Bericht: Disenny Hub – Sprungbrett in die Zukunft Barcelonas

 - Frank Kaltenbach

Nur auf den nicht aktualisierten Satellitenbildern von Google Earth ist er noch zu sehen: der aufgeständerte Ring der Stadtautobahn, der jahrzehntelang die Plaça de les Glòries Catalanes – den zentralen Platz in Cerdàs Stadterweiterungsplan von 1855 – zum verwahrlosten Abstandsgrün degradierte. In nur wenigen Monaten haben die Abrissbagger vollendet, was jahrelang minutiös unter dem Projektnamen 22@Barcelona geplant wurde: Hier, wo die Avinguda Diagonal die Gran Via de les Corts Catalanes schneidet, ist ein Park im Entstehen, der ähnlich dem Central Park in Manhattan zur grünen Lunge und zum kulturellen Treffpunkt der dicht bebauten Rasterstadt avanciert. Den unübersehbaren Startschuss für die Umstrukturierung des Stadtteils Poblenou gab 2004 der 142 Meter hohe kristalline Büroturm Torre Agbar von Jean Nouvel, der die Stadtsilhouette beherrscht und zurzeit in ein Fünf-Sterne-Hotel umgebaut wird. 2009 folgte das Museo Can Framis von BAAS arquitectura mit herbem Sichtbetoncharme und ein Jahr später das gegenüberliegende Media-ICT-Gebäude von Enric Ruiz-Geli mit seinen in grüne Stahlkonstruktionen gespannten ETFE-Folienkissen. Mit dem Disenny Hub zwischen Torre Agbar und den heiter verkippten Spiegeldächern des beliebten Flohmarkts Encants (2014) an der Südecke der Plaça wurde nun der dominierende Baustein wie die Perle in eine Fassung gesetzt. Auf 30.000 Quadratmetern werden hier vier Designinstitutionen, eine Stadtteilbibliothek und ein Restaurant für urbanes Leben sorgen. Der Name Disenny hat nichts mit Disney zu tun und selbst viele Spanier tun sich mit der Aussprache schwer. Das katalanische Wort wird »Disenj« ausgesprochen, was sich fast so anhört, wie das englische »Design«. Nur ein Viertel der Baumasse durfte laut der Wettbewerbsausschreibung 2001 oberirdisch in Erscheinung treten, der 160 Meter lange, zur Hälfte eingegrabene Gebäude-riegel für Wechselausstellungen und Verwaltung wird mit seinen Dachterrassen und einer Reihe verglaster Oberlichtlaternen zur Topografie des Parks. Den 30 Meter hohen Aufbau haben die Architekten um den 90-jährigen Oriol Bohigas als visuellen Abschluss in die Blickachse der mittigen Avenida Avila gerückt, was erst voll zur Geltung kommen wird, wenn die flankierenden Brachflächen als Platzrand bebaut sein werden. Als dialektischer Kontrast zu den sich im Himmel auflösenden Rundungen des glitzernden Torre Agbar streckten sie den scharfkantigen, mit stumpfem Zinkblech verkleideten Stahlbetonbau durch die bis zu 30 Meter auskragenden Stahlkonstruktionen des Auditoriums und der Dachterrasse in die Horizontale. Passanten können den Höhenunterschied von sieben Metern zwischen dem Wasserbecken und der erhöhten Plaça de les Glòries mitten durch das Gebäude überwinden. In die Kunstlichträume der Dauerausstellung führt ein angedockter Erschließungsturm mit signalgelben Wänden und technoiden Rolltreppen. Von neuen Materialien und modernem Industriedesign über historisches Kunsthandwerk mit einer barocken Holzkutsche und Picassos handbemalter Keramik reichen die Exponate unter der neutralen Lichtdecke. Die satten Farben der kulturkritisch aufbereiteten Modenschau durch die Jahrzehnte und die katalanische Plakatkunst erstrahlen vor schwarzem Hintergrund. Den Entstehungsprozess des berühmtesten Designprojekts Kataloniens sieht man jedoch nur aus der Ferne: die Baustelle der Sagrada Familia.

Bericht: Disenny Hub – Sprungbrett in die Zukunft Barcelonas
© Lourdes Jansana