Diskussion: »Analoges« Bauen mit lokalen Ressourcen: METI-Schule in Rudrapur, Bangladesch

Bangladesch zählt zu den ärmsten Ländern der Welt − nach Schätzungen der Weltbank lebt mehr als die Hälfte der Einwohner unter der Armutsschwelle, der Großteil davon auf dem Land. Familien haben meist viele Kinder und wenig Grundbesitz, wobei dessen Bewirtschaftung kaum das Nötigste zum Überleben liefert. Daher verwundert es nicht, dass Kindern nur selten der Besuch einer Schule ermöglicht wird. Und selbst wenn: Das bengalische Erziehungssystem konfrontiert sie doch allzuoft noch mit Frontalunterricht, Strenge und dem Rohrstock.

Diskussion: »Analoges« Bauen mit lokalen Ressourcen: METI-Schule in Rudrapur, Bangladesch
© Kurt Hörbst

Im Vergleich dazu wirkt die im Dezember 2005 in Rudrapur, einem Dorf mit 1500 Einwohnern im Nordwesten des Landes, eröffnete METI-Schule wie eine Fata Morgana. Vergleichbar der Montessori-Pädagogik, sollen Kinder und Jugendliche hier Zugang zu ganzheitlich orientierter Bildung erhalten, individuell gefördert und zu »integrierten Persönlichkeiten« herangezogen werden. Zur Verwirklichung des Schulneubaus mit rund 325 Quadratmetern Nutzfläche schloss sich METI (Modern Educational Training Institute) mit der Nichtregierungsorganisation »Dipshikka« sowie zwei deutschen Hilfsorganisationen zusammen. Ebenso bemerkenswert wie das Bildungs- ist auch das Architekturkonzept der Schule. Analog zu den METI-Lehrern, die sich als »Ermöglicher« betrachten und den Schülern Hilfe zur Selbsthilfe leisten, sehen auch die deutschen Architekten Anna Heringer und Eike Roswag ihre Aufgabe in der »Vermittlung und Weiterentwicklung von Wissen und Fertigkeiten«. Obwohl das Schulhaus mit insgesamt sechs Klassenräumen im Wesentlichen aus den traditionell häufig verwendeten Materialien Lehm und Bambus besteht, unterscheidet es sich doch deutlich von der Nachbarbebauung − vor allem in der Ausbildung seines Bambustragwerks und seiner Fundamentierung. So bestand eine der Hauptaufgaben darin, dem von Baumängeln verursachten Problem entgegenzuwirken, dass Lehmhütten oft nur wenige Jahre nach Fertigstellung von den Regengüssen der Monsunzeit weggespült wurden.

Dieses Phänomen war Anna Heringer bekannt, lange bevor sie im Jahr 1999 ihr Architekturstudium an der Kunstuniversität Linz aufnahm und sich zur Realisierung der METI-Schule nach einer Fachtagung »Moderner Lehmbau« mit Eike Roswag zusammentat. Bereits zwei Jahre zuvor hatte sie ein freiwilliges soziales Jahr bei einer Entwicklungshilfeeinrichtung in Bangladesch absolviert und begonnen, sich mit der Lebenssituation der Bevölkerung und integrierten Dorfentwicklungsprogrammen auseinanderzusetzen. Entwurf und Konzeption des zweigeschossigen Schulgebäudes entstanden schließlich im Rahmen ihrer im Jahr 2004 unter dem Titel »School − handmade in Bangladesh« bei Roland Gnaiger vorgelegten Diplomarbeit.

Forschungsprojekte für Studenten

Entwurfsaufgaben in so genannten Dritte-Welt-Ländern sind an den Architekturschulen inzwischen weit verbreitet. Zum einen, weil sich dort zahlreiche ebenso sinnvolle wie kostengünstige Infrastrukturprojekte, Kinder- oder Bildungseinrichtungen verwirklichen lassen. Zum anderen, weil sie den Studenten die Möglichkeit bieten, die Umsetzbarkeit ihrer Entwurfsideen an realen Bedingungen zu überprüfen. Allerdings kam es dabei immer wieder auch zu autistischen Selbsterfahrungsprojekten, deren Architektursprache und Konstruktion die Landestraditionen negiert und bei deren Realisierung es nur am Rande zur Einbindung Einheimischer kam. Dass Anna Heringer anderes im Sinn hat, veranschaulicht ihre derzeit an der TU München entstehende Promotionsarbeit mit dem Titel: »Umsetzungsorientierte Strategie für nachhaltiges Bauen in ländlichen Regionen von Nord-Bangladesch unter Berücksichtigung des endogenen Potenzials«. Mit anderen Worten: Bauliche Hilfsprojekte können keine noch so gut gemeinte Art der Rekolonialisation sein, sondern müssen insbesondere Rücksicht auf die vorhandenen Fähigkeiten der Menschen und örtlichen Ressourcen nehmen.

Wie rund 70 % des Landes ist auch Rudrapur zur Regenzeit größtenteils von Wasser bedeckt und weist einen hohen Grundwasserspiegel auf − Siedlungen und Wege liegen deshalb oft erhöht auf Dämmen und Hügeln. Trotzdem steigt stets Feuchtigkeit in den Lehmhütten auf, der Lehm wird porös und die Tragfähigkeit der Lehmwände lässt nach, was letztendlich zum Einsturz der Häuser führt. Solche Baumängel beruhen aber nicht nur auf der Unkenntnis geeigneter Bautechniken, sondern vor allem darauf, dass die Baumaterialien für dauerhafte Fundamente − etwa gebrannte Ziegel oder Beton − schlicht zu teuer sind.

Um nun dem Problem von aufsteigender Feuchtigkeit wirksam zu begegnen, wurden die 50 cm tiefen Fundamente des Schulneubaus aus gebrannten Ziegeln gemauert und mit einer horizontalen Feuchtigkeitssperre in Form einer zweilagigen PE-Folie versehen. Da weder das Wissen um dieser Bauweise noch das Baumaterial selbst im Dorf vorhanden waren, wurden diese Arbeiten von Handwerkern aus der 20 Kilometer entfernten Bezirkshauptstadt Dinajpur übernommen. Alle anderen Arbeiten haben etwa 30 lokale Handwerker und Tagelöhner ausgeführt, die während der fünfmonatigen Bauzeit eigens in den aus Deutschland und Österreich importierten Lehm- und Bambustechniken geschult wurden. Präzise Ausführungs- und Detailpläne wurden in Deutschland zwar gefertigt, waren jedoch angesichts der bengalischen Analphabetenrate von rund 50 % kaum von Bedeutung.

Lehm und Bambus

Die offenen Lernformen des METI-Schulkonzepts − das selbstständige Lernen ebenso wie das Lernen in der Gruppe − spiegeln sich vor allem im Erdgeschossgrundriss wider. Hinter rund 50 cm starken Lehmwänden befinden sich insgesamt drei Klassenräume für Gruppenunterricht, welche aus einem über den Fundamenten aufgeschichteten Stroh-Lehmgemisch erbaut wurden. In einem ersten Arbeitsschritt und einer Trocknungszeit von einigen Tagen wurde die zähe Masse mit Spaten auf die geplante Wandstärke gestochen, sodass glatte Wandoberflächen entstanden. Vier solcher Arbeitsetappen waren nötig, um die Wände bis auf Höhe der Geschossdecke zu bringen. Wurden die Oberflächen der Innenräume mit Lehmputz und heller Kalkfarbe versehen, blieben die Außenwände unbehandelt. Jedem der drei orthogonalen Klassenräume ist ein schmaler, organisch geformter »Höhlenraum« zum »Zurückziehen, zur Freiarbeit und konzentrierten Einzel- oder Teamarbeit« zugeordnet. Deren Geometrie wurde aus Stroh-Lehmwickeln modelliert, die sich über eine Unterkonstruktion aus Bambus legen. Zugänglich ist die mit einem Putz aus roter Erde überzogene Sitz- und Liegelandschaft über jeweils zwei runde, wulstartig aufgewölbte Schlupflöcher in der Rückwand der Klassenzimmer.

Wirken diese Klassenräume in ihrer lehmigen Massivität nun erdverbunden und schwer, so ist das Obergeschoss mit drei weiteren Klassenräumen für Gruppenunterricht von der Leichtigkeit der aufgesetzten Bambuskonstruktion geprägt − was sich bereits in der Geschossdecke über dem Erdgeschoss abzuzeichnen beginnt. Konstruktiv besteht diese aus einer von den Architekten eigens entwickelten Mischbauweise aus Bambus und Lehm. Zunächst wurde in Haupttragrichtung eine Lage von Bambusrohren aufgelegt. Der Einbau der zweiten Lage erfolgte um 90° gedreht, um die Querverbindung zwischen den einzelnen Trägern zu gewährleisten. Als dritte Lage schließlich dienten parallel zur ersten Lage verlegte, aufgespaltene Bambusrohre, welche − gleich einer verlorenen Schalung − eine flächige Lehmschicht aufnahmen, die heute den Boden zum Obergeschoss ausbildet.

Die Primärkonstruktion des Obergeschosses besteht aus einem in Gebäudequerrichtung aufgestellten Rahmentragwerk. Vierlagig geschichtete Bambusrohrträger liegen jeweils auf einem diagonalen sowie vertikalen Stützenpaar unmittelbar vor der Fassadenebene auf. Sämtliche Knotenverbindungen folgen dabei einem denkbar einfachen konstruktiven Prinzip: Kreuzen sich mehrere Lagen von Bambusrohren, so werden diese zunächst mit einem im Kreuzungsmittelpunkt eingelegten Dübelstab − aufgrund der großen Spannweite aus Stahl − fixiert und anschließend zusammengeschnürt. Ein umlaufender Lehmsockel in Sitzhöhe begrenzt den Raum und hindert die mit der Geschossdecke verbundene Rahmenkon-struktion samt Wellblechdach mit seinem Gewicht zugleich daran, vom Winddruck abgehoben zu werden. Dies ist deshalb wichtig, weil wegen des ganzjährig relativ milden Klimas weitgehend auf Gebäudeabschlüsse etwa in Form von verglasten Fenstern verzichtet wurde − einzige Ausnahme bilden die Holztüren der Klassenräume im Erdgeschoss. Feingliedrige Öffnungsflügel und Wandverkleidungen aus Bambusmatten sowie horizontal gespannte und abends hinterleuchtete Textilbahnen aus Sari-Stoffen lassen das Obergeschoss wie eine repräsentative Bel-Etage erscheinen. Und tatsächlich: Gemäß ihrer baulichen Sonderstellung − die übrigen Gebäude des Dorfs sind eingeschossig − bleiben diese Räume nicht den Aktivitäten der Schule vorbehalten, sondern dienen der Dorfgemeinschaft als Veranstaltungsräumlichkeit.

Nutzung von lokalen Ressourcen

Insgesamt ist mit der METI-Schule ein sozial- und naturverträgliches »analoges« Bauwerk entstanden, bei dem auf baukonstruktive und technische Kapriolen vollständig verzichtet wurde− die technische Gebäudeausstattung etwa beschränkt sich auf wenige Stromleitungen. Seinem Wesen nach ist das Schulgebäude in Rudrapur regional fest verankert und hat somit für lokale Folgeprojekte − etwa die im Rahmen eines Workshops mit bengalischen Architekturstudenten benachbart geplanten Wohnungen − durchaus Vorbildcharakter: hinsichtlich der Konstruktion, der Einbindung lokaler Ressourcen, aber auch hinsichtlich der Kosten. Nach einer Einschätzung von Eike Roswag liegen diese nämlich mindestens 50 % niedriger als bei einem vergleichbaren Ziegelbau. Auf den hohen finanziellen und logistischen Aufwand zur Beschaffung von Materialien wie Beton und Stahl wurde weitgehend verzichtet, nicht zuletzt, weil Geld damit in externe Märkte geflossen wäre anstatt lokale Arbeitsplätze zu schaffen. So verdienten am Bambus vor allem Kleinbauern, während die Lehmwände ohnehin unmittelbar vor Ort herzustellen waren. Geprägt von ähnlichen Prinzipien der Nachhaltigkeit erscheint auch das Farbkonzept. Auf wartungsintensive Farbanstriche fest eingebauter und massiver Bauteile wurde daher verzichtet. Stattdessen entstehen Farbstimmungen insbesondere durch gefärbte Sari-Stoffe, einem Material, das in Bangladesch − dessen Hauptexportartikel Textilien sind − günstig und problemlos erhältlich ist.

Durch die zurückhaltende Architektursprache und die von Anfang an intensiv in die Planung eingebundene Dorfbevölkerung gewähren Anna Heringer und Eike Roswag viel Raum für die persönliche Inbesitznahme durch die Nutzer: »Wir sind davon überzeugt, dass Architektur mehr ist, als das Befriedigen der Bedürfnisse nach Schutz und Geborgenheit. Für uns ist Architektur und Bauen eng verknüpft mit der Schaffung von Identität und Selbstbewusstsein.« Die einzige Ressource, die tatsächlich importiert werden musste, war − neben Spendengeldern − das Wissen um die verwendeten Baukonstruktionen. Im nächsten Schritt wird es für die Einwohner Rudrapurs nun darum gehen, dieses Wissen auch auf andere Projekte zu übertragen. Für einen Prototypen hätte man kaum eine bessere Bauaufgabe finden können als gerade ein Schulhaus.

Architektur
Anna Heringer, Eike Roswag
Standort
Rudrapur (BD)

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