Es kommt nicht oft vor, dass der Architekt im eigenen Bauwerk eine Gesamtschau seines Œuvres zeigen kann, noch dazu, wenn es sich um sein Schlüsselwerk handelt. So kann bei der Ausstellung von Renzo Piano im von ihm selbst umgestalteten »Beaubourg« ohne Pathos von einem Gesamtkunstwerk gesprochen werden. Denn nicht nur inhaltlich, auch optisch bildet die Werkschau eine Einheit mit den Räumlichkeiten der »vitrine«, der südlichen Galerie für Wechselausstellungen, direkt gegenüber des Strawinsky-Brunnens. Offensichtlich hat sich Piano bei seiner Präsentation von dessen kreisenden Figuren inspirieren lassen. Ein Mobile aus weißen, sich drehenden Stoffquadraten, Videoszenen aus Fellinis Film »Der Clown« untermalt von blecherner Zirkusmusik transportieren die Aktivität und Vitalität des Platzes in den Ausstellungsraum. Umgekehrt kann ein Großteil der Exponate von außen durch die umlaufende Verglasung betrachtet werden. Das Geheimnis des Ausstellungserfolges liegt im ganzheitlichen Ansatz der Konzeption. Nicht die Projekte an sich stehen im Vordergrund, sondern der Weg ihrer Entstehung. So lernen auch Laien die Zusammenhänge zwischen der Stromlinienform eines Delphins und der eines Passagierschiffes kennen, bekommen die Prinzipien von Tragwerken anhand von Muscheln und Schnecken erklärt und sehen den Vesuv als Vorbild für ein Gebäude bei Neapel in der Gestalt eines Vulkankraters. Das 1:1 Modell eines Fassadendetails des Kulturzentrums in Neukaledonien (Detail 98/7) ähnelt verblüffend einer Skulptur des Bildhauers Brancusi, während das weiße Marmormodell für zwei Hochhäuser an eine Plastik von Jean Arp erinnert (Abb. Um dem Besucher die Atmosphäre des Aufführungsraums für den »Prometheus« von Luigi Nono so nahe wie möglich zu bringen, liegt neben den Architektenplänen die Partitur des Stücks auf, die Musik spielt im Hintergrund. Die Faszination Pianos für die Baustelle, für das Machen von Architektur kommt durch zahlreiche Baustellenfotos und Bilder aus seinem Atelier zum Ausdruck. Sogar über den Aufbau der Ausstellung wird ein Video gezeigt. Natur, Bildende Kunst, Musik und Technik sind aber nicht nur Inspiration für Pianos Architektur, viele seiner Bauten und Projekte dienen als Museen, Konzertsäle oder sind selbst technische Funktionsbauwerke, wie seine 900Meter lange Brücke im Süden Japans oder der Windkanal für Ferrari.
