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Wohnvielfalt im urbanen Kontext

Gemeinschaftliche Wohnprojekte, die durch Genossenschaften oder private Baugemeinschaften initiiert werden, nehmen einen immer wichtigeren Part ein, um den angespannten Wohnungsmarkt in vielen Städten durch private Eigeninitiative zu entlasten. Damit bringen sie neue Impulse in die Stadtentwicklung und Wohnungspolitik, die von kommunaler Seite aus nicht zu leisten wären. Die gegenwärtige Wohnraum-Diskussion muss durchaus differenziert betrachtet werden. Auf der einen Seite entwickelt sich in prosperierenden Groß- und Universitätsstädten insbesondere bei Lagen mit hohen Quartiers- und Wohnqualitäten ein starker Nachfragedruck, dessen Auswirkungen die bekannten Schlagworte Mietenexplosion, Gentrifizierung oder Verdrängung nach sich ziehen. Gleichzeitig kämpfen schrumpfende Städte und Regionen gegen Leerstände sowie Überlagerungen von sozialen und ökonomischen Problemen. Auch die durchaus gesellschaftpolitisch zu diskutierende Forderung nach einer noch stärkeren Urbanisierung der Innenstädte als Wohnquartiere für hochqualifizierte oder finanzstarke Eliten ohne Familien und damit als wissens- sowie wirtschaftsorientierte Quartiere bringt sich hier mit ein. Eine politische Lösung gegen die Verknappung des innerstädtischen Wohnraums erscheint nahezu unmöglich. Angesichts der heutigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ausgangslage wirken die finanziellen Mittel sowie die personellen und administrativen Ressourcen zu gering, um eine Wohnungspolitik mit Partizipation und Prävention leisten zu können.

An dieser Stelle setzt die Studie der Wüstenrot Stiftung zum Thema Wohnvielfalt an. Gemeinschaftlich oder genossenschaftlich organisierte Bau- und Wohnprojekte rücken an die Stelle einer überregulierten Stadtplanung und stellen zum Teil eine ganz neue soziale und generative, funktionale und nutzungsbezogene Mischungen her. Im Fokus der Studie steht besonders die Frage, welche langfristigen Impulse gemeinschaftliche Wohnprojekte für die soziale Stabilisierung der Bewohnerstruktur, aber auch ihrer Nachbarschaften liefern können. Dies wurde anhand von zwölf unterschiedlichen Fallstudien in Deutschland, Österreich und der Schweiz untersucht. Projekte wie wagnisART in München oder Kalkbreite in Zürich zeigen, welche Innovationspotenziale diese Wohnprojekte freisetzen können. Unterteilt in die vier Untersuchungsbereiche Stadt, Raum, Programm und Organisation untersucht die Studie zwölf Fallbeispiele mit 50 bis 400 Wohneinheiten. Dabei steht vor allem der Gedanke des gemeinschaftlichen Wohnens im Vordergrund. Die Menschen schließen eine Kooperationsvereinbarung, erläutert Susanne Dürr die besondere Konstellation schon vor dem eigentlichen Planungsbeginn. In ihren Programmen halten die künftigen Bewohner fest, inwieweit Innen- und Außenräume miteinander geteilt werden und welche Gemeinschaftseinrichtungen wie Kitas, Gästewohnen, Waschsalons oder Werkstätten enthalten sein sollen. Das reicht von Grundrissen für bestimmte Zielgruppen wie z.B. Pflegewohnen beim Berliner Projekt Lebensort Vielfalt oder Clusterwohnen bei der Kalkbreite in Zürich bis hin zu Wellness- und Gastronomieangeboten. Auf diese Weise entsteht in den meisten Projekten eine Vielzahl von unterschiedlichen Grundrisstypologien, die oftmals auch Wohn- und Gewerbekombinationen ermöglichen. Gepaart mit einer großen Flexiblität in der Tragstruktur erhöht dies die Qualitäten der neuen Wohnanlagen enorm. Zugleich haben die Wissenschaftler beobachtet, dass sich das Verständnis des gemeinschaftlich genutzten Raums gewandelt hat. Während in früheren Projekten diese Flächen oftmals als notwendiges Übel betrachtet und wenig attraktive Resträume besetzten, wird bei den heutigen Projekten die Gemeinschaft zum Zentrum der Anlage mit attraktiven Räumen und Freianlagen für jeden. Neben dem Ziel, preiswerte und gleichzeitig qualitativ hochwertige Wohn- und Gewerbeflächen zu schaffen, verfolgen viele der Projekte bei ihren Grundsätzen eine soziale Durchmischung innerhalb der neuen Anlage sowie eine Verzahnung mit ihren Nachbarschaften. Dabei steht die Partizipation der Bewohner bereits in der Planungsphase im Vordergrund.

Die Vielzahl der Akteure bringt ganz neue Impulse in die Stadtentwicklung, erfordert aber auch Toleranz und Ausdauer der Beteiligten. Nicht ohne Grund organisiert sich der überwiegende Teil der Projekte als Baugenossenschaft oder gemeinnützige Wohnbaugesellschaft. Als Fazit lässt sich bei fast allen untersuchten Projekten festhalten, dass sie ihr Umfeld bereichern und eine qualitative Vielfalt des Lebensraums ermöglichen. Zugleich ist das Gelingen von einer Kultur des Teilens und der Reduktion des eigenen Wohnraums, aber auch von entsprechenden Planungs- und Finanzierungskonzepten abhängig. Motivation, Kreativität und Flexibilität der Bewohner und Planer schaffen auf diese Weise spannende Wohninseln mit Strahlungsimpulsen in ihren Vierteln – bleibt der Politik die Aufgabe, diese Impulsgeber sinnvoll zu fördern und ihnen Raum für ihre Projekte zu gewähren.

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