Vieldeutiges Symbol: Bibliothek in Birmingham von mecanoo architecten

Die neue Bibliothek in Birmingham spielt mit dem Motiv des Kreises. Ihre mit Aluminiumringen überzogene Fassade wurde von Kritikern bereits in einem Atemzug mit der Ornamentik der Marke »Louis Vuitton« genannt. Demgegenüber sympathisieren viele Einwohner Birminghams mit der Idee, die Ringe als Symbol für die industrielle Vergangenheit der Stadt zu lesen. Die Architekten selbst betonen hauptsächlich die autark funktionierende innenräumliche Logik als Kerngedanken des Entwurfs: dabei begleitet das zentrale Motiv der Rotunde den Besucher auf seiner vertikalen »Reise« durch die vielfältig bespielten Ebenen einer aufregenden Raumkomposition.

Architekten:
mecanoo architecten, Delft
Standort: 309 Broad Street, GB-Birmingham

Foto: Christian Richters

Die Kampagne »Global city with a local heart« soll Birmingham, der zweitgrößten Stadt Englands, bis zum Jahr 2026 ein neues Image verleihen. Die Fertigstellung des neuen Bibliotheksgebäudes ist dabei ein wichtiger Meilenstein. In prominenter Lage am Centenary Square im Zentrum der Stadt schließt das Gebäude des niederländischen Architekturbüros mecanoo die Lücke zwischen dem Birmingham Repertory Theatre aus den 1970er-Jahren und dem Baskerville House aus den 1930er-Jahren. Nur wenige Meter entfernt steht noch die alte, 1974 ­erbaute Zentralbibliothek, die im Zuge der Erneuerung des Stadtteils Paradise Circus nun abgerissen werden soll.

Lageplan, Grafik: mecanoo architecten

Foto: Christian Richters

Äußerlich besteht der Neubau aus drei zu­einander versetzt gestapelten Quadern in Gold und Schwarz. Die auffällige Fassadenverkleidung aus ineinandergreifenden ­Aluminiumringen unterschiedlicher Größe soll eine Reverenz an die industrielle Vergangenheit der Stadt und deren Juwelier­tradition darstellen. Die je nach Wetter und Tageszeit entstehenden Lichtreflexe und wechselnden Schatten verleihen den Lesesälen eine individuelle Atmosphäre.

Foto: Christian Richters

Auf dem Weg zum Haupteingang über­queren die Besucher den Platz vor dem ­Gebäude, in den ein großer kreisförmiger Hof eingelassen ist. Aus dem Untergeschoss der Bibliothek begehbar, bietet das »Amphi­theater« einen Raum für Konzerte und ­Lesungen. Die offene Bühne soll die Aufmerksamkeit der Passanten in das vielfältige Innere richten.

Foto: Christian Richters

Im Hauptfoyer, hier liegt auch der direkte Zugang zum benachbarten Repertory ­Theatre, finden neben Ausstellungsräumen und Auditorium auch Restaurants und Cafés Platz. Im Herzen der Bibliothek liegt die ­Bücher-Rotunde, in deren kreisförmig angeordneten Regalen ein Teil der über 400 000 Bücher bereitstehen. Um dieses Zentrum herum sind die Hauptlesesäle angelegt.

Schnitt, Grafik: mecanoo architecten

Grundriss Ebene 0, Grafik: mecanoo architecten

Grundriss Ebene 2, Grafik: mecanoo architecten

Grundriss Ebene 7, Grafik: mecanoo architecten

Weitere, unterschiedlich große Rotunden sind zueinander versetzt oder übereinander angeordnet und werden mit Aufzügen und diagonal den Raum querenden Rolltreppen miteinander verbunden. Sie bilden ein gebäudehohes Atrium, in das natürliches Licht seitlich durch die Lesesäle und direkt von oben durch das gesamte Gebäude bis in die hohe Eingangshalle fällt.

Ein gläserner Aufzug führt in die obersten Geschosse. Foto: JP Hubbard

Foto: Christian Richters

Foto: Christian Richters

Die Gesamtfläche von 35 000 m² macht den Neubau zur größten Bibliothek Europas. Als Zentrum des Lernens, der Information und der Kultur verbindet sie Menschen aller Altersgruppen, Kulturen und Hintergründe. Das im Volksmund bereits als »people’s palace« bezeichnete ­Vorzeigeprojekt wird keine Mühe haben, die erwartete Anzahl von drei Millionen Besuchern jährlich zu erreichen.
Auf dem Dach des Gebäudes befindet sich eine goldene Rotunde, in die das viktorianische Shakespeare Memorial eingegliedert wurde. Dieser holzverkleidete Lesesaal aus dem 19. Jahrhundert war Teil der ersten Zentralbibliothek Birminghams, wurde 1974 beim Abriss des Gebäudes abgebaut und bekam nun hier seinen neuen Platz.

Fotos: Christian Richters

Blick vom Repertory Theatre auf die Bibliothek
Fotos: Christian Richters

Innenraum im Untergeschoss der Bibliothek


Fazit: Als geometrische Figur ist der Kreis eindeutig definiert und berechenbar. Komplizierter ist es, einen groben Überblick über seine kulturgeschichtlichen Deutungsmöglichkeiten zu gewinnen. Gerade weil die vollkommene Form des Kreises universell verständlich ist, bleibt seine finale Bestimmung im jeweiligen Kontext frei interpretierbar. Dass so mancher Kritiker und viele der Bewohner Birminghams eigene  Erklärungsmuster für die Fassade parat haben kann also kaum überraschen. Völlig außer Zweifel steht letztlich die außergewöhnliche Wirkung der Fassade auf den Innenraum: Spätestens beim Betreten der lichtdurchfluteten Lesesäle wird augenfällig, dass dem Fassadenvorhang aus Kreisen und Ringen die Funktion eines kongenial mit seiner Umwelt kommunizierenden Filters zukommt. Die daraus entstehende einzigartige ­Atmosphäre wird manch skeptische Stimme wohl verstummen lassen.
Emilia Margaretha
Peter Popp

Kreise und Schatten: Drei Filme - drei Perspektiven

Eine ausführliche Print-Dokumentation finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe
DETAIL 2014/4 zum Thema »Treppen, Rampen, Aufzüge«

Lesesaal, Foto: Christian Richters

Foto: Christian Richters

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