Von außen lässt sich die hohe gestalterische Qualität des Fünf-Sterne-Hotels zunächst nicht erahnen. Schon die Lage an der zwölfspurigen Ausfallstraße »Avenida América« am Stadtrand von Madrid erscheint für ein Hotel dieser Preisklasse fragwürdig. Und das Hochhaus selbst wirkt wie ein in die Höhe geschossenes Zirkuszelt: Jean Nouvel hat die Fassade mit einer PVC-Folie in Regenbogenfarben überzogen, die punktuell mit überdimensionalen Schriftzügen versehen ist (Abb. 1). Aber immerhin: Unter der grauen Vorstadtbebauung fällt das Hotel Puerta América auf.
Während die äußere Hülle geradezu nach Aufmerksamkeit lechzt, gibt sich der Eingang erstaunlich geschlossen. Durch zwei Schlitze betritt man das Gebäude wie durch eine Schleuse. In der Lobby offenbaren sich erstmals die gestalterischen Ambitionen des Bauherrn. Hier hat John Pawson mit Sandstein und hölzernen Lamellen ein helles, luftiges Ambiente geschaffen (Abb. 3), das in verschiedene Bars und Restaurants überleitet. Vier gläserne Panoramaaufzüge an der Außenseite der Fassade führen nach oben in die 342 Zimmer und Suiten.
Spätestens in den zwölf Schlafetagen wird das Konzept der Gestaltungsvielfalt deutlich: Bereits die Flure sind so verschieden, dass man sich in unterschiedlichen Gebäuden wähnt. Mal stülpen sich die Bäder bauchig nach außen (Abb. 4), mal verschluckt Nachtschwarz jedes Licht. Der vierte Stock gleicht gar einem Spiegelkabinett: Die jungen Designer von Plasma Studio haben alle horizontalen und vertikalen Flächen in Dreiecke zerlegt, räumlich gefaltet und mit Edelstahl verkleidet.
Mit ihrem interaktiven Konzept in künstlichem Retro-Ambiente geht die schottische Architektin Kathryn Findlay in der neunten Etage noch einen Schritt weiter: Die Leuchtpunkte in der weißen Fiberglaswand reagieren nicht nur auf die Bewegung des Vorübergehenden, sondern nehmen sogar die Farbe dessen Kleidung an: Unsichtbar installierte Minikameras filmen das Geschehen und geben die Farbinformation an LEDs weiter.
Ob klinischweiß oder feuerrot – auf allen Etagen bilden die Flure den verheißungsvollen Auftakt zu den Schlafräumen. Den ersten Stock hat Zaha Hadid in eine futuristisch anmutende 3-D-Landschaft verwandelt: Boden, Wand und Decke scheinen ineinander zu fließen; Bett, Schreibtisch und Sessel wachsen aus dieser Landschaft heraus. Auch das Badezimmer wirkt wie die Negativform einer Skulptur ohne Ecken und Kanten. Im Gegensatz zu den entweder in Weiß oder Schwarz gehaltenen Zimmern verträgt es auch mal Farbe (Abb. Umgesetzt wurde das fließende Raumkonzept mit einem thermisch verformbaren Mineralwerkstoff, der sich auf eine Unterkonstruktion aus MDF-Platten stützt. Die einzelnen Segmente wurden vorgefertigt, vor Ort verklebt und geschliffen, sodass die Fugen kaum sichtbar sind. Dank seiner Flexibilität kam das Material auch in sieben weiteren Etagen zum Einsatz. Ron Arad etwa hat mit diesem Kunststein ein raumgreifendes Möbel geschaffen, das Bett, Schreibtisch, Schrank, Waschbecken und WC zusammenfasst.
Im Gegensatz zu den organischen Bewegungen seiner Kollegen setzt David Chipperfield auf klare geometrische Formen. Ein schwarzer Boden aus kleinen Terrakotta-Fliesen, weiße Wände und schwarze, schlichte Möbel schaffen ein zurückhaltendes Ambiente, das Ruhe ausstrahlt. Nur der blaue Baldachin über dem Bett setzt einen Akzent. Ähnlich entspannend wirken die in Schwarz gehaltenen Zimmer von Arata Isozaki, wo mit Stoff bezogene Holzgitter und die hölzerne, kubische Badewanne an traditionelle japanische Architektur erinnern.
Alles in allem haben die Architekten unterschiedlichste, in sich geschlossene Welten geschaffen, die verschiedene Geschmäcker und Vorlieben bedienen.
Auch wenn nicht alle beteiligten Architekten das hohe gestalterische Niveau halten konnten, so ist das Hotel Puerta América mit Sicherheit eine Übernachtung wert. Gerade in dieser Größenordnung hebt es sich positiv von der Masse der Hotels ab. Eigentlich ist nicht nur ein Hotel entstanden, sondern gleich zwölf unter einem Dach. Ein virtueller Rundgang auf der Homepage hilft bei der Wahl der Etage. Wer allerdings alle Raumkonzepte live erleben möchte, muss schon etwas Zeit (und Geld) investieren.
Ob die Designexperimente auch den praktischen Anforderungen der Gäste genügen, wird der Hotelbetrieb zeigen. Ron Arad meint jedenfalls: »Wer sich wie zu Hause fühlen will, sollte auch zu Hause bleiben.






