiedlichen Branchen einmieten können – von Musik über Film und Kunst bis zu Software-Entwicklern.

Gespräch im Kaminzimmer, Foto: Lucas Kromm
Fernando Seara de Sá, Foto: Lucas Kromm

DETAIL: Ihr Gebäude hat zwei sehr unterschiedliche Seiten: Zur Straße hin gibt es eine harte Kante, zum Platz hin schieben sich immer wieder größere und kleiner Volumen aus der Fassadenebene heraus...

Raúl Roque Figueiredo: Es wie in der Musik bei dieser Fassade: Es gibt einen Rhythmus. Eine Melodie. Und manchmal gibt es auch eine Dissonanz. Wir haben sehr strenge Regeln aufgestellt für die Gestaltung der Fassade. An der Straßenseite hatten wir wenig Spielraum, hier gelten die strengen Bauvorschriften der Altstadt. Trotzdem gibt es ein subtiles Lichtspiel dank der verschiedenen Flächen, in denen die Messingstäbe gesetzt sind – und weil dies die Südseite ist. Auf der Nordseite zum Platz hin hatten wir mehr Freiheiten, wir haben sie genutzt, um das Raumprogramm zu erfüllen. Wir konnten damit spielen, die unterschiedlichen Volumen heraus- und hineinzuschieben, das Gebäude verwebt sich mit dem Platz.

Alexandre Coelho Lima, Foto: Lucas Kromm
Manuel Luis Vilhena Roque, Foto: Lucas Kromm
Platform for Arts and Creativity, Foto: Jose Campos
 

DETAIL: Es ist ja nicht Ihr erstes Projekt für Guimarães. Welches Ihrer früheren Gebäude hatte den meisten Einfluss auf den Entwurf und die Realisierung der Plattform?

Fernando Seara de Sá: Alle. In jedes Projekt fließen immer die Erfahrungen aller vorangegangenen ein. Für uns ist die wichtigste Frage jedes Mal: Wie machen wir es? Deshalb werden alle unsere Projekte komplett durchgeplant, bevor es auf die Baustelle geht. Bevor wir nicht das letzte Detail geklärt haben, wird nicht gebaut.

Vielen Dank für das Gespräch.


Das Gespräch führten Cordula Vielhauer und Katja Reich.

Weitere Informationen:

zu den prämierten Projekten des DETAIL Preises 2012 unter www.detail.de

zur Gala des DETAIL Preises 2012 unter www.detail.de

zum DETAIL Preis 2012

zu den Architekten unter www.pitagoras.pt

Platform for Arts and Creativity, Foto: Jose Campos
Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 1+2/2013

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