Den Grundstein aller dort bislang realisierten Studentenprojekte legte 2003 das Institut für Architektur und Entwerfen der TU Wien, als es die Erweiterung der bereits 1994 errichteten »Masibambane«-Grundschule sowie den Neubau des Behindertentagesheims »Modimo o Moholo« ins Semesterprogramm aufnahm. Nicht zuletzt wegen des erfolgreichen Abschlusses dieser beiden Projekte wurde mit Unterstützung des Wiener Stadtrats Christoph Chorherr 2004 schließlich der gemeinnützige Verein S2ARCH (Social Sustainable Architecture) gegründet. Dessen vorrangiges Ziel ist die Entwicklung, Koordination und Förderung von Bauvorhaben für sozial Benachteiligte – gemeinsam mit Studenten europäischer Bildungseinrichtungen und in enger Kooperation mit kommunalen Institutionen, Nichtregierungsorganisationen wie etwa »Education Africa« sowie privaten und gewerblichen Sponsoren.
Mit dem 2006 eröffneten Kindergarten »Emmanuel Day Care« (Abb. 1), einem mit Sperrholz- bzw. Polyestertafeln, Holzlatten und Trapezblechen verkleideten Holzskelettbau, konnte das Wiener Institut für Architektur und Entwerfen in Orange Farm inzwischen seinen vierten Neubau eröffnen. Innerhalb der letzten vier Jahre realisierte S2ARCH – gemeinsam mit Architekturstudenten der TU Graz, Universität Innsbruck, Kunstuniversität Linz, FH Kuchl, RWTH Aachen und TU München – dort insgesamt sieben weitere Hilfsprojekte.
Der Projektablauf an den verschiedenen Universitäten unterscheidet sich kaum: Am Anfang stehen Lehrveranstaltungen zu den allgemeinen Grundlagen der Kindergartenplanung, zum konkreten Raumprogramm sowie zu den gesellschaftlichen, bautechnischen und klimatischen Rahmenbedingungen vor Ort. Besondere Berücksichtigung verdient dabei die Tatsache, dass Johannesburg 1750 m über NN liegt – geprägt von ganzjährig milden Temperaturen, aber auch von heftigen Regengüssen im Sommer und Nachtfrost im Winter. Auf diese Lehrveranstaltungen folgen Entwurfsworkshops und schließlich die Reise nach Johannesburg, wo das Projekt innerhalb von ein bis zwei Monaten mit den einheimischen Bewohnern und Nutzern gebaut wird.
Grundsätzlich entsprechen die Kindergärten in ihrer inneren Organisation den hierzulande gängigen Prinzipien. Auch in Orange Farm gibt es werktäglichen Kindergartenbetrieb von morgens bis abends, Gruppen unterschiedlicher Altersstufen zwischen Säuglingsalter und sechs Jahren, Vorschulen, gemeinsames Frühstück und Mittagessen, Mittagsschlaf und gestaltete Freibereiche mit Spielplätzen. Und bei allen Projekten wird versucht, eine sinnlich anregende Umgebung mit vielfältigen räumlichen Bezügen zu schaffen, in der sich Kinder gerne aufhalten. In einer Township wie dieser kann Architektur jedoch in besonderem Maße identitätsstiftend sein, wenn sie über ihre bloße Funktionserfüllung hinausgeht. In diesem Zusammenhang hält Volker Giencke von der TU Innsbruck eine kreative Umgebung für unverzichtbar, damit die Kinder vielleicht einmal ausbrechen können aus dem Kreislauf von Segregation, Arbeitslosigkeit, Armut, Kriminalität und letztendlich auch Aids.
Obwohl es sich bei den Studentenprojekten stets um ausgeprägte Low-Budget-Lösungen handelt, weisen diese doch eine sehr große konzeptionelle und gestalterische Bandbreite auf. So unterscheiden sich manche Kindergärten kaum von zeitgenössischen Einrichtungen in Deutschland oder Österreich, während sich andere gestalterisch zurücknehmen und stattdessen auf lokale Bautraditionen und Sehgewohnheiten Bezug nehmen. Letztendlich aber sind sich alle Beteiligten einig, dass es in Orange Farm ohnehin nicht in erster Linie um die Gestalt des architektonischen Endergebnisses gehen kann, sondern um den Entstehungsprozess. Bei dem am Institut für experimentelle Architektur an der Universität Innsbruck unter der Leitung von Volker Giencke entstandenen Kindergarten »Olifantsvlei Preschool« (Abb. 6–8) beispielsweise wurde ein überwiegender Teil der Bauelemente von einem gewerblichen Hauptsponsor in Österreich vorgefertigt und via Luftfracht nach Johannesburg geflogen. Eine andere Strategie verfolgten die Studenten von Roland Gnaiger (Kunstuniversität Linz) beim Heim für Kinder mit Behinderungen »Tebogo« (Abb. 2). Sie konzentrierten sich weitgehend auf die Nutzung lokal vorhandener Ressourcen und die Weiterentwicklung traditioneller Fertigungsmethoden. Nur die Tragkonstruktion des Kindergartens wurde aus verhältnismäßig teurem Holz, die Wände hingegen aus vor Ort gefertigtem Lehm und geflochtenen Grasbüscheln konzipiert. Ihrem Ziel, bauliche Strategien für Klimaschutz und intelligente Klimanutzung aufzuzeigen, sind die Linzer damit nahe gekommen: Das 2005 von 23 Studenten und lokalen Arbeitskräften fertig gestellte Bauwerk wurde im Europäischen Parlament vergangenes Jahr als »erstes Solarpassivhaus in Südafrika« mit dem »Energy Globe« (Kategorie Jugend) ausgezeichnet.
Die Realisierung eines ganzjährig energieautarken Baukörpers ohne zusätzliche Heizung bzw. Kühlung stand auch beim bislang jüngsten Kindergarten-Projekt in Orange Farm, der im September 2007 eröffneten »Khanyisani Preschool« (Abb. 3–5), im Mittelpunkt. So liegen die in insgesamt drei kompakten Baukörpern gruppierten Räume nebst Vorbereichen unter einem flach geneigten, vor sommerlicher Sonne und Regenschauern schützenden Dach. Große Fensterflächen wurden überwiegend in den Nordfassaden platziert, um solare Einträge durch direkte Sonneneinstrahlung vor allem in den Wintermonaten zu erzielen. Unter Berücksichtigung lokal verfügbarer Materialien, Fähigkeiten und Denkweisen der Menschen ging es den Architekturstudenten der TU München (Fachgebiet Holzbau, Hermann Kaufmann) bei diesem Projekt von Anfang an um die beispielhafte Erprobung kostengünstiger Bauweisen und Anregungen für nachfolgende kommunale Projekte. Beispielsweise konnte der für das Mauerwerk verwendete Schlackenstein einer ortsansässigen Manufaktur durch die Zugabe von nur geringfügig mehr Zement in seiner Festigkeit erheblich verbessert werden.
Im Sinne einer nachhaltigen Architektur enden die Überlegungen der Studenten nicht bei bautechnischen oder architektonischen Lösungsansätzen, sondern umfassen auch Aspekte einer neuen sozialen Infrastruktur in Orange Farm. Schließlich bieten solche Projekte in Townships, in denen es praktisch an allem mangelt – am Zugang zu Bildung ebenso wie an Arbeitsplätzen, Straßen oder Abwasserkanälen – immer ein kleines Stück »bessere Welt«.
Es zählt zu den wichtigsten Zielen, den betroffenen Bewohnern zu dieser besseren Welt zu verhelfen. Nebenbei jedoch vermögen solche Initiativen auch das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein angehender Architekten zu fördern.






