Architektur gewinnt dort an Relevanz, wo sie nicht nur Räume definiert, sondern soziale Beziehungen ermöglicht. Vor dem Hintergrund fragmentierter Nachbarschaften, schwindender öffentlicher Räume und einer wachsenden Distanz zwischen Planung und täglicher Nutzung wird im Bestand wie im Neubau der Ruf nach einem neuen Entwurfsverständnis laut: Gebäude müssen sich als Infrastruktur für soziale Gemeinschaft beweisen. Darin liegt keine Rückkehr zu einer sozialdidaktischen Architektur, die Verhalten steuern will, sondern ein relationales Verständnis von Entwurf als gesellschaftliche Praxis.

Bezeichnend ist, dass sich für diese Bauaufgabe keine verbindliche Typologie herausgebildet hat: Ob Bürgerzentrum, Dorfmitte, Stadtteiltreff oder Gemeinschaftshaus, Gebäude geben jeweils die präzise Antwort auf einen lokalen Bedarf. Auch die diesjährigen Iconic Awards 2026 zeigen diese Bandbreite. Über die Bezeichnungen hinweg kehren zwei räumliche Figuren wieder: die Halle oder Scheune als großzügiger, zunächst unterbestimmter Innenraum, robust und programmatisch elastisch, und der Hof als eingelagerte Öffentlichkeit, die Zugänge und Blickbeziehungen ordnet, ohne sie zu hierarchisieren. Beide erzeugen keine Gemeinschaft aus sich heraus, aber die Disposition, in der Rückzug und Sichtbarkeit, organisierte Nutzung und informelle Aneignung vermittelt werden.

Auch konstruktiv lässt sich dies ablesen: Das Dorfgemeinschaftshaus Flörsbachtal (CCM Architekten) verbindet einen offenen Neubau aus hölzernen Dreigelenkrahmen mit einem massiven Bestandskörper zu einer belastbaren Infrastruktur für vier Ortsteile. Der Schiebetürenpavillon von Piertzovanis Toews, aus dem Impuls Jugendlicher hervorgegangen, macht Offenheit über bewegliche Paneele verfügbar. Kafka Oasis in Wuhan öffnet einen von Restflächen geprägten Bestand durch Rückbau und wiederverwendete Bauteile für die Nachbarschaft. Übertragbar sind nicht Bilder, sondern operative Strategien: die produktive Unterbestimmung von Räumen, die Verknüpfung von Programmen, das Weiterbauen vorhandener Strukturen, die sortenrein trennbare Fügung und die Einbindung jener, die einen Ort später tragen.


Die ausgezeichneten Projekte begründen weder ein formales Leitbild noch eine einheitliche Typologie. Sie stehen für Architektur als gesellschaftliche Praxis: lokal verankert, offen für Aneignung und präzise genug, dem Gemeinsamen Dauer und räumliche Handlungsfähigkeit zu geben.
Hersteller: Rat für Formgebung
Projekt: ICONIC AWARDS 2026






