- Emilia Margaretha
Seit den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg blieb die städtebaulich prominente Fläche gegenüber dem Leipziger Rathaus unbebaut. Der neue Kirchenbau füllt nun das gesamte dreieckige Grundstück aus und bildet mit seinen klaren Kanten den Auftakt für die weitere Entwicklung der südlich und östlich anschließenden Brachen zu urbanen Stadträumen. Der Turm markiert mit dem gegenüberliegenden Rathausturm eine Torsituation am sechsspurigen Martin-Luther-Ring. Als Gegenpol ist der Kirchenraum zum Wilhelm-Leuschner-Platz orientiert, um diese weite Freifläche als hohe Platzwand zu rahmen. Zwischen den beiden Hochpunkten ist der Pfarrhof eingeschnitten, als neuer zentraler Ort der Begegnung. Trotz der massiven Erscheinung ist der Bau offen und durchlässig. Über die Zugänge zum Pfarrhof spannen brückenartige und auskragende Bauteile, die als wandartige Träger der fugenlosen Stahlbetonkonstruktion ausgebildet sind. Die dauerhafte Gebäudehülle aus Naturstein ist Bestandteil eines komplexen Nachhaltigkeitskonzepts einer »autarken Kirche«. An sonnigen Tagen bringt natürliches Streiflicht die horizontal geschichteten, unterschiedlich weit vorstehenden Steinschichten mal als subtiles Muster, mal als haptische Kruste zum Vorschein und lässt die eingemeißelten Buchstaben »ST · TRINITATIS« wie aus dem nichts aufleuchten. Kurz nach Sonnenuntergang dagegen scheint der Rochlitzer Porphyrtuff in roséfarbenen Pastelltönen wie ein homogenes Volumen nachzuglühen (s. S. 730 ff.Die Innenräume bilden in ihrer archaisch-kargen Ausgestaltung einen Gegenpol zum hektischen Treiben der Stadt, das sich durch die geschosshohe Verglasung des Gemeindesaals wie auf einer Leinwand abspielt. Bei der entsprechenden ebenerdigen Verglasung des Kirchenraums wird diese Transparenz eines Schaufensters durch das künstlerisch gestaltete Kirchenfenster gefiltert, durch das die Beleuchtung in den Straßenraum ausstrahlt. Mit seiner lichten Höhe von 14,50 Metern ermöglicht der Kirchenraum eine transzendente Raumerfahrung, die durch das Oberlicht über der Altarwand in 22 Metern Höhe noch intensiviert wird.
