„Wir wollten Spaß haben“

Illa Glóries in Barcelona von Cierto Estudio

 - Jakob Schoof

Im Osten Barcelonas überrascht ein Wohnungsbau mit flexiblen Grundrissen und einem Nutzungskonzept, das auf Gemeinsinn abstellt. Was steckt hinter der Idee der Architektinnen, alle Nassräume im Haus um 45° aus der Achse zu drehen?

Illa Glóries in Barcelona von Cierto Estudio
Über dem hohen Gebäudesockel aus Beton und Ziegeln erheben sich sieben farbenfroh gestaltete Wohngeschosse. © José Hevia

Die Plaça de les Glòries Catalanes ist der größte Verkehrsknoten im Osten von Barcelona. Drei der wichtigsten Achsen der Stadt stoßen auf dem Platz aufeinander, auf dem sich früher ein für Fußgänger unüberwindlicher Verkehrskreisel erhob. Seit einigen Jahren hat die Stadt das Monument der autogerechten Planung zurückgebaut und in einen Park verwandelt. Er wird im Norden flankiert von Jean Nouvels 144 m hoher Torre Glòries (früher Torre Agbar), im Südosten errichteten MBM Arquitectos 2013 das Designmuseum Disseny Hub.

Gemeinschaftswerk im Dienste des Wohnungsbaus

Das Grundstück am Westende des Platzes war bisher unbebaut, zuletzt diente es als Baumschule für den neu angelegten Stadtpark. 2017 gewann das junge, von sechs Frauen geführte Architekturbüro Cierto Estudio den Wettbewerb für einen neuen Wohnkomplex. Bauherr und Auslober war das städtische Wohnungsunternehmen IMHAB. 238 Wohneinheiten sollten zwischen der Avenida Diagonal und dem Hallendach des Mercat dels Encants entstehen. Gemeinsam mit den Gewinnern des zweiten, dritten und vierten Preises wurde Cierto Estudio mit der Umsetzung beauftragt.

© José Hevia

Spaß trifft Schönheit: Holzbau mit farbenfroher Hülle

Auf sein heterogenes Umfeld reagiert der Neubau mit einer ausgesprochen farbenfrohen Gestaltung. An den sieben Wohngeschossen kombinierte Cierto Estudio grün verputzte Fassaden mit roten Fensterläden, Markisen und Außenstützen. „Die privilegierte Lage des Standorts und die Nähe zum neuen Parc de les Glories haben einen ikonischen Entwurf verlangt. Deshalb haben wir uns erlaubt, Spaß zu haben und etwas unkonventioneller an die Gestaltung der Fassade heranzugehen“, beschreiben die Architektinnen ihr Konzept. Und weiter: „Dieser Vorschlag ist auch eine Aussage, die unsere Werte widerspiegelt. Schönheit ist Teil unserer Arbeit, sie verleiht dem Projekt Würde und Lebensqualität. Das ist uns wichtig, unabhängig vom Programm oder Budget.“

© José Hevia

Hinter der Fassadenhülle verbirgt sich ein Holzbau mit tragenden Wänden und Decken aus Brettsperrholz. Sichtbar ist das Material aufgrund von Brandschutzvorschriften allerdings nirgends. Das Erdgeschoss mit den (noch unvermieteten) Läden besteht aus einem mit Sichtziegeln ausgemauerten Betonskelett.

Laubengänge als Ort für Begegnungen

Beim Entwurf der Wohnanlage legten die Architektinnen Wert auf Geschlechtergerechtigkeit und den Schutz der oft alleinerziehenden Bewohnerinnen vor Übergriffen. Über einige Treppenstufen gelangt man hinauf in einen halbprivaten Innenhof, der nur den Bewohnenden offen steht. Die Wohnungen werden über offene Laubengänge erschlossen. Diese liegen immer auf der Südseite, sind also teilweise dem Hof und teils der Straße zugewandt. „Die Frage ist nicht, ob der Laubengang nach innen oder außen orientiert ist. Wir wollten erreichen, dass er in der Sonne liegt und Aufenthaltsqualität besitzt“, erläutern Cierto Estudio.

© José Hevia
© José Hevia

Auf den Laubengängen soll sich – zumindest im Sommer – ein großer Teil des Gemeinschaftslebens abspielen. Hier hängt Wäsche zum Trocknen, hier treffen sich die Bewohnerinnen auf einen Kaffee oder ein Schwätzchen. Zusätzlich hat jede Wohnung ein bis zwei Privatbalkone auf der Nordseite. Sie sind ebenso wie das Bad und die Küche um 45° aus der Achse gedreht.

Der Trick mit dem Knick: Wohnungsgrundrisse abseits der Norm

Mit dieser Maßnahme wollen die Architektinnen Vorteile für den Innenraum ebenso wie für die äußere Gestaltung erreichen. Die Fassaden und Laubengänge werden durch die herausgedrehten Balkone und Küchen in überschaubare Abschnitte gegliedert. Im Innenraum bildet jeweils das zentrale Bad den Dreh- und Angelpunkt jeder Wohnung. Die umliegenden Räume sind nutzungsneutral und basieren auf einem Rastermaß zwischen 3,60 und 3,75 m. Keiner von ihnen ist exakt rechtwinklig – je nach Lage in der Wohnung haben sie ein bis drei abgeschrägte Ecken. Der Raum unmittelbar neben der Küche ist als Esszimmer prädestiniert und nahezu oval.

© José Hevia

Mit Ausnahme einiger barrierefreier Wohnungen haben Cierto Estudio vier Wohntypologien entworfen, die drei bis fünf Räume und 60 bis 97 m² Bruttofläche haben. Das unkonventionelle Wohn-Layout bewirkt jedoch, dass die Wohnungen größer wirken, als sie eigentlich sind. In vielen Wohneinheiten fällt der Blick diagonal durch die ganze Wohnung von der Küche auf der Eingangsseite bis zum Privatbalkon im Norden.

© Cierto Estudio
© Cierto Estudio

Leichter Umbau trotz massiver Wände

Die Außenwände, die Wohnungstrennwände und die Wände des zentralen Bad-Kerns bestehen aus 120 mm dickem Brettsperrholz. Alle übrigen Zimmerwände bestehen aus leichtem Ständerwerk mit Gipskartonbeplankung und lassen sich relativ flexibel umkonfigurieren. Für die Geschossdecken und Balkonplatten verwendeten die Architektinnen Brettsperrholz mit 160 mm Stärke. Im Bereich der Laubengänge werden sie von einem Stahlskelett getragen. Auf dem Dach steht allen Bewohnerinnen eine gemeinschaftlich genutzte Terrasse zur Verfügung.


Wohnen in Barcelona – entdecken Sie weitere Beiträge in unserer Datenbank Detail Inspiration.


Architektur: Cierto Estudio, Franc Llonch
Bauherr: Institut Municipal de l’Habitatge i Rehabilitació de Barcelona (IMHAB)
Standort: Plaça de las Glorias, Gran Via de les Corts Catalanes, Barcelona (ES)


Tragwerksplanung: Bernuz-Fernández Arquitectes
Landschaftsarchitektur: Beatriz Borque + Miquel Mariné
TGA-Planung: Eletresjota Tecnics Associats
Umweltberatung: Societat Orgànica +10 SCCL
Bauleitung: Ángel Gil


  • Der siebengeschossige Neubau an der Hohlstrasse in Zürich soll ein Ladengeschoss, Flächen für öffentliche Dienstleistungen und fünf Obergeschosse mit Gewerbeflächen enthalten.

    Eisenbahnschienen als Tragwerk - wie funktioniert das? 

    Rund 180 km Gleise werden im Schweizer Bahnnetz jedes Jahr erneuert. Bisher wurde das Altmetall eingeschmolzen. Jetzt soll im Westen von Zürich das erste Gebäude mit Stahltragwerk aus gebrauchten Schienen entstehen.

  • Line Ramstad ist die neue Chefkuratorin der Oslo Biennale.

    „One Size does not fit all" 

    Fassaden aus Abfallwolle, recycelter Stahl von ausrangierten Schiffen oder Wohnraum statt Kapitalanlage: Line Ramstad, Chefkuratorin der Osloer Triennale, zeigt was passiert, wenn die Natur Vorrang hat.

  • Schatten, der mitwächst 

    Auf Spielflächen in Marzahn-Hellersdorf spendet die Pergola Persol von Urbidermis sofort Schatten. Kletterpflanzen erobern nach und nach die Seile und bilden ein zweites, grünes Dach.

  • „Haus Blick“ fügt sich in den Hang oberhalb von Hinterbrühl ein. Die EasyFalz by Kalzip® Rautenschindeln in Patina Bronze B40 ziehen sich über Dach- und Wandflächen; großzügige Verglasungen öffnen das Haus zum Garten. Advertorial

    AdvertorialIm Rhythmus des Hangs

    In Hinterbrühl entwickelten Caramel architektInnen einen dreigeschossigen Baukörper für den 45 Grad steilen Hang. EasyFalz by Kalzip Rautenschindeln in Patina Bronze B40 verkleiden sämtliche Flächen.

  • Kulturcampus Paul-Van-Ostaijen in Leuven

    In Leuven haben Lava architecten aus einem alten Missionshaus einen Ort geschaffen, an dem Zirkus, Musik, Theater und Tanz unter einem Dach koexistieren. Starker Schallschutz ist hier Voraussetzung für soziales Miteinander.

  • Bei der Architekturbiennale 2025 waren mehr Exponate zu sehen als jemals zuvor, obwohl der zentrale Ausstellungspavillon in den Giardini gesperrt war.

    Selbstausbeutung im Starzirkus 

    Bei jeder Architekturbiennale stehen die Kuratoren vor den gleichen Hindernissen: Geldknappheit, viel Bürokratie und eine Organisation, die kollektive Leistungen ignoriert. Warum tun sie sich das an? Ein Gespräch mit Albena Yaneva, die den Entstehungsprozess der Biennale 2025 ein Jahr lang beobachtet hat.