Nationalbibliothek in Kansai

Auf den ersten Blick erschließt sich das gigantische Ausmaß der Kansai-kan-Bibliothek nicht. 20 Millionen Bücher sollen dort einmal Platz finden, derzeit ist die Kapazität aber nur zum Teil ausgeschöpft. Die Nationalbibliothek, ursprünglich in Tokio angesiedelt, konnte aufgrund der hohen Grundstückspreise dort nicht erweitert oder neu errichtet werden. Deshalb wich man auf einen Standort 500 km südwestlich in der Kansai-Region aus, wo derzeit Kansai Science City zwischen Nara und Kioto entsteht, ein Campus für Forschung und Wissenschaft. Obwohl hier große Flächen zur Verfügung standen, entschieden sich die Gewinner des 1995 ausgelobten Wettbewerbs der Natur den Vorrang zu lassen und sie dort, wo das nicht möglich war, durch künstliche Landschaften zu ersetzen. So markiert ein 250 Meter langer Wasserfall den Zugang zur Bibliothek. Zu seinen Seiten liegt eine riesige Grünfläche, in die gläserne Sheds eingebettet sind. Der Besucher kann erahnen, dass sich unter diesen Sheds ein Gebäudeteil befindet. Dass sich dieser jedoch vier Geschosse tief in die Erde gräbt, bleibt ihm verborgen. Ein gläserner Tunnel, rechtwinklig zum Hauptgebäude angeordnet, führt durch einen mit Bäumen bepflanzten Hof hinunter zur Eingangslobby. Von dort aus ist jenseits des Innenhofs das Herzstück der Bibliothek zu sehen, der 5850 m² große Lesesaal. Dieser bietet Ausblicke in den pittoresken Innenhof; das durch die Oberlichter einfallende Sonnenlicht schafft eine angenehme Atmosphäre. Der Raum ist durch seine Größe flexibel gestaltbar, kann somit auf sich wandelnde Anforderungen durch das steigende elektronische Informationsangebot reagieren. Im rückwärtigen Teil stehen Bücher und Zeitschriften für den Freihandzugriff. Der Großteil der Schriftstücke allerdings lagert in Magazinen tief unter der Erde, hermetisch abgetrennt, klimatisiert, feuchtereguliert und für den Besucher nicht zugänglich. Das Hauptgebäude, ein gläserner Riegel mit einer 80 cm dicken Doppelfassade, beherbergt die Verwaltung. Auf dessen Dach befindet sich ein Garten, der von der längs gerichteten Cafeteria aus zugänglich ist. Ein Auditorium, Seminar- und Leseräume liegen ebenfalls in diesem Gebäudeteil, jedoch im ersten Untergeschoss. Sie orientieren sich zu einem Atrium, durch das auch der Innenhof zu sehen ist. Dank der vielen Blickbeziehungen kann sich der Besucher trotz der Größe des Gebäudes gut orientieren – ein Aspekt, der auch im Hinblick auf Sicherheit maßgeblich war. Die Entflechtung der Gebäudeteile entsprechend ihrem Inhalt sowie ihre klare Anordnung lassen die Nationalbibliothek nicht monumental erscheinen; monumental ist nur ihre Sammlung an Schriftstücken.

Nationalbibliothek in Kansai
© Koutaro Hirano