Kritisch betrachtet: Parkhotel Hall in Tirol

Das vormalige Turmhotel Seeber von Lois Welzenbacher in seiner grafischen Formensprache und abstrakten Schönheit hatte seinen »idealen Zustand« in Fotografien gefunden. Die Sorgfalt, mit der die Aufnahmen unter der Anleitung des Architekten komponiert und schließlich von Fallrohren und ähnlichen Gewöhnlichkeiten in akribischer Retusche befreit wurden, stilisierten das Gebäude zum Modell, zum fotogenen »Bildergenerator«. Die Dramaturgie des Wegs durch das Gebäude findet ihre eindrücklichen Endpunkte auf der Dachterrasse und in den Auskragungen der Balkone, die nicht nur das Alpenpanorama inszenieren, sondern auch den Blick auf das Gebäude selbst. Während sich die Bilder als Ikonen der österreichischen Moderne manifestierten, hatten verschiedene Umbauten das bauliche Referenzobjekt entstellt. Doch es sollten Bilder sein, die den in Wien tätigen Tiroler Architekten Henke und Schreieck schließlich seine Wiederherstellung ermöglichten, denn Welzenbachers Planarchiv in seinem Münchner Wohnhaus war in den Kriegsjahren zerstört worden. Das Gebäude, 1930/31 als Sporthotel errichtet, war nur in der warmen Jahreszeit in Betrieb und hatte einen spartanischen Servicebereich, in den man durch die lang geschwungene Gartenmauer gelangte. Mit der Grundfläche eines Einfamilienhauses (etwa 11 x 14 m) bot es gerade Platz für Portierloge, Telefonzelle, Treppenhaus, ein kleines Büro sowie den jetzt wieder hergestellten kleinen Frühstücksraum mit Blick auf den Stadtgarten. Seine turmartige Form hatte eigentlich wirtschaftliche Ursachen. Zwar in voller Höhe, aber mit knapper Grundfläche entstanden, war die Möglichkeit einer Verlängerung an der balkonfreien Nordwestseite vorgesehen. Die seit 1950 von fremder Hand durchgeführten An- und Umbauten setzten jedoch an der gegenüberliegenden Fassade an und mit der Demontage des Flugdachs und der Auskragungen führte dies schrittweise zur Entstellung seiner wesentlichsten Ideen. 1997 stand schließlich der Abbruch des von der Stadt für die Realisierung eines Hotelprojekts erworbenen Gebäudes zur Diskussion. Erst durch die Initiative einiger Architekten begannen intensive Gespräche mit der Stadt. Schließlich wurden ein Symposium und ein Architekturwettbewerb für die Restaurierung und Erweiterung des Parkhotels durchgeführt. Funktionelle Bedenken der Betreiber führten jedoch zu einer Überarbeitung des 1. Preises, in dessen Folge auch das zweitgereihte Projekt von Dieter Henke und Marta Schreieck zugezogen wurde. Die korrekterweise neuerlich einberufene Jury empfahl schließlich den Entwurf von Henke/Schreieck 2001 zur Realisierung, der angesichts diverser Unwegbarkeiten in der Sanierung des Altbestandes in sehr kurzer Bauzeit und unter Zeitdruck im Mai 2003 fertig gestellt wurde. So kompromisslos die äußere Hülle samt Fensterflächen wieder hergestellt werden konnte, ergaben sich durch Sicherheitstechnik und Einrichtungsstandards Grenzen der Rekonstruktion. Eine zeitgemäße Ausstattung der Zimmer wurde durch eine klug organisierte Zusammenlegung von 7 auf 5 Zimmer pro Stockwerk bewerkstelligt. Für deren Ausstattung hätte aber nur ein radikaleres Marketingkonzept eine größere Annäherung an die zweifellos historische Ästhetik der Moderne gebracht. Dafür begeistert das wundervoll wieder hergestellte Treppenhaus – ein abstraktes Raumkunstwerk in Rot und Weiß.

Kritisch betrachtet: Parkhotel Hall in Tirol
© Architektur Aktuell 11/2003, S. 55