Bericht: Erneuerung von Studentenwohnungen im Olympischen Dorf München

Studentenwohnheime der 1970er-Jahre sind in der Regel geprägt von seriellen Baustrukturen mit langen Gängen und standardisierten Inneneinrichtungen – Eigenschaften, die bei den meisten Architekturbeispielen dieser Epoche nicht unbedingt positiv ins Auge fallen. Eine Ausnahme bildeten die Mini-Reihenhäuser des ehemaligen olympischen Frauendorfs, die der Münchner Architekt Werner Wirsing mit engen Gassen und Plätzen zu einer dichten Teppichstruktur verwoben hatte. Die Aneinanderreihung von 800 identischen Wohneinheiten in Betonfertigteilbauweise führte aber nicht etwa zur Anonymisierung der Bewohner. Im Gegenteil: Mit 24 Quadratmetern Wohnfläche, einer Galerieebene mit Dachterrasse sowie eigenen Koch- und Sanitärbereichen boten sie vielmehr Rückzugsräume und Entfaltungsmöglichkeiten, die ein solch intensives und selbstverständliches Gemeinschaftsleben erlaubten, wie es in Studentenwohnheimen ansonsten kaum zu beobachten ist.

Bericht: Erneuerung von Studentenwohnungen im Olympischen Dorf München
Outdoor space, 2009 © Jens Masmann

Angesichts der großen Beliebtheit bei Studenten und des inzwischen verliehenen Denkmalensembleschutzes herrschte zunächst große Ratlosigkeit, als dem Studentenwerk klar wurde, dass die in die Jahre gekommenen Maisonette-Apartments einen erheblichen Sanierungsbedarf aufwiesen. Nach der schmerzlichen Erkenntnis, dass diese Schäden mit wirtschaftlichen Mitteln nicht mehr zu beseitigen waren, erhielt Werner Wirsing 2006 gemeinsam mit bogevischs buero den Auftrag, die Häuser »im Sinne einer kritischen Denkmalpflege« zu erneuern. Konkret bedeutete das den Abriss und Neubau fast des ganzen Areals – aber auch die Möglichkeit zur Neuinterpretation bzw. Weiterentwicklung der Idee des konsequent individualisierten Studentenwohnens. Saniert, in den Originalzustand zurückversetzt und wieder an Studenten vermietet werden nur drei Baugruppen mit je vier Einzelhäusern.

Kurz vor Abschluss der Bauarbeiten präsentiert sich das Frauendorf heute wieder fast so wie vor dem Abriss. Der Städtebau entspricht exakt dem Original. Und auf den ersten Blick sehen die mit innengedämmtem Sichtbeton ohne Attikableche realisierten Reihenhäuser den Vorbildern zum Verwechseln ähnlich. Allerdings haben die Architekten die Zahl der Wohneinheiten – nach Vorgaben des Studentenwerks und öffentlicher Förderrichtlinien – auf insgesamt 1052 erhöht, während sie deren Achsbreite von 4,20 m auf 3,15 m und deren Wohnfläche auf 18 Quadratmeter verringerten. Die Großzügigkeit der einst vor allem durch den großen Deckenausschnitt geprägten Wohneinheiten ging durch diese Nachverdichtung freilich verloren. Vergleichsweise luftig und hell ist heute nur noch das Obergeschoss.

Trotzdem zeigen die Häuser eindrucksvoll, dass räumliche und architektonische Qualität auch auf engstem Raum möglich ist. So entwickelten die Architekten zahlreiche pfiffige Details, die die Spielräume der Studenten vergrößern und dafür sorgen, dass jeder Quadratzentimeter genutzt wird. Hierzu zählen maßgeschneiderte Einbaumöbel ebenso wie etwa Stauräume in den ersten Stufen der Treppe nach oben. Von Bedeutung sind auch die beiden erdgeschossigen Fenster zur Erschließungsgasse. Wie schon im alten Frauendorf sind diese aus Brandschutzgründen zwar festverglast – die Belüftung erfolgt entweder über die Wohnungstür oder durch eine ausgeklügelte Lüftungsöffnung über der Tür. Sie tragen jedoch maßgeblich dazu bei, das Erdgeschoss eng mit dem Außenraum zu verknüpfen. Wer sich vor neugierigen Blicken schützen will, kann die Fensternischen mit undurchsichtigen, leicht einzuhängenden Plexiglasscheiben schließen. Von außen betrachtet entsteht dadurch eine Art Schaufenster, das die ersten Bewohner bereits für Arrangements aus Bierkrügen, Blumen oder Fotos nutzen. Ein wenig erinnert diese Selbstinszenierung an die über und über bunt bemalten alten Reihenhäuser. Und weil Fassadenmalereien noch immer ausdrücklich erlaubt sind, dürfte es nicht allzu lange dauern, bis der alte Geist der Studentensiedlung wieder zurückgekehrt ist. Die Voraussetzungen hierfür sind jedenfalls geschaffen.

Architektur
arge werner wirsing bogewischs buero
Standort
Helene-Mayer-Ring 9, 80809 München (DE)

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