Für außergewöhnliche Holzbauten ist England eigentlich nicht berühmt, zeichnet sich die britische Architektur seit Jahrzehnten doch eher durch Bauten in Stahl und Glas aus. Und dennoch: In dem landschaftlich schön gelegenen Freilichtmuseum Weald and Downland im Südosten Englands entsteht derzeit eine Holzkonstruktion, wie es sie bisher nicht gab. Seit 30 Jahren sammelt das Museum baugeschichtlich bedeutsame Häuser, die entweder dem Abriss preisgegeben oder von den Eigentümern gestiftet werden. Die Kollektion besteht derzeit aus 40 Häusern, das älteste stammt vom Anfang des 13. Jahrhunderts. Die Bauten werden von einem speziell ausgebildeten Zimmermann an ihrem Ursprungsort zerlegt und auf dem Gelände des Museums Stück für Stück wieder zusammengesetzt. Dabei werden defekte Bauteile in traditioneller Handwerkskunst nachgebaut und ersetzt. Diese Restaurierungsarbeiten finden momentan in einer Werkstatt außerhalb des Museums statt, auch die Lagerflächen für »zerlegte Häuser« befinden sich in umliegenden Dörfern. Da das Museum Kurse anbietet, in denen traditionelle Handwerkskünste gelehrt werden und es auch dem Besucher die Arbeiten in der Werkstatt zugänglich machen will, bestand der Wunsch, hierfür ein Gebäude auf dem Museumsareal zu errichten. Als Standort wählte man eine Ebene des Parkplatzes, der sich zu einem kleinen Wäldchen hin abtreppt. Aus einem Wettbewerb, zu dem vier Architekturbüros eingeladen waren, ging Edward Cullinan als Sieger hervor. Für das Werkstattgebäude entwarf er eine Gitterschale aus Holz, die auf einem massiven Geschoss sitzt, das halb in die Erde versenkt ist. Dieser teils unterirdische, temperierte Raum wird Platz für geschichtlich wertvolle Gebrauchsgegenstände bieten. Das Besondere an dem Gebäude aber ist die Konstruktion der Gitterschale. In enger Zusammenarbeit mit den Tragwerksplanern und den Zimmerern wurde ein Konstruktionsprinzip entwickelt, für das derzeit ein Patentverfahren läuft. Anders als bei den berühmten Gitterschalen von Frei Otto und Shigeru Ban, bei denen die Schale als Matte auf dem Boden zusammengefügt und dann hochgestemmt wurde, nutzen die Planer zum Errichten dieser Schale die Erdanziehungskraft. Die Idee wurde mehr oder weniger aus der Not geboren. Denn die ausgelegte Gittermatte hätte so viel Platz gebraucht, dass ihr ein Großteil des Wäldchens zum Opfer gefallen wäre. Deshalb entschied man, die Matte auf einem riesigen Gerüst in 7,50 Metern Höhe zusammenzufügen und durch die kontrollierte Demontage des Gerüsts zu formen. Dieses System funktioniert, weil die Konstruktion aus vier Schichten sich kreuzender, sehr dünner (3 × 5 cm) Eichenlatten besteht, die außerordentlich flexibel sind, da sie aus frisch geschlagenem, ungetrockneten Holz bestehen. Simple Stahlknoten aus drei Platten und vier Schrauben verbinden die einzelnen Latten. Diese Knoten bestimmen einerseits die Lage der Kreuzungspunkte, erlauben aber andererseits, dass sich die Holzleisten gegeneinander verschieben. So können die Zimmerer durch Ziehen und Drücken die gewünschte Krümmung herstellen. Sobald die Konstruktion ihre Geometrie erreicht hat, werden weitere Latten eingefädelt und mit einer Schraube fixiert. Auch die Stahlknoten werden angezogen und verhindern durch Anpressdruck Bewegungen. Ein Vorteil dieser Knoten ist, dass die Hölzer nicht durch Bohrlöcher geschwächt werden, weshalb der geringe Querschnitt der Eichenprofile ausreicht. Dieser geringe Querschnitt und das ungetrocknete Eichenholz wiederum führen dazu, dass beim Biegen nur sehr wenige Latten brechen. Bevor das Gerüst gänzlich abgebaut wird, werden weitere horizontale Leisten von oben an die Schale geschraubt. Sie dienen gleichzeitig als Unterkonstruktion für die Fassade aus großen unbehandelten Zedernholzschindeln. Im oberen Bereich des Gebäudes verlaufen Leisten über den Scheitel und bilden die Unterkonstruktion für ein Oberlicht und ein gewelltes Dach aus Sperrholzplatten mit Foliendichtung.
