Älteren Reutlingerinnen und Reutlingern dürfte das neue Gebäude an der Ecke des Oberamteistraße/Spendhausstraße wie eine Vision erscheinen: Die homogene gläserne Gebäudehülle umreißt das verlorene Volumen des sogenannten Steinernen Hauses aus dem 14. Jahrhundert, das Anfang der 1970er-Jahre abgerissen wurde. Seine Nachbarhäuser gerieten in eine bedrohliche Schieflage.

Das Haus – ein dritter Ort
Die vom Einsturz bedrohten Bürgerhäuser und der Gewölbekeller des abgerissenen Hauses gehören zum ältesten Baubestand Reutlingens. Ein neuer Baukörper sollte auf dem Grundstück des verlorenen Gebäudes die benachbarte Häuserzeile abstützen. Wulf Architekten schlugen einen mehr oder weniger leeren Raum in einer transluzenten Haushülle vor, um den Verlust des historischen Gebäudes spürbar zu machen. Es überrascht kaum, dass ein auf den ersten Blick leeres Haus ohne Nutzung, Türen und Fenster nicht ohne kritische Fragen von Gemeinderat und Bevölkerung blieb. Die Bewertung des Raums als Dritten Ort – einen offenen Treffpunkt für die Stadtgesellschaft für Lesungen und Ausstellungen – half schließlich die Skepsis zu entkräften.

Ein Stützbock und ein Mantel aus Gussglas
Mit einem Holzfachwerk als Stützkonstruktion löste das Planungsteam die provisorischen Baumstämme ab, die die alten Häuser notdürftig sicherten. Daraus leiteten sie ein Raumfachwerk ab und entwickelten es in weiteren Planungsphasen mit dem Ingenieurbüro Structure parametrisch und konstruktiv weiter. Eine homogene Hülle aus Gussglasziegeln sorgt für die gewünschte Unschärfe: Manchmal diffus und manchmal ganz klar schimmert es durch den gläsernen Mantel, das Tragwerk ist spürbar präsent, doch niemals greifbar. Biberschwanzziegel sind in Reutlingen allgegenwärtig. Das Planungsteam erinnerte sich, dass auf den Dächern alter Scheunen stellenweise Glasziegel eingemischt wurden, um Tageslicht ins Gebäude zu führen. Um die Konzeptidee einer schwebend wirkenden Glashaut zu umzusetzen, experimentierte das Team unter anderem mit Verbundglas, auf dem die gläsernen Schindeln auf laminiert wurden. Hier wäre jedoch eine aufwendige Unterkonstruktion mit Glasschwertern und einer aufgeklebten Metallkonstruktion notwendig geworden, was nur wenige Firmen ausführen konnten und hohe Kosten verursacht hätte. Die Lösung war naheliegend: eine klassische Kronendeckung, die ein konventioneller Dachdeckerbetrieb ausführen konnte. Ein Splitterschutzlack auf der Innenseite der Ziegel erfüllte die Anforderungen an Überkopfverglasung.

Die richtige Haltung
Außer einer unsichtbar in die Fassade integrierten Fluchttüre hat die gläserne Hülle keine Öffnungen. Wenn künftig die Gäste des Museums den Bau über die benachbarten Bestandsbauten betreten, stehen sie in einem mehr als 20 m hohen, fast leeren Volumen, das nur die schlichte Massivholztreppe und das Raumfachwerk fasst. Seine Streben aus Weißtanne haben einheitliche Querschnitte von 200/200 mm. Jeder der 267 Knotenpunkte ist kraft- und formschlüssig über Knaggen aus Baubuche verbunden. Das Gebäude kommt ohne thermische Hülle und mechanische Klimatisierung aus, denn die offenen Fugen zwischen den Glasschindeln sorgen für permanenten Luftaustausch. Zusätzlich ist der erdberührte historische Keller mit einem Lehmboden belegt und strahlt kühl ab. Das Denkmalamt unterstützte das Erscheinungsbild des Neubaus. Es sah darin die einzig richtige Haltung, denn wo Originalsubstanz verloren und Fügung nicht mehr rekonstruierbar ist, hat eine historisierende Wiederherstellung keine Grundlage. So schließt der zeitgemäße Neubau eine jahrzehntelang klaffende Wunde im Stadtgefüge. Wie eine vage Erinnerung bleibt sie ablesbar.
Urteil der Jury des DETAIL Construction Award:
„Die Gebäudehülle besteht hier allein aus einem Material: den gläsernen Dachschindeln. Sie lassen von außen das innovative Holz-Tragwerk schemenhaft erkennen. Im Inneren schaffen sie eine angenehme Lichtqualität und auch nachts dürfte die Fassade eine besondere Wirkung entfalten. Eine Anregung der Jury ist, die Glasschindeln aus recyceltem Glas herzustellen. Der Neubau fügt sich harmonisch in den komplexen, historischen Kontext der Reutlinger Altstadt. Als Museum verleiht das Gebäude der Stadt Identität und Sichtbarkeit. Es gibt nur wenige, minimalistisch gestaltete Details. Hier fällt besonders der Traufpunkt auf. Die ungedämmte Fassade erlaubt eine reduzierte Ästhetik und Präzision. Für das stimmige Zusammenspiel von Struktur, Dach und Fassade sowie die sorgfältig auf die Umgebung abgestimmte Proportion und Maßstab im komplexen historischen Kontext verleiht die Jury dem Museum Historische Oberamteistraße den ersten Preis in der Kategorie Fassade.“
Lesen Sie mehr über die Gewinner und Gewinnerinnen des Detail Construction Award in Detail 6.2026.
Architektur: Wulf Architekten
Bauherr: Stadt Reutlingen
Standort: Oberamteistraße 34, Reutlingen (DE)
Tragwerksplanung: str.ucture, Stuttgart
Projektmanagement: Hitzler Ingenieure, Stuttgart
TGA-Planung: Ingenieurbüro für Versorgungstechnik Klaus Wienand, Reutlingen






