Das zeigt sich nicht zuletzt auch beim deutschen Beitrag auf der diesjährigen Architektur-Biennale in Venedig: Die Generalkommissare Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis thematisieren den Kanzlerbungalow als Inbegriff moderner deutscher Architektur. Mit dem von Rem Koolhaas für die Länderpavillons vorgegebenen Thema »Absorbing Modernity: 1914 –2014« liegt das 1964 errichtete Gebäude zudem exakt in der Mitte dieser Zeitspanne (s. S. 574ff.
In München geboren und aufgewachsen, studierte Sep Ruf von 1926 bis 1931 an der damaligen Technischen Hochschule Architektur. Anschließend machte er sich mitten in der großen wirtschaftlichen Depression selbstständig und konnte sich trotz politisch reaktionärer Kräfte und gravierender baulicher Beschränkungen mit dem Bau zahlreicher Einfamilienhäuser sowie mit Siedlungsplanungen und Wettbewerbserfolgen schnell als moderner Architekt etablieren. Bereits seinen frühen Entwürfen liegt das »naturverbindende Bauen« als Leitidee zugrunde: weit geöffnete, lichtdurchflutete und zur Sonne orientierte Räume, eingebettet in die umgebende Landschaft. Aufgrund seiner politischen Integrität während der Zeit des Nationalsozialismus konnte Ruf nach 1945 im Nachkriegsdeutschland schnell wieder Fuß fassen. In einer Zeit als die meisten Architekten noch arbeitslos waren, betrieb er bereits wieder ein gut gehendes Architekturbüro und nahm aktiv an den Diskussionen um den deutschen Wiederaufbau teil. 1950 gewann er den Wettbewerb für die Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, die heute zu den herausragenden Bauten der frühen Nachkriegsmoderne gezählt wird (Abb. D).
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands nahm Rufs Schaffen einen eindrucksvollen Umfang an. Wenn er in einem historischen Umfeld plante, wie beispielsweise bei der Münchner Neuen Maxburg, suchte er einen modernen architektonischen Ausdruck im Einklang mit Ort, Geschichte und Tradition. Bei Bauten mit repräsentativer Funktion hingegen schuf er durch eine spezifische Materialität und gezielte Transparenz immer wieder eine deutliche Abgrenzung zur vorangegangenen deutschen Geschichte: Von den offenen Gerichtssälen in der Neuen Maxburg, die das Gegenstück zum gegenüberliegenden monumentalen Justizpalast bilden, in dem nur wenige Jahre vorher zahllose Justizverbrechen begangen worden waren, bis zum Wettbewerbsbeitrag für das Haus der Bürgerschaft in Bremen, bei dem Ruf einen aufgeglasten Kubus für die Stadtpolitiker mitten auf den Markt stellen wollte, um das politische Geschehen buchstäblich öffentlich und mit Mitteln der Architektur transparent zu machen.
Rufs Aufstieg zu einem der renommiertesten deutschen Architekten lässt sich ab Mitte der 1950er-Jahre an seinen großen repräsentativen Bauaufgaben aufzeigen. Als einziger bayerischer Architekt wurde er zur Teilnahme an der Interbau 1957 in Berlin aufgefordert, die als Manifest für den »demokratischen« Wiederaufbau nach Nationalsozialismus und Kriegszerstörung konzipiert war. Als Deutschland dann wieder an einer Weltausstellung teilnehmen durfte, präsentierte sich die BRD in Brüssel 1958 mit den gläsernen Pavillonbauten von Egon Eiermann und Sep Ruf. Die Konzeption verweist auf die Nürnberger Akademie: Die leichten, »schwebenden«, filigranen Bauten mit offenen Räumen und fließenden Übergängen zur Umgebung vermittelten den Besuchern das Gefühl eines friedlichen Beisammenseins und dienten als Demonstration eines gewandelten Deutschland, denn zuletzt hatte sich NS-Deutschland mit dem monumentalen Bau von Albert Speer auf der Weltausstellung in Paris 1937 präsentiert. Die internationale Moderne als neue Heimat der Deutschen, dies war die Botschaft der Brüsseler Pavillons.
1963 erhielt Sep Ruf von Vizekanzler Ludwig Erhard, für den er am Tegernsee ein Wohnhaus neben seinem eigenen Haus errichtet hatte (Abb. C), den Direktauftrag zum Bau des Wohn- und Empfangsgebäudes des Bundeskanzlers in Bonn (Abb. A, B). In das Palais Schaumburg, das Bundeskanzler Konrad Adenauer nutzte, wollte Erhard nach der im Herbst zu erwartenden Kanzlerwahl nicht einziehen, da die spätklassizistische Villa seiner Meinung nach für Empfänge nicht geeignet war.
Im weitläufigen Park des Palais Schaumburg war schnell, auf einer zum Rhein hin abfallenden Wiese, ein Bauplatz gefunden (Abb. E). Noch während der Amtszeit Adenauers legte Ruf im Mai 1963 erste Entwürfe vor und als diese im Sommer in der Öffentlichkeit bekannt wurden, hatte das Projekt »Wohnhaus Bonn« längst das Entwurfsstadium verlassen und befand sich mitten in der Ausführungsplanung. Erst am 15. Oktober 1963, am Tag von Adenauers Rücktritt, wurde Sep Ruf offiziell mit der Erstellung der Entwurfsunterlagen beauftragt. Bereits einen Tag darauf nivellierte eine Planierraupe das Gelände und wenige Tage später wurde mit den Bauarbeiten begonnen. Als erste Angaben zu den vom Bundesschatzministerium ermittelten Kosten in Höhe von 2,3 Millionen DM bekannt wurden, standen der »Maßhalte-Kanzler« und sein Architekt heftig in der Kritik. Die Berichte in der Presse heizten die Diskussionen an und brachten dem Bau Spottbezeichnungen wie »Ludwigslust« oder »Palais Schaumbad« ein. Ruf erarbeitete daraufhin eine reduzierte Planung für eine Bausumme von 1,85 Millionen DM. Die Endabrechnung belegte dann sogar eine Einsparung von 19.000 DM.
Am 5. Mai 1964 wurde unter Ausschluss der Presse das Richtfest gefeiert und nach nur einem Jahr Bauzeit erfolgte am 12. November 1964 die Schlüsselübergabe an Ludwig Erhard. Dessen Identifikation mit der Architektur war so stark, dass er bei der Eröffnung erklärte: »Sie lernen mich besser kennen, wenn Sie dieses Haus ansehen, als etwa, wenn Sie mich eine politische Rede halten sehen.
In Entsprechung zu den beiden Funktionen »Wohnen« und »Begegnen« gliedert sich das Gebäude in zwei quadratische, gegeneinander versetzt angeordnete, eingeschossige Atriumbauten von 20 und 24 Metern Seitenlänge (Abb. B). Der kleinere, niedrigere, weitgehend mit Klinkermauerwerk geschlossene Baukörper enthält die Privaträume des Bundeskanzlers, die auf einen Innenhof mit Schwimmbecken ausgerichtet sind. Im Gegensatz zum introvertierten Wohnbereich öffnet sich der größere und höhere Pavillon, der Empfängen und Besprechungen vorbehalten war, mit geschosshohen, verschiebbaren Glaswänden zum Park. Die fließend angelegten Raumfolgen ließen sich durch Versenk- und Schiebewände verschiedenen gesellschaftlichen Anlässen anpassen (Abb. G).
Für den Bau wählte Ruf eine Stahlkonstruktion, da sich eine Montage am besten für eine schnelle Fertigung eignete. Zusammen mit dem Tragwerksplaner Georg Lewenton, der schon bei der Planung der Brüsseler Pavillons beteiligt war, wurde das Tragwerk entwickelt: Auf einem Untergeschoss aus Stahlbeton erheben sich filigrane Stahlstützen, die eine zwei Meter weit auskragende Dachkonstruktion tragen (Abb. H). Die schwebende Wirkung des Daches wird durch eine matt schwarz gestrichene umlaufende Verblendung aus Stahlblech unterstützt. Die transparente Außenhaut mit Aluminiumrahmen, Hebeschiebetüren und »Thermopane«-Isolierverglasung ist ein frühes Beispiel dieser Konstruktionsweise. Durch die abgehängte Deckenverkleidung mit Holzriemen aus brasilianischer Kiefer und den ringsherum schwellenlosen Zugang zum Haus erscheint die Fassade rahmenlos. Ruf entwarf auch einen großen Teil der Inneneinrichtung selbst und stattete den Bungalow mit edlen Materialien wie Travertinböden und Palisanderwänden sowie mit klassisch modernem Mobiliar aus der Herman Miller-Collection aus. Auf Anregung des Architekten wurden im Park – wie beim Pavillon in Brüssel – die Skulpturen »Maternitas« von Fritz Koenig und der »Figurenbaum« von Bernhard Heiliger aufgestellt. Die »Drei Stelen« und der »Rundling« von Paul Dierkes vervollständigen das Ensemble (Abb. K).
Obwohl Erhards äußere Erscheinung eine eher bürgerlich-konservative Haltung hätte vermuten lassen, förderte er mit großer Konsequenz und wie bislang kein anderer deutscher Regierungschef moderne Architektur. Auf dem langen Weg zu einer allmählichen Akzeptanz moderner Wohnformen in Deutschland spielte der Bonner Bungalow mit seinem Flachdach, sichtbaren Stahlstützen, weiten Öffnungen ohne Sturz, versenkbaren Trennwänden und Einbauschränken eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Der Bungalow (vom indischen »bangla«), ursprünglich ein mit einfachen Materialien errichtetes Landhaus, knüpft an die Bauform der Hofhäuser an, die Ludwig Mies van der Rohe und Ludwig Hilberseimer am Bauhaus vielfach behandelt und bei Bauausstellungen gezeigt hatten. Die dann auch in den USA verbreiteten kompakten Atriumhäuser waren zum einen hinsichtlich Erschließung und Umgang mit Grund und Boden besonders ökonomisch und boten zum anderen individuelle Gestaltungsmöglichkeiten. In den 1950er-Jahren wurde der eingeschossige Bautyp zum Sinnbild für einen modernen Lebensstil und zur Wohnform der aufstrebenden Mittelklasse. Der Bungalow vermittelte nicht nur das Gegenbild zur heimattümelnden Blut- und Boden-Ideolologie, sondern entsprach ganz der politischen Westbindung der Bundesrepublik. Auch Ruf hatte unter anderem mit dem Atriumhaus für Wilhelm Helwig im hessischen Treysa (1958) den Typus weitergeführt.
Der Kanzlerbungalow stand mit seiner eleganten modernen Erscheinung und dem Verzicht auf jegliches Pathos auch für eine neue, demokratische Form der Repräsentation. Die Idee fließender Räume basierte auf dem von Ludwig Mies van der Rohe für das Deutsche Reich auf der Weltausstellung 1929 in Barcelona errichteten Ausstellungspavillon, der im Rückblick die Weimarer Republik repräsentierte. Dessen offenes Raumkonzept diente nun als architektonische Anknüpfung an die erste Demokratie in Deutschland und als Leitbild für die Bonner Demokratie. Der Bungalow setzte sich von den herkömmlichen architektonischen Formen und der damit verbundenen Pflege eines Staatszeremoniells ab und ist bis heute eine der ganz wenigen in moderner Formensprache errichteten politischen Residenzen weltweit.
Vielen Kritikern erschienen die modernen Formen jedoch als nicht angemessen, der Bungalow wurde zum Politikum und entfachte eine Diskussion über moderne Architektur und Staatsrepräsentation, wie sie in Deutschland seit dem Bau des Reichstags nicht mehr geführt worden war.
Nicht zuletzt die Identifikation Erhards mit »seinem« modernen Kanzlerbungalow führte zu vielfach nur politisch motivierten Kon-troversen um den Bau, die dann aber den Architekten trafen. Als Erhard sein Amt an Kurt Georg Kiesinger abgeben musste, nutzte Altbundeskanzler Konrad Adenauer, der seinerseits hatte Erhard weichen müssen, die Gelegenheit, um durch Sottisen gegen den Bau den gehassten Parteifreund zu treffen. Auf seiner Geburtstagsfeier bedauerte Adenauer Kiesinger, dass er nun in den Bungalow einziehen müsse und lästerte: »Ich fürchte, der brennt nicht mal, da kann kein Mensch drin wohnen. ] ich weiß nicht, welcher Architekt den Bungalow gebaut hat, aber der verdient zehn Jahre.
Die nun folgenden Auseinandersetzungen über den Geschmack und die Geschmacklosigkeit von Politikern wurde weitgehend auf dem Rücken Rufs ausgetragen, der wie kein anderer deutscher Architekt in persönliche Diffamierungskampagnen hineingezogen wurde. Der Deutsche Werkbund und viele Kollegen bezogen daraufhin für Ruf Stellung. Walter Rossow und Egon Eiermann sahen eine Architektur bedroht, die zwar im Ausland allgemeine Anerkennung fände, aber in Deutschland verhöhnt und lächerlich gemacht würde.
Die weitere Geschichte des Umgangs mit dem Kanzlerbungalow ist auch ein Spiegel der ästhetischen Befindlichkeit der Kanzler der Bundesrepublik. Kurt Georg Kiesinger ließ das Haus durch die Stuttgarter Innenarchitektin Herta-Maria Witzemann umbauen. Sie gestaltete das Speisezimmer zum Wohnraum um, ließ die Herman-Miller-Möbel entfernen und erweiterte die einstige Essdiele durch Abbruch der Trennwand um das benachbarte Gästezimmer. Die mit Holz vertäfelten Wände wurden weiß gestrichen und die unverkleideten Stahlstützen tapeziert. Willy Brandt ließ davon einiges wieder entfernen, bezog aber den Bau nicht, und erst unter Helmut Schmidt wurde der ursprüngliche Zustand teilweise wieder hergestellt.
Helmut Kohl bewohnte dann 16 Jahre den Bungalow. Um Erhards Kanzlerbungalow nach seinem Geschmack »gemütlicher« zu gestalten, ließ er Orientteppiche, Sesselgarnituren und Gardinen anschaffen und im Speisezimmer eine opulente Deckenbeleuchtung anbringen. Als sein Nachfolger im Amt, Gerhard Schröder, den repräsentativen Teil gelegentlich für Arbeitsgespräche nutzte, musste Kohl den Bungalow fast zwangsweise räumen.
Instandsetzung 2006 – 2009
Der seit dem Regierungsumzug 1999 nach Berlin leerstehende Kanzlerbungalow wurde 2001 unter Denkmalschutz gestellt. 2005 nahm die Wüstenrot Stiftung das Gebäude in ihr Denkmalprogramm für die Erhaltung herausragender Bauten der Moderne auf und nach einer 2006 erfolgreich durchgeführten Machbarkeitsstudie begann 2007 die bauliche Instandsetzung durch die Architekten Burkhardt + Schumacher, Braunschweig. Nach über vierzig Jahren gaben die seinerzeit eingesetzten Materialien keinen erkennbaren Anlass für eine durchgreifende Erneuerung, sodass Reparaturen und Erhaltungsmaßnahmen im Hinblick auf eine denkmalverträgliche und bautechnische Instandsetzung von den Architekten durchgeführt werden konnte. Aufgrund der geringen Schäden, wie altersbedingte Verschleißerscheinungen, wurde für die Sanierung der Stand der Bautechnologie der 1960er-Jahre als baukonstruktiv schützens- und denkmalpflegerisch erhaltenswert zugrunde gelegt.
Die 40 Millimeter dicke Korkisolierung des Warmdaches konnte durch 100 mm Styropor verbessert werden, ohne die Höhe des umlaufenden Stahlbandes an der Traufe zu beeinträchtigen. Trennbänder zwischen den Stahlblechen und ihren Halterungen wurden eingefügt, um die beginnende und teilweise fortgeschrittene Kontaktkorrosion zukünftig zu vermeiden. Eine Überholung der Gebäudetechnik war unumgänglich, die Heiz- und Lüftungsanlage wurde vollständig erneuert sowie die Elektroinstallation überprüft. Die neue Lüftungsanlage unterstützt die unter den Travertinplatten verlegte noch intakte Fußbodenheizung. Die Aluminiumprofile ohne thermische Trennung der mit »Thermopane« verglasten Schiebefenster und feststehenden Flügel wurden belassen und nicht aus energetischen Gründen verbessert. Die den Innenbereich mit den Vordächern verbindende Holzlamellendecke musste restauratorisch aufgearbeitet werden.
Eine besondere Herausforderung lag im Umgang mit den baulichen Veränderungen durch die wechselnden Bundeskanzler. Es bestand Einvernehmen, wesentliche Bereiche der Architektur auf den ursprünglichen Originalzustand von 1964 zurückzuführen, doch wurden auch den Eingriffen während der Amtszeit von Helmut Kohl wie auch der Umgestaltung unter Kurt Georg Kiesinger eine zeitgeschichtliche Bedeutung beigemessen: Speisezimmer und Kamindiele mit den raumprägenden Deckenleuchten und den Möbeln aus der Ära Kohl blieben deshalb belassen. Empfangsraum und Musikzimmer wurden in den Zustand von 1964 zurückversetzt und die hydraulische Versenkwand reaktiviert sowie die bauzeitliche Beleuchtung mit Downlights und frei im Raum aufgestellten textilen Stehleuchten wiederhergestellt (Abb. L). Die Räumlichkeiten im privaten Gebäudeteil blieben unverändert, das Schwimmbad wurde stillgelegt.
Im Außenbereich musste der Terrassenbelag und die Markisen instandgesetzt werden. Die 1977 während des »Deutschen Herbstes« auf der Rheinseite errichtete Schutzwand aus Panzerglas blieb als zeitgeschichtliches Dokument erhalten, während die 1991 zusätzlich ergänzten Schutzscheiben rückgebaut wurden, um eine durchgängige Beziehung zwischen Innen- und Außenraum wiederherzustellen.
Der Verzicht auf pompöse Selbstdarstellung und die weltoffene Haltung machen den Kanzlerbungalow zu einer Ikone der deutschen Nachkriegsarchitektur. Wenn sich am 12. November 2014 zum 50. Mal die Eröffnung jährt, kann der Bau auch an die Forderung Adolf Arndts erinnern, dass »das Bauen in der Demokratie andersartig sein muss«.1






