München gerät nicht oft wegen moderner Architektur in die Schlagzeilen. Doch es gibt Ausnahmen: die Fünf Höfe von Herzog und de Meuron, deren erster Bauabschnitt kürzlich eröffnet wurde. 1994 schrieb die Hypovereinsbank einen Wettbewerb für die Neugestaltung des gesamten Stadtblocks der Fünf Höfe aus. Die Basler Architekten gewannen mit einem Entwurf, der den Abriss aller nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten Gebäude vorsah – ein Konzept, das in der weiteren Überarbeitung über Bord geworfen wurde. So bekam lediglich die der Fußgängerzone zugewandte Fassade ein neues Gesicht, während alle anderen Außenwände erhalten blieben. Im Inneren jedoch erinnert nichts mehr an die alte Zeit. Ein von Passagen und Höfen durchzogenes Erschließungsnetz, flankiert von kühl gestalteten Läden aus Stahl und Glas, bestimmt die Architektur. Zentrales Element ist die großzügige Salvatorpassage, ein 14 Meter hoher Innenraum, den verschiedenste, von der Decke wachsende Schlingpflanzen schon bald in einen hängenden Garten verwandeln sollen. Bemerkenswert sind zwei offene Höfe, der Portiahof und der Perusahof, durch die frische Luft in die Einkaufspassagen strömt und die den Ausblick in den Himmel freigeben. Charakteristisches Gestaltungselement sind mehrfach gekantete Lochbleche, die vor beleuchteten Glasfassaden ein interessantes Spiel von Licht und Schatten bewirken. Optisch scheinen sich die steifen Bleche aufzulösen. Sie wirken fast wie gewachsene Lianen, durch die das Sonnenlicht fällt und die sich im Wind zu bewegen scheinen. Die gleiche Wirkung erzielten Herzog und de Meuron auch bei der neu errichteten Fassade, die der Theatinerstraße zugewandt ist (s. 401). Dort hängen geschosshohe bronzefarbene Bleche im Abstand von ca. einem Meter vor einer voll verglasten Fläche. Sie können wie Läden aufgeklappt und verschoben werden, wodurch sich das Kleid des Hauses, je nach Laune der Nutzer, immer wieder verändert. Durch die Kombination der modern gestalteten Fassade mit der altertümlich wirkenden Farbe des Metalls ist der Bau einerseits auffälliger Blickfang, fügt sich aber andererseits hervorragend in die benachbarte Bebauung ein. Diese Kombinationskunst ist den Architekten auch an anderer Stelle gelungen. Ein organisch geformter Gang, der die Ost-West-Achse bildet, korrespondiert auf raffinierte Weise mit der westseitigen neobarocken Fassade. Der tunnelartige Schlund ist mit einem ungeordneten Muster kleiner, runder Spiegel gestaltet, die in den Putz eingelegt sind, wodurch auf spielerische Weise die Brücke zu der reich verzierten Fassade des Altbaus geschlagen wird. Am Ende verzweigt sich der Gang in zwei Schächte. Einer davon endet in einem Fenster des Altbaus, durch das kühles violettes Licht in den Straßenraum dringt und den Passanten ahnen lässt, dass sich hinter der Fassade anspruchsvolle, zeitgenössische Architektur befindet.
