Bauen im Bestand

Bauen im Bestand

Zurück zur Substanz

Es beginnt mit einer Entscheidung. Architekturschaffende zeigen im Umgang mit dem Bestehenden unterschiedliche Haltungen. Alt und neu bilden Fugen, Brüche und Kontraste oder versöhnen sich unerschrocken zu einer heilenden Synthese, die neue Räume schafft. Was aber, wenn der Bestand vielleicht gar nicht so alt und historisch, gar nicht so nostalgisch oder ästhetisch, und auf den ersten Blick vielleicht auch gar nicht erhaltenswert erscheint? Gerade dann beginnt die Arbeit kluger Planung. Längst begreifen viele Architektinnen und Architekten Baubestand nicht mehr als Hindernis, sondern als entwicklungsfähiges Material.

Zum Beispiel in Paris, wo gerade viele durch den reduzierten Pkw-Verkehr leerstehende Parkgaragen in neuen Wohnraum verwandelt werden. Das klingt nach guten Chancen. Andrew Ayers, seit drei Jahrzehnten Wahlpariser, schreibt in seinem Essay über die Vor- und Nachteile dieser Entwicklung. In Brüssel beweisen Maker Architecten mit einem zirkulären Sanierungskonzept für ein Studierendenwohnheim, welche Möglichkeiten die Bauten der 1970er-Jahre in sich tragen. Das Ergebnis ist eine modulare Sichtbetonstruktur als flexibler Rahmen, bei der Materialverbindungen reversibel sind. Im katalonischen Terrassa haben Harquitectes die Hallen einer Textilspinnerei in ein neues Tageszentrum umgewandelt, wobei der ursprüngliche Charakter des Gebäudes identitätsbildend blieb. Kuben aus Kiefernholz ergänzen das ursprüngliche Tragwerk. Das Inklusionszentrum hat es 2026 unter die Finalisten beim EUmies Award geschafft – und bei uns auf das Cover dieses Heftes.

In Barcelona stellte ein Forschungsteam um Boltshauser Architekten auf dem UIA-Kongress 2026 aus, wie sich Beton für Straßenpflaster, Stadtmobiliar oder als tragender Baustoff wiederverwenden lässt. Zwischen Schutzstatus und Regelwerk, Entwurf und Methode, Erhaltung und Energieeffizienz, zwischen Zukunft und Vergänglichkeit: Weiterbauen und Wiederverwenden sind heute Bestandteile der Architekturausbildung und führen unseren Beruf zurück zu seinem Kern: Potenziale erkennen und Möglichkeiten verwirklichen.

Jeanette Kunsmann

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