Massivbau

Massivbau

Die Leichtigkeit des Steins

Als Ansgar Schulz erstmals das sächsische Adorf besucht, regnet es. In der Kleinstadt werden seit Jahrhunderten Perlmuscheln aus dem Wasser der Elster gefischt; ein örtliches Heimatmuseum, das erweitert werden soll, erzählt die reiche Geschichte. Der Architekt beobachtet, wie sich das Regenwasser seine Wege über die Dachflächen des Bestandsgebäudes bahnt. Der Gedanke, dass über die Fassade des neuen Museums auch stetig und leise etwas Wasser fließen soll, entsteht. Mit dem doppelt gekrümmten Vordach verbindet das Museum Perlmutter zwei Bestandsbauten – und kleidet sich in einen wasserdichten Beton, auf dessen Oberfläche leise Wasser fließt, als wäre es nie anders gewesen. Das performative Detail außen wird zum sinnlichen Verweis auf die Perlmuscheln im Inneren.

Massivbau gilt als schwer, dauerhaft, unbeweglich. Diese Ausgabe zeigt das Gegenteil. Handgepresste Ziegelsteine, mit Wachs behandelter Stampflehm aus Abbruchmaterial, Zyklopenbeton aus Kalkstein und Bruchstein, Hanfkalk als nachwachsender Baustoff der Zukunft – die Details in diesem Heft erkunden, was Stein alles kann, wenn man ihn neu denkt. Hat der schwerste Baustoff die leichteste Zukunft?

Ein Forschungsteam der TU Braunschweig kombiniert Lehm und Ziegel für tragende Außenwände. Die Architekturfakultät in Hasselt von Bovenbouw Architectuur und David Kohn Architects zeigt, wie Barock und zeitgenössische Baukultur zu einer Collage werden können. Zwei Datenbanken zu Materialien im Innenraum arbeiten an einem möglichen Hebel zur Materialwende. Und ETH Zürich-Professorin Elli Mosayebi führt in neue „Temperaturlandschaften“, in denen Energiequellen im Raum spürbar werden.

Alles kann fließen. Man muss es nur zulassen.

Jeanette Kunsmann

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