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"Zyklisches Denken wird noch viel zu wenig praktiziert"

Wo bei vielen Produkten der Lebenszyklus endet, beginnt bei 2012Architecten aus Rotterdam die Arbeit: Seit über 10 Jahren planen und bauen sie Interieurs und Installationen aus Abfallmaterialien. In diesem Sommer wurde mit der Villa Welpeloo in Enschede ihr erstes Wohngebäude fertiggestellt. DETAIL Green hat mit Jan Jongert von 2012Architecten über die Herausforderungen beim Bauen mit Abfallstoffen gesprochen

Interview, 2012Architecten, Villa, Welpeloo
Jan Jongert

Herr Jongert, seit wann befassen sich 2012Architecten mit Abbruch- und Abfallmaterialien, und wie kam es dazu?
Es begann schon während unseres Studiums, als wir Modelle aus Materialien herstellten, die wir in der Umgebung fanden. Eines dieser Materialien, gebrauchte Offset-Druckplatten aus Aluminium, haben wir später auch für unser erstes Bauprojekt verwendet, ein Ladeninterieur an der holländischen Küste. Die Druckplatten bildeten damals nur rund ein Prozent des gesamten Bauvolumens, aber sie waren ein Anfang. Unmittelbar danach haben wir begonnen, uns das Wissen und die Technik anzueignen, wie sich derartige Materialien auch in größerem Umfang nutzen lassen.

Woher nahmen Sie dieses Wissen?
Wir waren ja nicht die einzigen Architekten, die sich mit wieder verwendeten Materialien befassten. Teils konnten wir uns mit Kollegen austauschen, teils nutzten wir auch unsere Kunstprojekte und Installationen als Experimentierfeld. Dort lassen sich „neue gebrauchte“ Materialien leicht erproben, ohne dass man es mit Problemen wie Gewährleistung, Wasserdichtheit oder ähnlichem zu tun bekommt. Der nächste Schritt ist dann meist die Verwendung in der Innenarchitektur, und erst, wenn wir ein Material wirklich gut kennen, verwenden wir es auch im Hochbau.

Das Wissen, das wir so gewonnen haben, machen wir auf unserer Website www.superuse.org, aber auch in Veröffentlichungen und Vorträgen allgemein zugänglich. Wir versuchen, eine Art Open-Source-Plattform für diese Dinge zu entwickeln, weil wir glauben, dass wir erst ein Prozent all dessen wissen, was es über das Thema zu entdecken gibt.

Glauben Sie, dass Architekten und Designer in den Niederlanden offener gegenüber der Arbeit mit wieder verwendeten Materialien sind als anderswo?
Nicht unbedingt. Ich war gerade vor zwei Wochen beim Designmai-Event in Berlin, und dort befasste sich etwa ein Viertel aller ausgestellten Entwürfe mit dem Thema. Ich glaube auch nicht, dass das „SuperUse“-Konzept auf Europa oder auf das Produktdesign beschränkt ist. Es gibt auch in der Architektur viele ähnliche Beispiele, wenn auch vielleicht nicht so umfassend wie unser Ansatz, systematisch Wissen über diese Werkstoffe zusammenzutragen.

Wie verteilt sich das Knowhow innerhalb Ihres Büros? Sind Sie alle Spezialisten in Sachen „SuperUse“?
Nein. Bei uns gibt es auch Mitarbeiter, die sich eher mit dem Energiebedarf von Gebäuden befassen, und viele andere Kompetenzen. Außerdem arbeiten wir in jüngster Zeit auch mit Umweltwissenschaftlern zusammen, denn wir möchten mehr erfahren über die realen Auswirkungen der von uns genutzten Materialien auf die Umwelt. Bisher hing unsere Materialwahl eher davon ab, was unser unmittelbares Umfeld hergab. Doch langfristig möchten wir auch Faktoren wie Lebenszykluskosten und „graue Energie“ mit einfließen lassen.

Interview, 2012Architecten, Villa, Welpeloo
2012Architecten

Wie weit beeinflusst die Verfügbarkeit von Materialien in einem Entwurf wie der Villa Welpeloo den Entwurf?
Wir wollten den Rohbau der Villa zunächst aus gebrauchten Eisenbahnschwellen errichten. Für die Geschossdecken hätten wir die Schwellen längst zersägt und daraus laminierte Träger hergestellt, um größere Spannweiten zu bewältigen. Allerdings haben unsere Recherchen ergeben, dass das Holz aufgrund seiner Vorbehandlung Ausgasungen entwickelt, die zwar nicht direkt gesundheitsschädlich, aber doch unangenehm sind.
Wir haben uns daher nach einem anderen Material umgesehen und stießen auf eine Textilmaschine, deren Stahlkonstruktion wir verwenden konnten. Der Entwurf für die Villa ist der gleiche geblieben, nur die Abmessungen der Räume wurden an die Maße der Stahlträger angepasst.

Generell gesprochen, was kommt bei Ihren Entwürfen zuerst – das Material oder die Entwurfsidee?
In den Projekten, die der Villa vorangingen, spielte meistens das Material die entscheidende Rolle. Bei der Villa Welpeloo selbst war es dagegen ein paralleler, iterativer Entwurfs- und Materialfindungsprozess. Selbst in der Bauphase gab es noch Entscheidungen, die den Entwurf beeinflussten. Zum Beispiel sollte das Haus zunächst einen Aufzug erhalten, der dann jedoch aus Kostengründen entfallen musste. Wir entschieden uns, statt dessen die Hubplattform, die für den Bau des Hauses benötigt wurde, so auszuwählen, dass sie nach Fertigstellung im Gebäude verbleiben und als Lift benutzt werden konnte.

Interview, 2012Architecten, Villa, Welpeloo
Ladeninterieur ?Duchi? mit Regalen aus Windschutzscheiben und Sitzmöbel aus Abfallholz

Fast alle Baumaterialien für die Villa Welpeloo stammen aus einem Umkreis von 15 Kilometern um das Gebäude. Wie haben Sie sie gefunden? Haben Sie eine spezielle Suchmethode für die Baumaterialien in Ihren Projekten entwickelt?
Als wir unsere ersten Projekte realisierten, war genau dies eines der Hauptprobleme. Wir haben damals die Internetplattform www.recyclicity.net entwickelt, um uns über Materialquellen und Verwendungszwecke auszutauschen. Leider waren wir damals wohl etwas früh dran, so dass sich kein Sponsor für die Seite interessierte und wir sie eineinhalb Jahre später wieder einstellen mussten. Jetzt planen wir, vielleicht in einem Jahr einen neuen Anlauf zu starten.

Man könnte denken, dass bei einem Gebäude wie der Villa die Baumaterialien (und damit der Bauprozess) kostengünstiger, der Entwurfsprozess jedoch arbeitsintensiver und teurer werden. War das der Fall?
Die Gleichzeitigkeit von Entwurf und Materialrecherche bedeuten, dass sich bei einem solchen Projekt viel mehr Arbeit in die frühen Entwurfsstadien verlagert. Normalerweise macht man sich als Architekt ja erst über die Materialisierung Gedanken, wenn der Entwurf ein gewisses Stadium erreicht hat. In diesem Fall geschieht das alles parallel, und weil wir den Entscheidungsprozess möglichst lange offen halten wollten, war das Ganze doch recht arbeitsintensiv.

Die reinen Baukosten für die Villa waren jedoch genauso hoch wie bei anderen vergleichbaren Projekten auch. Schließlich ist das Gebäude individuell an die Bedürfnisse der Bewohner angepasst, und wir haben die gesamte Inneneinrichtung selbst entworfen. Bei Projekten dieser Größenordnung hat man keine Kostenvorteile, wenn man mit wieder verwendeten Materialien arbeitet. Dafür wäre ein größeres Bauvolumen erforderlich.

Interview, 2012Architecten, Villa, Welpeloo
Installation ?Recycloop? aus alten Edelstahl-Spülen

Wie kam es zu dem Projekt? Hat die Bauherrin Sie speziell aufgrund Ihrer Arbeitsweise ausgewählt?
Ja. Sie entwirft selbst kleine Objekte nach einem ähnlichen Prinzip wie wir, so dass unsere Arbeits- und Denkweisen gut zusammenpassten. Es war eine bewusste Entscheidung.

Was war der schwierigste Aspekt beim Entwurf und Bau der Villa?
Alle Prozesse so zusammenzubringen, dass sie reibungslos funktionieren. Die Suche nach den Materialien und ihre Aufbereitung gemeinsam mit dem Bauunternehmen verlief dagegen eher reibungslos. Die größten Probleme hatten wir nicht mit den wieder verwendeten, sondern mit den fabrikneuen Materialien und Produkten.

Lässt sich ein solches Projekt nur mit handverlesenen Bauunternehmen realisieren, die Ihre Arbeitsweise gewohnt sind?
Sie benötigen sicher eine gewisse Offenheit im Denken, weil wir gern im Team arbeiten, in dem auch der ausführende Betrieb mit über die Konstruktion des Gebäudes diskutiert. Wir schätzen diesen Austausch mit den Leuten, die das Haus am Ende tatsächlich bauen müssen.

Andererseits versuchen wir, bei allen Materialien – auch wenn uns das nicht immer gelingt -, sie zu „normalen“ Baumaterialien aufzuarbeiten. Wir haben uns bewusst entschlossen, für unser erstes Wohngebäude keine ausrangierten Waschmaschinen oder Kühlschränke zu verwenden wie für einige unserer früheren Installationen. Statt dessen wählten wir Stahlträger und Holzdielen, mit denen zu arbeiten Bauunternehmer gewohnt sind. Aber wir haben den Materialien ihre eigene, spezifische Ästhetik erhalten.

Interview, 2012Architecten, Villa, Welpeloo
Espressobar der Universität Delft aus Waschmaschinenfronten

Wie denken Sie im Allgemeinen über die Recyclingfähigkeit moderner Baumaterialien? Sind sich die Hersteller der Problematik bewusst, dass ihre Produkte in 30 oder 40 Jahren womöglich wiederverwertet werden müssen?
Nein – oder zumindest nicht im erforderlichen Ausmaß. Wir verstehen uns als Pioniere einer Denkweise, die vielen am Bau Beteiligten noch fehlt. Wir kennen die Potenziale wieder verwendeter Materialien, haben es aber oft genug mit „dummen“ Produkten zu tun, die für eine solche Zweitverwendung niemals konzipiert waren. Sicher liegt der ästhetische Reiz unserer Projekte gerade darin, dass wir die Produkte entgegen ihrer ursprünglichen Intention zweckentfremden. Für eine wirklich nachhaltigere Zukunft wären jedoch Baumaterialien und -elemente erforderlich, die sich am Ende des Gebäudelebenszyklus leicht auseinander nehmen und rezyklieren, oder noch besser: wieder verwenden lassen.

Worin liegt das Hauptproblem?
Ich denke, es ist ein Mentalitätsproblem, dass wir seit dem Beginn des Industriezeitalters haben. Alle denken nur in linearen Prozessen von der Herstellung zur Entsorgung. Das beginnt schon dabei, dass zyklisches Denken, das eigentlich erforderlich wäre, nirgends in der Ausbildung gelehrt wird.

Wie stark ist das Problembewusstsein bei Architekten ausgeprägt?
Ich beobachte hier einen Wandel. Aber viele Architekten müssen noch ihre Position zu diesem Thema definieren. Schließlich kann nicht jeder arbeiten wie wir: Gerade bei größeren Projekten ist man eben doch auf das angewiesen, was die großen Hersteller zur Verfügung stellen, und kann seinen Bedarf nicht in den Hinterhöfen der unmittelbaren Umgebung decken.

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