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Wohnungsfrage, Erich Glas

Wohnungsfrage - Ausstellung in Berlin

Weiße Linien laufen über den Asphalt und markieren in einem seltsam schiefen Winkel den Eingangsbereich des Hauses der Kulturen der Welt. „In den Zelten“ steht daran und „Grundstücksgrenze“ oder „Flur“. Ohne die elegante Betonschalenkonstruktion der ehemaligen Kongresshalle im Berliner Tiergarten überhaupt betreten zu haben, sind wir schon mittendrin in der „Wohnungsfrage“, der ersten großen Ausstellung des Projekts „100 Jahre Gegenwart“, das das HKW Ende Oktober eingeläutet hat. Es steht programmatisch für ein Geschichtsverständnis, das Geschichte nicht als lineare Abfolge von Ereignissen begreift, sondern auf den Wiederholungscharakter oder auch die Zeitlosigkeit inhaltlich verwandter Ideen, Geschehnisse und Projekte aufmerksam machen will.

Die weißen Linien gehören zur Installation der Künstlerin Maria Eichhorn, die hier die früheren Umrisse und Grundstücksgrenzen jenes lebendigen Vergnügungsviertels am Rande des Tiergartens nachzeichnet, das im Zweiten Weltkrieg auf Grund der Nähe zum Reichstag komplett zerstört wurde – und dessen vorwiegend jüdische Bewohnerschaft zu großen Teilen vorher deportiert worden war. Angefangen hatte Mitte des 18.Jahrhunderts alles mit den Zelten eingewanderter Hugenotten, die am Rande des Tiergartens Erfrischungen anboten und diese viele Jahre später zu festen Lokalen umwandelten. Eine Arrival City an der Spree? Maria Eichhorns Installation lässt vergangene und vergessene Zeitspannen im Kontext des prominenten Ausstellungshauses sichtbar werden – und ist dabei hochaktuell.

Genau um diese Vielschichtigkeit geht es bei der „Wohnungsfrage“ – denn dies ist keine reine Architekturausstellung. Die „Wohnungsfrage“ berührt so viele gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische und gestalterische Aspekte, dass sie nicht auf eine Disziplin, ein Medium oder ein Modell beschränkt werden kann. So treffen wir gleich in der Eingangshalle des HKW auf den gigantischen Erdaushub eines aktuellen Berliner Wohnungsbauvorhabens, den die Künstlerin Lara Almarcegui hier aufgeschüttet hat. Die physische Wucht dieses Bergs macht uns die räumlichen Dimensionen und Massen unmittelbar bewusst, die beim Bauen bewegt werden. Und in einem Film von Amy Siegel werden Szenen aus einem Marmorsteinbruch mit Showroom-Interieurs internationaler Luxusimmobilien verschnitten.

In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Wohnungspolitik radikal verändert: Während der Staat die Verantwortung für das meritorische Gut „Wohnung“ immer weiter abgegeben hat, werden auf einem heißer laufenden Immobilienmarkt Wohnungen heute vermehrt als Investitions- oder Anlageobjekte gehandelt. Dieses Spannungsfeld aus ökonomischem Druck und politischer Nonchalance führt jedoch nicht nur zur Verdrängung einkommensschwacher Haushalte aus den begehrten Innenstadtlagen, dieser Druck hat auch einen großen Einfluss auf die Architektur, die entsteht – oder eben nicht entsteht. Denn während der Immobilienmarkt mit Luxus-Condominiums schematisierte Wunschszenarien bedient, beschränkt sich der öffentliche Wohnungsbau – wo es ihn noch gibt – auf das normierte „Dach über dem Kopf“. In Berlin haben diese Spannungen vor gut zwei Jahren zum Aus der geplanten Internationalen Bauausstellung IBA 2020 geführt, die als baukünstlerischer Rahmen einer neuen Wohnungsbauinitiative des Senats gedacht war.

Die Ausstellungsmacher stellen diesem wachsenden Pragmatismus beim öffentlichen Bauen vier spezifische Modellstudien zum gemeinschaftlichen Wohnen im Maßstab 1:1 gegenüber, die von Teams aus lokalen Nutzergruppen und internationalen Architekturbüros entwickelt wurden: So entwarf die Londoner Gruppe Assemble für die Senioreninitiative Stille Straße 10 ein flexibles Mehrgenerationenhaus, unter dem Namen „Urban Forest“ gestaltete Atelier Bow-Wow (Tokio) mit der Studentengruppe Kolabs eine Struktur für private und gemeinschaftliche Nutzungen, und das von Brüssel aus agierende Büro Dogma zeichnete mit „Communal Villa“ einen Wohntyp, der einer engen Verschränkung von Arbeiten und Leben Raum gibt, wie sie Künstlerinnen und Künstler leben.

Eine Dokumentation der permanenten (Um-)Gestaltung des Kibbuz Yagur, die multimediale Präsentation des künstlerischen Projekts „If you lived here“ der New Yorkerin Martha Rosler sowie Angelika Levis Filminstallation „Miete essen Seele auf“ flankieren die 1:1-Modelle und konfrontieren sie mit der Realität – gemeinschaftlicher Wohnformen ebenso wie mit den Auswirkungen der Gentrifizierung.

Statt eines Katalogs gibt es für die „Wohnungsfrage“ eine zwölfbändige Publikationsreihe, die Schlüsselwerke, vergessene und neue Schriften zum Thema mit aktuellem wissenschaftlichen Kommentar versammelt: Friedrich Engels Artikel „Zur Wohnungsfrage“, Martin Wagners „Wachsendes Haus“ oder eine internationale Studie zum „Housing after the Neoliberal Turn“ sind darunter. Letztere dient als Diskussionsgrundlage für die einwöchige „Wohnungsfrage-Akademie“, die das Projekt als Forum des professionellen Austauschs ergänzt. Untersucht wird das differenzierte Zusammenspiel politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Faktoren, die ein global zu verstehendes „Housing System“ als aktuelle strukturelle Grundlage der „Wohnungsfrage“ konstituieren.

Für das Studium des Forschungsprojekts „House Housing“ des Temple Hoyne Buell Center setzt man sich auf die zur Lounge umgestaltete Galerie des HKW: Anhand von Filmen, Fotos und Dokumenten werden hier einhundert Jahre Verflechtungen zwischen Immobilienwirtschaft und Architektur, öffentlichem Wohnungsbau, bürgerlichen wie revolutionären Wohnutopien und der Finanzwirtschaft analysiert – mit der ernüchternden Erkenntnis, wie misstrauisch jede soziale – auf Gemeinschaft statt auf reinen Gewinn ausgerichtete – Idee oder Bewegung in den USA behandelt wurde; und wie leicht sozial gedachte Systeme zur Beute eines ausschließlich gewinnorientiert agierenden Marktes oder gar von der Politik für obsolet erklärt werden. Gleichzeitig zeigt das Projekt aber auch – ebenso wie die gesamte „Wohnungsfrage“-Ausstellung, dass diese Ideen nicht aussterben. Es bleibt die Hoffnung, dass ein partizipatorischer und gestaltungsfreudiger sozialer Wohnungsbau möglich ist.

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