Aus der zehnten Etage des »K2«, einer der beiden Hochhausscheiben der Universität Stuttgart, sieht das ungewöhnliche Gebilde am Rand des Campus wie ein maßstabsloser geflochtener Korb aus. Erst in Relation zu den Menschen, die in dieses Flechtwerk strömen, erkennt man seine wahren Dimensionen von beachtlichen zehn Metern Durchmesser. Über der Rundung einer jahrelang unbeachteten Betonbank wölbt sich seit Ende des Sommersemesters eine filigrane Konstruktion aus dünnen Holzbändern, die nachts wie die überdimensionierte Lampe eines dänischen Designers leuchtet und vorbeifahrende Autofahrer verblüfft. Dabei handelt es sich bei dem Bauwerk keineswegs um eine gefällige Stadtmöblierung, sondern um ein wissenschaftliches Forschungsobjekt, das im Hinblick auf Innova-tion und Vernetzung verschiedener Disziplinen seines Gleichen sucht. »Ausgangspunkt unserer Überlegungen war eine Eigenschaft von Sperrholz, deren Möglichkeiten bislang nicht für statische Zwecke genutzt wurde: die Elastizität durch die Eigenspannung des Materials« erklärt Manuel Vollrath bei der Pressekonferenz. Mit wenigen Sätzen beschreibt der Architekturstudent stellvertretend für sein Entwurfsteam das Konzept: »Zuerst mussten wir an unseren Versuchsständen durch Messungen die relevanten Materialkennwerte ermitteln, d.h. mit welchen Radien sich die Sperrholzplatten biegen lassen und welche Spannungen dabei auftreten. Der zweite Schritt bestand darin, eine Geometrie zu finden, die einerseits die Potenziale des Materials optimal ausspielt und andererseits gestalterisch und funktional als Architektur überzeugend ist«. Den geometrischen Ausgangspunkt der Konstruktion bildet ein Paar von Segmentbögen, die so aneinander gekoppelt sind, dass sich eine Aufteilung in zug- und biegebeanspruchte Segmente ergibt, wobei jedes Zugsegment das benachbarte Biegesegment elastisch in Form hält (Abb. 2). 40 dieser Bogenpaare, also 80 radiale Holzstreifen, sind nötig, um einen Torus mit 10 m Außendurchmesser zu schließen, der – mit senkrechten Spanten in die mit Kies gefüllten Holzwannen als Widerlager gesteckt – eine äußerst filigrane und mit 3,5 m Spannweite zugleich leistungsfähige, in sich stabile Struktur ergibt (Abb. 1).
