Zeit und Raum genießen, sich ungezwungen austauschen bei einem heißen Getränk: Die Kaffeehauskultur ist eine Geschichte mit langer Tradition und fest verankerter Bestandteil im Wiener Alltag. Südlich des neuen Hauptbahnhofs zeigt Wien gerade ein deutlich weniger lokal geprägtes Gesicht: Im neu entstehenden Sonnwendviertel verhält sich der städtische Expansionsbedarf eher konform zum mitteleuropäisch ausgerichteten architektonischen Mainstream. Umso überraschender ist es, fußläufig gerade einmal fünf Minuten vom Bahnhof entfernt, in einer Hotellobby zu landen, die den Bezug zur Stadt nicht nur verspricht, sondern mit lässig vorgetragener Nonchalance optisch und atmosphärisch ganz unmittelbar herzustellen und zeitgemäß zu interpretieren vermag. Traditionsbewusste Modernität ist im familiär geführten Hotel Schani Programm. Was liegt näher als eine Zusammenarbeit mit den Architekten und Designern von archisphere, die neben langjähriger Expertise im Bereich Hotelarchitektur eine Designhaltung mitbringen, »die sich aus der Identität des Ortes und der lokalen Gesellschaft ableitet«. Maßgefertigte Möbel und die ungewöhnliche Verwendung ortstypischer baulicher Elemente stehen für ihren Ansatz, Hotels »ohne Schablone« zu entwerfen. So erhält die Bassena, ein Wasserbrunnen, eine objektartige Rückwand aus poliertem Messing; das als Raumteiler konzipierte Greißlerregal wird als blickdurchlässiger Tante-Emma-Setzkasten inszeniert. Der spielerische Umgang mit hochwertigen Materialien und deren Kombination mit baukastenartigen Möbeln aus Sperrholz genügt einerseits dem Anspruch eines kostengünstigen Budget-Hotels. Im selben Zuge gelingen Verweise zur lokalen Kultur, die über bloße Zitate hinausreichen. Den Charme der noch häufig im Wiener Altbau anzutreffenden Aufputzwasserleitung übersetzen archisphere in ein durchlaufendes Motiv für die Lobby: Standardrohre aus dem Baumarkt verwandeln sie in gelb lackierte Hängeregale, Tischgestelle für das Frühstücksbuffet oder in einen konstruktiven Unterbau für eine gemütliche Sitznische mit Kaffeehaustisch am Fenster. Matt glänzende Oberflächen aus Messing finden sich auch an der zentral positionierten Bar — die zudem als Rezeption fungiert — und an einer Wand aus mobilen Trennelementen. Außerhalb der Essenszeiten verhüllt sie das rückwärtige Buffetregal und bildet einen eleganten Hintergrund für unterschiedliche Veranstaltungen, bevor sie am nächsten Morgen komplett im Nebenraum verschwindet. Wie an dieser Stelle vorhandene Möglichkeiten ausgelotet werden, steht für die gelungene räumliche Organisation der Lobby als Erlebnisraum insgesamt. Beispielhaft dafür ist auch der zwanglos integrierte, nicht nur Hotelgästen vorbehaltene Coworking-Bereich, der als zweite Ebene in den Raum gestellt ist. Über den Frühstückstischen thronend, spiegelt er die Gewohnheiten des digital vernetzten Büronomaden, der bereits beim Frühstück an die Arbeit denkt. Weitsichtigkeit demonstriert auch die Kooperation mit dem Projekt FutureHotel des Fraunhofer-Instituts IAO (Seite 16 ff.Sie mündet in ein virtuelles Reservierungssystem, mit dem sich Gäste bereits vorab das gewünschte Hotelzimmer sichern und bei Ankunft — ohne Zwischenstopp an der Rezeption — per Smartphone-App öffnen können. In einigen der 135 Zimmer, darunter zehn Maisonettes, werden außerdem neuartige Produktlösungen wie gesteuerte Lichteffekte oder ressourcenschonende Messtechnik eingesetzt und erprobt. Die Innovationen leisten Hilfestellung, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Im Mittelpunkt steht der Gast, der sich über präzise durchdachte Komfortmerkmale wie Spiegel, Ablagen oder Kleiderhaken an den richtigen Stellen freut — und über ein höfliches Personal, das mehr Zeit für den Service hat: als freundlicher »Schani«, der alle Wünsche von den Augen abliest.
